Montagsinterview mit dem Kreispolitiker, Bankangestellten und Büttenredner Thomas Gerlach

Die Frage am Rosenmontag: „Abhauen oder mitmachen“

Der Parlamentsreporter in der Bütt: Thomas Gerlach ist beim Haunetaler Karneval eine feste Größe. Sein Kostüm ist dem legendären Boten aus dem Bundestag vom Mainzer Karneval entlehnt. Foto: Struthoff

Hersfeld-Rotenburg. Der Grüne Kreistagsabgeordnete Thomas Gerlach aus Bebra-Weiterode ist durch seine scharfzüngigen Büttenreden als „Parlaments-Reporter“ auch im hiesigen Karneval eine feste Größe. Mit ihm sprach Kai A. Struthoff.

Helau, Herr Gerlach, gehen Sie eigentlich heute am Rosenmontag mit einer roten Nase statt mit der obligatorischen roten Krawatte zur Arbeit in die Sparkasse?

Thomas Gerlach: Helau! Eine rote Nase nicht, aber ich habe den Karnevalsorden vom FCN aus Haunetal am Revers, damit dieses Thema auch am höchsten Feiertag des Karnevals immer präsent ist.

Nun gelten Bankangestellte ja gemeinhin als sehr diskret, seriös – und deshalb vielleicht auch als ein wenig langweilig. Was treibt Sie als Bankmitarbeiter sich, noch dazu in einem ziemlich schrägen Kostüm, in die Bütt zu wagen?

Gerlach: (lacht) Das schräge Kostüm ist einem meiner Vorbilder aus dem Mainzer Karneval nachempfunden, nämlich dem Boten aus dem Bundestag, dem schon verstorbenen Jürgen Dietz. Der trug einen richtigen Frack, ich mache es ja etwas flappsiger, deshalb ist mein Kostüm auch nur karikiert. Tja, und ich bin Bankangestellter von 8 bis 17 Uhr. Danach bin ich der Thomas – und der ist manchmal auch ziemlich albern.

In seinen Büttenreden teilt „der Thomas“ ganz ordentlich nach allen Seiten aus. Gibt es für Sie auch Tabus?

Gerlach: Menschen zu beleidigen – das versuche ich zu vermeiden. Parteien aber lasse ich nicht außen vor. Wenn ich in der Bütt stehe, dann bin ich auch nicht der Grüne stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Wenn aus den eigenen Reihen jemand Kokolores macht, wie zum Beispiel in diesem Jahr Simone Peters mit ihren Nafri-Kommentaren, dann sage ich das auch. Das habe ich auch früher schon so gemacht, als ich noch in der CDU war.

Viele Büttenredner schlüpfen gern in die Rolle von Journalisten – so auch Sie. Sind wir Schreiberlinge so witzig?

Gerlach: Nicht unbedingt. Aber Sie haben das Ohr am Puls der Zeit, wie gute Büttenredner, denn es geht ja auch um Tagesaktualität. Deshalb sind Journalisten ein gutes Vorbild für Büttenredner.

Sind Journalisten, im Sinne der Büttenreden, denn wirklich kritisch genug?

Gerlach: Ich denke schon. Sie können die Dinge zwar nicht so veralbern, aber kritisch ist Ihre Zeitung schon.

Ihre Büttenreden bestechen nicht nur durch Frechheit, sondern auch durch die sprachliche Form. Üben Sie vorm Spiegel?

Gerlach: Nee. Ich brauche für die Rede etwa anderthalb Monate, fange also im Dezember an – insgesamt so zehn bis 15 Stunden. Außerdem habe ich ein bisschen Sprachtalent und kann daher Dinge in Reimform sagen. Dabei ist der Till aus dem Mainzer Karneval mein Vorbild, denn ich finde, gereimt klingt es eleganter. An spezielle Reimformen halte ich mich aber nicht – ich will ja kein Goethe für Arme sein.

Aber vorm Spiegel üben Sie schon, oder?

Gerlach: Vorm Spiegel nicht. Aber meine Frau muss die Rede mindestens zweimal vorher hören. Ach doch, den Strip aus der 2016er Rede, Stichwort „nackte Fakten“, habe ich allerdings schon mal vorm Spiegel geübt.

Früher hatten die Könige ja ihre Hofnarren, die Ihnen oft als einzige unverblümt die Wahrheit sagen durften. Bräuchten wir heute in der Politik mehr dieser Klartextredner und das nicht nur im Karneval?

Gerlach: Das glaube ich schon. Wenn man hört, was so auf Parteitagen oder von Politikern gesagt wird, ist das doch oft in einem engen Korsett. Man will bloß nichts Falsches sagen. Deshalb gefallen mir – ganz ohne Parteipräferenz – auch Politiker wie Wolfgang Bosbach oder Christian Ströbele ...

... und Martin Schulz?

Gerlach: Da bin ich mir noch nicht sicher, ob das wirklich ehrlicher Klartext ist, oder vielleicht doch nur ein Stück Taktik.

Auch im Kreistag fallen Sie durch pointierte, aber stets sachlich-fundierte Reden auf. Juckt es Sie nicht manchmal, auch dort den Büttenredner rauszulassen?

Gerlach: Eigentlich nicht. Dafür habe ich zu viel Respekt vor dem politischen Gegner. Ich sage schon deutlich, was mir inhaltlich nicht passt, aber ich bemühe mich immer, den menschlichen Anstand zu wahren.

Macht der Büttenredner und Sparkassenmitarbeiter am heutigen Rosenmontag närrische Dinge?

Gerlach: Hier ist es für mich ein normaler Arbeitstag. Im Sauerland, wo ich ursprünglich herkomme, habe ich aber schon die Rosenmontagsumzüge besucht und meist auch noch am Fastnachts-Dienstag weitergemacht.

Sie sind mit dem Karneval aufgewachsen. Was raten Sie jemand wie mir, der mit diesem närrischen Treiben nicht so viel anfangen kann?

Gerlach: Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder mitmachen, oder fliehen. Nur Ertragen, das geht nicht!

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