Mit Zuversicht ins neue Jahr: So beurteilen Experten die Lage

Wirtschaftsprognose 2022 für den Kreis Hersfeld-Rotenburg: Arbeitsmarkt stabil, Auftragsbücher voll

Die brummende Bauwirtschaft gehört zu den Stützen der Konjunktur: Unser Archivfoto entstand bei der Felswand-Sicherung in Widdershausen und zeigt Mitarbeiter der Bad Hersfelder Baufirma Räuber bei dem Bau einer Böschung.
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Die brummende Bauwirtschaft gehört zu den Stützen der Konjunktur: Unser Archivfoto entstand bei der Felswand-Sicherung in Widdershausen und zeigt Mitarbeiter der Bad Hersfelder Baufirma Räuber bei dem Bau einer Böschung.

 Nach fast zwei Jahren der Corona-Pandemie blicken führende Wirtschaftsexperten unserer Region immer noch überwiegend zuversichtlich ins neue Jahr 2022. 

In der jährlichen Konjunkturumfrage unserer Zeitung (siehe Hintergrund) rechnen die Fachleute mit einem stabilen Arbeitsmarkt und verweisen auf gut gefüllte Auftragsbücher.

Schwierig bleibe die Lage allerdings im Einzelhandel, im Tourismus und der Gastronomie. Auch die Lieferengpässe für viele Rohstoffe und Materialien belasten das Wirtschaftsklima.

Corona bleibe aber auch in den nächsten Monaten das dominierende Thema, sind sich die Experten einig. Deshalb steht die Wirtschaft einer allgemeinen Impfplicht auch aufgeschlossen gegenüber, wenngleich die eigentliche Entscheidung politisch getroffen werden müsse.

Mit Zuversicht blickt beispielsweise der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg, Reinhard Faulstich, ins neue Jahr. „Wir sind bisher hier im Landkreis ganz ordentlich durch die Wirren der Corona-Krise gekommen. Teilweise haben die Unternehmen sogar erheblich profitiert und investieren nach“, hat er festgestellt. Obwohl einige Branche wie Handel und Gastronomie stärker von Corona betroffen seien, überwiege bei Faulstich der Optimismus für das kommende Jahr.

Der Chef der Arbeitsagentur, Waldemar Dombrowski, verweist auf ein deutliches Stellenplus gegenüber dem Vorjahr sowie spürbar gesunkene Arbeitslosigkeit. Auch wenn im Winter die Arbeitslosigkeit saisonal wieder ansteigen werde, ist er „vorsichtig optimistisch, dass die Arbeitslosigkeit im Jahr 2022 auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verbleiben wird.“

Hintergrund: Wirtschaftsexperten schätzen Lage ein

Seit mehreren Jahren befragt unsere Zeitung zum Jahreswechsel die führenden Wirtschaftsvertreter der Region zu den Konjunkturaussichten. Folgende Experten schätzten für uns die wirtschaftliche Lage ein: Julia Kossack (Leiterin IHK-Service-Centrum), Waldemar Dombrowski (Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda), Reinhard Faulstich (Vorstandsvorsitzender Sparkasse Bad Hersfeld-Rotenburg), Bernd Rudolph (Geschäftsführer Wirtschaftsförderung des Kreises) und Hans-Wilhelm Saal (Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hersfeld-Rotenburg). kai

„Auf Ideen statt Verbote setzen“

Unsere Zeitung hat auch in diesem Jahr wieder führende Experten aus der Region zu den Wirtschaftsaussichten im neuen Jahr und zu ihren Erwartungen an die neue Bundesregierung befragt.

Konjunktur

Alle sind eher optimistisch: „Wir gehen aktuell davon aus, dass sich die konjunkturelle Lage weiter stabilisiert“, sagt etwa Julia Kossack vom IHK-Servicezenturm, verweist aber auf Unsicherheiten wegen der weiteren Corona-Entwicklung. „Im kommenden Jahr wird sich der Landkreis weiterhin gut und stabil entwickeln“, glaubt auch Hans-Wilhelm Saal, der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Sorgen bereiten der Wirtschaft allerdings weiterhin Fachkräftemangel und Lieferengpässe. „Im kommenden Jahr setze ich im Verlauf des zweiten Quartals auf eine Stabilisierung der Konjunktursituation, zumal es Nachholbedarf beim Konsum geben dürfte“, meint dennoch der Chef der Arbeitsagentur, Waldemar Dombrowski.

Arbeit und Aufträge

Einig sind sich alle Fachleute, dass der Arbeitsmarkt in der Region weitgehend stabil bleiben wird, und dass die Auftragsbücher immer noch gut gefüllt sind.

Corona-Folgen

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind über die schuldenfinanzierten Hilfs- und Ausgleichprogramme immer noch kaum sichtbar, hat der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Reinhard Faulstich beobachtet. „Der prosperierende Onlinehandel beschleunigt aber Konsolidierung und Transformation der Ladengeschäfte in unseren Städten“, warnt er zugleich.

„Wir stellen regional fest, dass die konsumtiven Branchen wie Handel und Gastronomie sehr gelitten haben“, berichtet Julia Kossack. Ihr Kollege Bernd Rudolph von der Wirtschaftsförderung bestätigt, dass dieser Trend seit 2020 anhalte. „Primär betroffen sind das Beherbergungsgewerbe, die Gastronomie, der Handel und der Kultur- und Event-Bereich“, so Rudolph. Waldemar Dombrowski registriert zudem bei der Arbeitsagentur einen vermehrten Beratungsbedarf beim Kurzarbeitergeld. Hans-Wilhelm Saal von der Kreishandwerkerschaft weist zudem auf die gesellschaftlichen Folgen hin: „Die Corona Pandemie hat die vielen Schwachstellen in unserem Miteinander offen gelegt.“

Neue Bundesregierung

Die Erwartungen an die Ampel-Koalition in Berlin sind unterschiedlich. So hofft Arbeitsagenturchef Dombrowski, dass trotz der hohen Corona-Kosten noch genügend Mittel für eine „weiterhin aktive präventive und nachhaltige Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung stehen“. Auch der Fortgang der Digitalisierung ist für ihn wichtig.

Sparkassenchef Faulstich indes denkt spontan an den „überwiegend gut gemeinten, aber schlecht gemachten Verbraucherschutz. Hier würde ich mich über eine klare Richtung mit einfachen Regeln für Unternehmen und Verbraucher freuen“, sagt er.

Julia Kossack von der IHK ist wichtig, „dass die neue Bundesregierung auf die ordnungspolitischen Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft setzt, zum Beispiel beim Thema Klimaschutz auf unternehmerische Innovation und technischen Ideenreichtum statt auf Verbote“. Ähnlich äußert sich der Wirtschaftsförderer Bernd Rudolph. Er fordert, „Klimaschutz und wirtschaftliches Handeln zu vereinbaren.“

Klimaschutz

Der Klimaschutz ist eines der Kernthemen der neuen Bundesregierung. Die örtlichen Fachleute sehen darin mehr Chancen als Risiken: „Die Wirtschaft ist sich ihrer Verantwortung bewusst und gewillt, diesen Transformationsprozess zu beschreiten.“, unterstreicht Julia Kossack. Dieser könne mittels unternehmerischer Innovationen und der dazu notwendigen Infrastruktur gelingen, die die Politik mit sinnvollen Anreizen und geeigneten Rahmenbedingungen ermöglichen und vertieft fördern solle. Wirtschaftsförderer Rudolph erkennt zugleich, dass dabei auch die Diskussion über die zukünftige Nutzung der vorhandenen Flächen ein wesentlicher Bestandteil sein werde.

Für das Handwerk plädiert Hans-Wilhelm Saal für einen Fortschrittspakt – nicht nur beim Klimaschutz – mit dem Handwerk, besonders im ländlichen Raum. Sparkassenchef Faulstich verweist darauf, dass viele Unternehmen schon jetzt nachhaltig aktiv seien. Wichtig sei, „dass erfolgreiches Wirtschaften in der erforderlichen Transformation weiter möglich ist“. Als Beispiel nennt er für den Immobiliensektor die Energiepreise und Vorschriften für den Hausbau, aber auch die gesamte Logistikbranche. Dabei müsse auch den unterschiedlichen Lebensverhältnissen in unserem Land Rechnung getragen werden.

Sorgen und Risiken

Der Fachkräftemangel treibt die Experten um: „Wir steuern vom Fachkräftemangel in eine Fachkräftekatastrophe, mit all ihren Konsequenzen“, warnt Hans-Wilhelm Saal. Deshalb müsse auch der Ausbildungsmarkt verstärkt im Fokus stehen, ergänzt Julia Kossack. Auch Arbeitsagenturchef Dombrowski sieht pandemie-bedingt Nachholbedarf. Sparkassenchef Faulstich indes sorgt sich um die Inflation, die „an den Ersparnissen der Bevölkerung nagt“ und um die anziehenden Immobilienpreise. „Die Geister, die aus den Füllhörnern ungebremster Geldpolitik entwichen sind, bringen jetzt viele junge Familien in der Nestgründungsphase in Bedrängnis“, sagt Faulstich. kai

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