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Bad Hersfelderin Christa Pflanz leitet mit 90 Jahren eine Gymnastikgruppe

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Von: Kim Hornickel

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Übungsleiterin seit 27 Jahren: Christa Pflanz feierte am Mittwoch ihren 90. Geburtstag und auch der Vorstand des TV Hersfeld kam zum Gratulieren.
Übungsleiterin seit 27 Jahren: Christa Pflanz feierte am Mittwoch ihren 90. Geburtstag und auch der Vorstand des TV Hersfeld kam zum Gratulieren. © Kim Hornickel

„C’est la vie“, sagt die 90-Jährige und zuckt mit den Schultern, als könnte sie die Leiden und Wehwehchen im Alter damit abschütteln.

Bad Hersfeld – Ein Mal pro Woche macht sich Christa Pflanz auf den Weg in die Jahnhalle in Bad Hersfeld. Dafür steigt sie in ihren Treppenlift, der sie ins Erdgeschoss bringt, schließt ihre Haustür hinter sich und steigt in das Auto eines Bekannten. Die Fahrt dauert keine 5 Minuten und dann ist die Übungsleiterin an der Sporthalle angekommen. Im Aerobic-Raum der Jahnhalle leitet Pflanz eine Stuhlgymnastik-Gruppe. „Ich bin die Älteste, meine Schüler sind so 70 bis 80 Jahre alt“, erklärt die 90-Jährige.

Schon seit 1956 ist Pflanz Mitglied im Turnverein Hersfeld, doch nach nur einem Jahr folgte eine Sportpause, Pflanz bekam ihr erstes von fünf Kindern. 1973 war sie dann wieder im Sportverein aktiv. Mit 63 Jahren folgte die Übungsleiterlizenz. „Ich wurde angesprochen und ich habe zugestimmt“, sagt Pflanz. „Und wer eine Lizenz hat, der muss auch Lehrgänge machen“, erklärt die 90-Jährige und schlägt dabei locker die Beine übereinander.

Pflanz sitzt in ihrer Wohnung in einem großen Haus aus dem Jahr 1928. In ihrem Wohnzimmer zeigt sie auf einen kleinen Fernseher. „Es gab keine passenden Lehrgänge für die Gymnastik, da habe ich mir die Übungen mit DVDs selbst beigebracht“, sagt sie. Pflanz probierte aus, was die Videotrainer vormachten. „Viele können in dem Alter nicht mehr auf die Matte und am Stuhl kann man sich festhalten“, erklärt die 90-Jährige. So kam Pflanz die Idee zur Gymnastik mit Stühlen.

„Ich habe immer Sport gemacht“, erklärt die 90-Jährige. „1997 bin ich sogar bei einem Skimarathon mitgefahren“, sagt sie und strahlt vor Freude. Mit 65 Jahren und der Startnummer 5526 geht Pflanz bei dem Wintersportwettbewerb in Engadin, im schweizerischen Kanton Graubünden, an den Start. „Das hatte jemand vorgeschlagen und ich habe mich überreden lassen“, sagt Pflanz und steht auf, um das Beweisbild aus dem Schrank zu holen. Als sich Christa Pflanz wieder in ihren tiefen Sessel fallen lässt, sagt sie: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ und grinst. „Alles wird mühsam im Alter.“ Erst vor einigen Tagen war Pflanz gestürzt, das habe sie zurückgeworfen, sagt die 90-Jährige. Ihre Gymnastikgruppe musste eine Pause einlegen, bis die Trainerin wieder fit war. Doch Pflanz hält mit Gymnastik gegen den Unfall, in dieser Woche will sie auch wieder Stuhlgymnastik machen.

„C’est la vie“, sagt die 90-Jährige und zuckt mit den Schultern, als könnte sie die Leiden und Wehwehchen im Alter damit abschütteln. Dann grinst sie. „Ich weiß noch, wie man Französisch richtig ausspricht.“ Christa Pflanz kann ein paar Brocken Englisch, Russisch und eben auch Französisch, denn Pflanz reist gern und interessiert sich für andere Kulturen. „Ich war auf einer indischen Hochzeit, da war ich schon in meinen 80ern“, erinnert sie sich. Erst im Juni reiste Pflanz mit ihren Nachbarn in die tschechische Hauptstadt, um ihre Tochter zu besuchen.

Neben der Übungsleiterin hängt ein Wanderrucksack an einer Stuhllehne. „Den hat mir meine Tochter geschenkt, damit ich die Hände frei habe, wenn ich mit meinem Rollator reise“, erklärt sie. Die 90-Jährige schaut sich gern die Welt an, auch wenn das für sie beschwerlicher wird.

Zwischen die Bücher in ihrem Regal hat Pflanz bunte Postkarten gesteckt, die sie aus aller Welt bekommt. Wie kleine Fähnchen ragen sie aus den Regalen. Aus Großbritannien, Norwegen oder Tschechien kommen die Karten. Fremde Kulturen sind für die 90-Jährige nur einen WhatsApp-Anruf entfernt. Sie zieht ihr Handy heraus und tippt auf ein Foto. „Das ist die Familie, die ich damals in Indien kennengelernt habe. Die haben gesagt, ich bin ihre deutsche Familie“, sagt Pflanz und lächelt. Über den Nachrichtendienst schreibt sie noch heute mit ihren ausländischen Freunden.

Auch die politische Lage in anderen Ländern beschäftigt Pflanz. „Ich interessiere mich besonders für Afghanistan,“ sagt sie. Auf ihrem Wohnzimmertisch liegen Zeitungen und Bücher. Die Hobbysportlerin hält sich auf dem Laufenden, beim Thema Weltgeschehen genauso wie in der Sporthalle.

Von Kim Hornickel

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