Wochenendporträt

Als Uroma in WG: Michaela Schadewald ist 66 und studiert

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Umfangreiches Vorlesungsverzeichnis für ältere Semester: Michaela Schadewald erfüllt sich einen Wunsch, den sie als junge Frau nicht umsetzen konnte, und s tudiert mit 66 Jahren und neben ihrem Beruf Bürgerschaftliches Engagement an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) in Münster.

Michaela Schadewald aus Bad Hersfeld erfüllt sich einen Wunsch, den sie als junge Frau nicht umsetzen konnte: Sie studiert mit 66 Jahren. 

Langeweile hatte Michaela Schadewald definitiv nicht. Die inzwischen 66-Jährige betreibt seit 35 Jahren ein Fitnessstudio in Bad Hersfeld, ist Mitbegründerin und 1. Vorsitzende des Reha- und Gesundheitssportvereins Ludwigsau, Ehefrau, Mutter, Oma und Uroma. Trotzdem entschloss sie sich vor einiger Zeit, zu studieren.

Bei der Suche nach einem geeigneten Studiengang stieß sie auf das Zertifikatsstudium „Bürgerschaftliches Engagement in Wissenschaft und Praxis“ an der Universität Münster. Dieses ist zwar nicht berufsqualifizierend ausgelegt und kann unabhängig vom Schulabschluss aufgenommen werden, wird jedoch mit einem Abschluss beendet. Nur Gasthörerin sein, wie es an einigen Unis für Senioren möglich ist, das wäre der Bad Hersfelderin zu wenig gewesen. „Ich habe etwas gesucht, wo man sich auch anstrengen muss“, sagt Schadewald, die außerdem ihren Horizont erweitern und Gleichgesinnte treffen wollte. „Als junge Frau hätte ich gerne Sport studiert“, erzählt die 66-Jährige. Doch die sehr frühe erste Heirat und das erste Kind hätten dies damals verhindert. Darüber hinaus sei es in den 70er-Jahren schlicht nicht üblich gewesen, als Frau zu studieren.

Als ihre Tochter Studentin war, sei der Wunsch schließlich wieder aufgekommen. „Dann können die Enkel und Urenkel mal sagen, die Oma beziehungsweise Uroma hat studiert“, so Schadewald lachend und auch ein bisschen stolz. Vier Semester und vier Module mit Lehrverstaltungen aus ganz unterschiedlichen Themenbereichen von Soziologie über Politik bis hin zu Medizin umfasst das Studium, für das außerdem mindestens 100 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet werden müssen. Die Begeisterung angesichts der Themenvielfalt ist Schadewald anzusehen, wenn sie im Vorlesungsverzeichnis blättert und erklärt, was sich hinter „Bürgerschaftlichem Engagement in Wissenschaft und Praxis“ so alles verbirgt.

Sich zwischen Einschreibung, Rückmeldung, Seminaren, Vorlesungen und Kolloquien zurechtzufinden, sei anfangs gar nicht so einfach gewesen, inzwischen ist Schadewald aber mit allem, was das Studentenleben mit sich bringt, vertraut. Sie weiß, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, wie man Quellen findet und nutzt. Denn Hausarbeiten muss die 66-Jährige natürlich auch schreiben.

Montagabends setzt sich Schadewald ins Auto, um ins rund 250 Kilometer entfernte Münster zu fahren, wo sie sich gemeinsam mit einer Kommilitonin im gleichen Alter eine kleine Studenten-WG eingerichtet hat – Einweihungsparty inklusive, ganz so wie es sich für richtige Studenten gehört. Gegessen wird regelmäßig in der Mensa, nur für Partys bleibt kaum Zeit, denn mittwochs geht es zurück nach Bad Hersfeld, wo Beruf, Verein und Familie warten.

„Ich arbeite am Wochenende, um mir die Zeit fürs Studium stehlen zu können“, so Schadewald. Von ihren jungen Mitstudenten fühlt sie sich vollkommen akzeptiert, manche seien sogar voller Bewunderung. In Kürze beginnt das dritte Semester, und auch die über 30-seitige Abschlussarbeit rund um das Oberthema „Sport – auf Verordnung oder freiwillig?“ hat die Bad Hersfelderin bereits im Blick. Doch auch danach soll noch nicht Schluss sein. „Ich werde bestimmt als Gasthörerin weitere interessante Veranstaltungen besuchen.“ nm

Quelle: Hersfelder Zeitung

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