Arbeitskampf vor viertem Jahrestag – Händler weist Kritik zurück

Amazon: Verdi plant neue Streik-Taktik - Beschäftigte sprechen von Einschüchterung 

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Zwei von einigen hundert Amazoniern in der Bad Hersfelder Schilde-Halle: Diana Luck und Harald Schäfer beteiligten sich gestern am Streik. Ihre Westen haben sie in Anlehnung an die der Teamleiter bei Amazon kreiert.

Bad Hersfeld. Gemeinsam stark: Im andauernden Arbeitskampf mit Amazon will die Gewerkschaft Verdi nun wieder verstärkt auf koordinierte standortübergreifende Aktionen setzen.

Seit fast vier Jahren werden die beiden Bad Hersfelder Logistikzentren bestreikt. Am 9. April 2013 gab es den ersten Warnstreik.

Zum ersten Streiktag 2017 hatte die Gewerkschaft am Montag aufgerufen. Einige hundert Beschäftigte verschiedener Schichten legten die Arbeit nieder. Verdi und den Streikenden geht es immer noch um die Anerkennung des Tarifvertrags für den Einzel- und Versandhandel. Amazon ist jedoch weiterhin nicht zu Gesprächen bereit und verweist seit jeher auf Löhne, die im oberen Bereich dessen lägen, was in der Logistikbranche üblich sei.

„Amazon investiert in neue Standorte und wächst und wächst. Doch wo bleiben die Mitarbeiter? Statt Wertschätzung gibt es Druck“, sagt die für den Standort Bad Hersfeld zuständige Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke. „Derzeit häufen sich sogenannte Krankengespräche, es wird mit Kündigungen gedroht und diese werden auch ausgesprochen. Es gibt verstärkt Kontrollen bei der Arbeit, selbst Toilettengänge werden beobachtet“, wirft sie dem Onlinehändler vor. Amazon-Sprecherin Anette Nachbar weist diese Anschuldigungen „aufs Entschiedenste zurück“. Gerade in Bad Hersfeld seien vielfältigste Maßnahmen rund um das Thema Gesundheit umgesetzt worden. „Die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter haben höchste Priorität.“

Im vergangenen Jahr hatte Verdi auf eine flexible Streiktaktik gesetzt, um den Arbeitgeber möglichst unvorbereitet zu treffen. In diesem Jahr wolle man wieder verstärkt auf Koordination setzen, kündigte Middeke an. „Wir stehen auch im fünften Jahr weiterhin zusammen und setzen den Arbeitskampf fort.“ Zum vierten Jahrestag ist in Bad Hersfeld zudem eine große Informationsveranstaltung in der Stadthalle geplant.

Geld statt Zuckerwatte

Urlaubsgeld statt Zuckerwatte, Schluss mit dem Pausenklau: Mit diesen und ähnlichen Forderungen sind die Amazonier aus Bad Hersfeld ins Streikjahr 2017 gestartet. Entsprechende Plakate zierten die Schilde-Halle, die gestern einmal mehr als Streiklokal diente.

Rund 250 Streikende hatten sich dort am Montagvormittag eingefunden, als unter anderem Verdi-Gewerkschaftssekretärin Mechthild Middeke und DGB-Kreisvorsitzender Rolf Müller zu ihnen sprachen. Gleichzeitig sollte die Zusammenkunft laut Middeke dazu dienen, miteinander ins Gespräch zu kommen und das begonnene Jahr zu planen.

Der neue DGB-Kreisvorsitzende nutzte die Gelegenheit, um sich als Nachfolger des bei den Streikenden immer gern gesehenen Klaus Schüller vorzustellen und ihnen weiterhin die Solidarität des Deutschen Gewerkschaftsbundes zuzusichern.

Von einer „Einschüchterungskampagne“, die zurzeit bei Amazon laufe, sprachen einige der Streikenden. Von Beobachtung, Abmahnungen und Redeverboten war die Rede, wenngleich die meisten Streikenden nur ungern ihre Namen öffentlich nennen, weil sie Repressalien fürchten. „Ich arbeite gerne bei Amazon“, sagt indes Andrea Schmidtkunz, die seit 2008 bei dem Onlineversandhändler in Bad Hersfeld ist. Das Miteinander unter den Beschäftigten sei gut und in den vergangenen Jahren habe sich schon einiges getan.

„Es ist menschlicher geworden“, meint sie. Trotzdem gebe es immer noch einiges zu verbessern, erklärt sie ihre Teilnahme an den Streiks. Die Verdi-Mitglieder seien neben dem Betriebsrat wichtige Ansprechpartner für viele Amazonier. Amazon kontert die jüngsten Vorwürfe. „An allen deutschen Standorten sind seit dem Start von Amazon sichere und attraktive Arbeitsplätze entstanden. Einheitliche Prozesse im Gesundheitsmanagement und in der Sicherheit gewährleisten hohe Standards“, sagt Sprecherin Anette Nachbar. „Bei den Pausen bieten wir weit mehr als gesetzlich vorgeschrieben. Diese Pausen sind in Bad Hersfeld zweimal 30 Minuten Pause je Schicht, und sie sind mit dem Betriebsrat abgestimmt.“ Für Toilettengänge werde selbstverständlich nicht ausgestempelt.

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