MONTAGSINTERVIEW

„Auch Unkraut ist nützlich“, sagt Rainer Ullmann vom Nabu im Kreis Hersfeld-Rotenburg

 Rainer Ullmann aus Wippershain vor einer der Nisthilfen für Insekten, die der Nabu auf der Streuobstwiese auf dem Bad Hersfelder Johannesberg aufgestellt hat.
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Wenn es in der Natur summt und brummt, dann fühlt er sich wohl: Nabu-Mitglied und Naturfreund Rainer Ullmann aus Wippershain vor einer der Nisthilfen, die der Nabu auf der Streuobstwiese auf dem Bad Hersfelder Johannesberg aufgestellt hat.

Warum der eigene Garten nicht manikürt wie ein Golfplatz aussehen muss, erklärt Nabu-Mitglied und Naturfotograf Rainer Ullmann aus Wippershain im Gespräch mit Kai A. Struthoff.

Hersfeld-Rotenburg - Frühlingszeit ist auch Gartenzeit, denn dort ist jetzt besonders viel zu tun.

Herr Ulmann, der Frühling lässt sich Zeit in diesem Jahr, Mitte April und Minusgrade in der Nacht. Ist das gut für die Natur?

Viele Pflanzen haben in den warmen Tagen, die wir auch schon hatten, ausgetrieben, und jetzt besteht die Gefahr, dass sie erfrieren. In den Weinregionen wird deshalb Wasser gesprüht, weil das Eis, das sich dann an den Reben bildet, etwas isoliert und schützt. Der Wechsel der Jahreszeiten ist aber wichtig, denn durch strenge Winter werden auch die Schädlinge dezimiert. Jung-Störche hingegen können sogar sterben, wenn noch ein Kälteeinbruch kommt und ihr Gefieder nass ist. Das passiert leider auch bei uns im Fuldatal immer wieder.

Der Nabu bietet Seminare zum richtigen Baum- und Heckenschnitt an. Das steht ja im Frühjahr in vielen Gärten an. Was ist dabei zu beachten?

Laut Bundesnaturschutzgesetz dürfen Hecken nur vom 1. Oktober bis zum 28. Februar geschnitten werden, sonst droht ein Bußgeld. Obstbäume können noch bis Ende März geschnitten werden. Ich selbst mag Rosen, da heißt es, man soll sie schneiden, wenn die Forsythien blühen. Die Vogelwelt hingegen passt sich meist der Natur an. Sie bauen erst Nester und legen Eier, wenn es auch wärmer wird. Wenn man sich an die vorgeschriebenen Schnittzeiten hält, kann brütenden Vögeln oder ihren Nestern nicht viel passieren.

Wenn die Blüten sprießen, sprießt auch das Unkraut. Viele Leute setzen daher auf Schotter oder Kies statt Blumen und Pflanzen. Ist das gut?

Nein, das ist nicht erstrebenswert, denn gerade den Bienen und anderen Kleintieren fehlen die Blüten und Pflanzen als Nahrung, die sie gerade im Frühling dringend brauchen. Insekten sind wiederum oft auch Nahrung für Vögel, die diese Proteine brauchen.

Hier gibt es so viel Natur, da ist es doch nicht so schlimm, wenn ich einen gekiesten Vorgarten habe, um mir das Unkrautjäten zu ersparen?

Ein einzelnes Beet ist sicher nicht so schlimm, aber allgemein geht eben der Trend zu dieser Form von Vorgärten. Doch nicht nur das ist ein Problem: Auch wenn Grünflächen aussehen wie der Rasen im Wembley-Stadion, dann fehlen die Blütenpflanzen. Der Nabu empfiehlt deshalb in jedem Garten wenigstens eine Art „Wildwuchsecke“ zu haben.

Warum das denn?

Weil dort auch mal Brennnesseln wachsen, die sind sehr nützlich, gerade für Insekten. Aber auch Laub oder Rasenschnitt kann man ruhig mal in einer Ecke liegen lassen, denn darin können sich Igel und andere kleine Tiere verstecken.

Wenn aber im Rasen mehr Löwenzahn als Grashalme sind, dann hilft doch nur die chemische Keule?

Von chemischen Unkrautvernichtern halten wir beim Nabu nichts. Dann lieber wachsen lassen oder mit Muskelkraft Unkraut zupfen. Keiner muss sich schämen, wenn er Löwenzahn im Garten hat, denn auch der ist sehr wichtig für die Insekten. Das sieht man ja auch, wenn es dann auf der Wiese summt und brummt.

Was kann man noch tun, damit sich Kleintiere und Insekten auch im heimischen Garten wohlfühlen?

Gerade Nisthilfen für Insekten sind sehr wichtig, allerdings sollte man dabei darauf achten, dass die Löcher darin nicht größer als etwa zehn Millimeter sind. Man sieht oft Backsteine, die mit den Löchern nach vorn aufgestellt werden. Aber da gehen Insekten eigentlich nicht rein, die sind einfach zu groß. Besser ist eine einfache Hartholzscheibe, am besten aus Buche, in die man mit der Bohrmaschine ein paar Löcher macht. Aber natürlich gibt es auch fertige Nisthilfen im Baumarkt.

Aber ziehen solche Insektenhäuser dann nicht auch die Wespen an?

Nein, eigentlich nicht. In diesen Nisthilfen suchen nach unserer Erfahrung nur die nützlichen Insekten eine Unterschlupfmöglichkeit.

Das Liebesspiel der Eisvögel: Mit viel Geduld und nach langem Ansitzen gelang Rainer Ullmann dieses Foto mit Seltenheitswert. Das Eisvogelmännchen übergibt vor der Kopulation einen erbeuteten Fisch als Brautgeschenk an das Weibchen.

Als Naturfotograf haben Sie viele beeindruckende Aufnahmen von Vögeln gemacht. Die kann man auch am heimischen Vogelhaus beobachten. Ist es jetzt im Frühling noch ratsam, die Vögel zu füttern?

Da gibt es selbst im Nabu unterschiedliche Meinungen, aber einige Fachleute sind der Meinung, dass man Vögel ruhig ganzjährig füttern kann. Allerdings brauchen die Vögel als Nahrung für ihre Jungen vor allem Insekten, denn an den Nachwuchs verfüttern sie ja keine Sonnenblumenkerne. Die Kleinen brauchen Proteine. Ich selbst füttere ganzjährig zum Beispiel zerhackte Nüsse oder Senfkörner. Die Vögel nehmen sich dann schon das, was sie brauchen.

Gemessen an den Großstädten leben wir ja hier in einer verhältnismäßig intakten Natur, oder trügt dieser Eindruck?

Natürlich sehe ich es mit Sorge, wenn immer mehr Flächen versiegelt werden und überall neue Gewerbegebiete entstehen, egal ob sie dann auch genutzt werden oder später leer stehen. Umso wichtiger ist es, dass jeder versucht, mit kleinen Mitteln einen Rückzugsort für Insekten, Bienen und Vögel zu schaffen. Bei mir zuhause im Garten finden Sie jedenfalls keinen manikürten Wembley-Rasen.

Zur Person

Rainer Ullmann (70) wurde in Bad Hersfeld geboren. Nach der Volksschule hat er eine Ausbildung zum Sanitär- und Heizungsbauer gemacht und hat lange in seinem Beruf gearbeitet. Später wurde er Hausmeister an den Beruflichen Schulen am Obersberg, wo er bis zum Ruhestand beschäftigt war. Ullmann ist verheiratet und lebt mit seiner Ehefrau in Wippershain. Er hat einen Sohn und eine Tochter. Ullmann ist seit vielen Jahren Mitglied bei der Nabu-Gruppe in Bad Hersfeld, betont allerdings, dass er kein Experte ist. Zu seinen Hobbys gehören die Naturbeobachtung und die Tierfotografie. Einige seiner Fotos wurden in unserer Zeitung veröffentlicht. Obwohl es zurzeit wegen Corona keine Treffen gibt, erklärt Ullmann, dass Interessierte bei den Zusammenkünften der Nabu-Gruppe, die sich im Heim der Marine-Kameradschaft trifft, stets willkommen sind.  (kai)

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