Nur wenig Corona-Protest

Auch Antisemitismus wird im Kreis Hersfeld-Rotenburg kaum offen gezeigt

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Erforscht seit Jahrzehnten die Geschichte der Juden im Kreis Hersfeld-Rotenburg: Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg hat unter anderem das Buch „Sie waren unsere Nachbarn. Hersfelds jüdische Familien“ geschrieben. Für seine Forschungen wird er auch angegriffen.

Antisemitismus hat im Landkreis Hersfeld-Rotenburg nicht zugenommen durch die Corona-Krise. 

In Krisenzeiten wird häufig jemand gesucht, den man für das ganze Dilemma verantwortlich machen kann. Dazu gibt es eine Fülle von Verschwörungsthesen, die je nach Weltanschauung Bill Gates, den Chinesen oder den Juden die Schuld für den Ausbruch der Corona-Pandemie in die Schuhe schieben.

Letzteres ist ein Phänomen, ein Ausdruck von Antisemitismus, der Werner Schnitzlein, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, seit Langem wohl bekannt ist. Auch Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg, der sich seit Jahrzehnten intensiv dafür einsetzt, dass die Geschichte der Menschen jüdischen Glaubens in der Region nicht vergessen wird, hat immer wieder Erfahrungen mit judenfeindlichen Äußerungen gemacht.

Doch während das Problem Antisemitismus spätestens seit den Anschlägen von Halle im Herbst 2019 sehr präsent ist, haben weder Schnitzlein noch Nuhn im Landkreis Hersfeld-Rotenburg in den vergangenen Monaten einen Anstieg bemerkt. Seit März hätten wegen des Kontaktverbots ohnehin keine Veranstaltungen mehr stattgefunden, sagt Werner Schnitzlein.

Doch auch früher habe es in der Regel keine negativen Reaktionen auf die Aktivitäten der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gegeben. Auch bei den Verlegungen von Stolpersteinen, kleinen Messing-Tafeln, die im Boden eingelassen werden und an die früheren Wohnorte jüdischer Mitbürger erinnert, habe es bisher keine Probleme gegeben, erklärt Schnitzlein und beruft sich dabei auch auf Karl Honickel aus Schenklengsfeld, ebenfalls sehr aktiv bei der Aufarbeitung der Geschichte der Juden in der Region.

Dr. Heinrich Nuhn ist dagegen schon mehrfach mit Kritik und Ablehnung konfrontiert worden, vor allem, wenn er die Beteiligung der einheimischen Bevölkerungen an Misshandlung, Ächtung, Pogromen oder Deportationen der Menschen jüdischen Glaubens öffentlich machte. „Kann man denn nicht endlich mal einen Schlussstrich ziehen“, ist nur eine der verärgerten Aussagen, mit denen er konfrontiert wurde. „Ich fühle mich aber nicht bedroht“, betont Dr. Heinrich Nuhn und erzählt fast ein wenig amüsiert, dass Leute, die ihren Unwillen gegen die von ihm initiierte Erinnerungsarbeit äußerten, dabei durchaus die Formen der Höflichkeit wahrten.

„Antisemitismus ist nicht mit Argumenten aus der Welt zu schaffen“, ist Dr. Nuhn überzeugt. Das gilt wohl auch für die Verschwörungsgeschichten, die im Umlauf sind.

Beim Polizeipräsidium Osthessen sind jedenfalls bezüglich aktivem Antisemitismus keine Vorfälle bekannt, erklärt Pressesprecher Dominik Möller. Zum Thema Corona habe es vereinzelt Versammlungen gegeben, die aber alle friedlich verlaufen seien. In Bad Hersfeld habe am 7. Mai ein Mann abends auf dem Linggplatz über die angebliche „Corona-Lüge“ schwadroniert, habe seine Privatkundgebung aber bereits abgebrochen, bevor die Polizei gekommen sei. Am 15. Mai habe, so Möller, auf dem Linggplatz zwischen 11 und 11.15 Uhr eine Versammlung mit dem Thema „Das Grundgesetz ist kein Klopapier“ mit einer Teilnehmerzahl im unteren einstelligen Bereich stattgefunden.

Quelle: Hersfelder Zeitung

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