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Den Opfern ihre Würde zurückgeben

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Von: Ute Janßen

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Die Ausstellung: Lisa Hendrich vom Stadtmarketing, Aysegül Tas-Dogan und Dr. Ulrich Schneider standen den Gästen der Vernissage auch während des Ganges durch die Ausstellung als Gesprächspartner zur Verfügung.
Die Ausstellung: Lisa Hendrich vom Stadtmarketing, Aysegül Tas-Dogan und Dr. Ulrich Schneider standen den Gästen der Vernissage auch während des Ganges durch die Ausstellung als Gesprächspartner zur Verfügung. © Ute Janßen

Die Ausstellung „Aktion Reinhardt“ in der Wandelhalle im Kurpark erinnert an die ermordeten Menschen in den Vernichtungslagern Sobibor, Belzec und Treblinka.

Bad Hersfeld – Sobibor, Belzec und Treblinka – diese drei Orte stehen für die sogenannte „Aktion Reinhardt“, bei der von März 1942 bis Oktober 1943 zwischen 1,6 und 1,8 Millionen Juden, dazu rund 50 000 Sinti und Roma sowie nicht-jüdische Polen ermordet wurden. Anders als Orte wie Auschwitz, Dachau und Buchenwald haben diese drei Ortsnamen vergleichsweise wenig Spuren in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen, obwohl sie in einzigartiger Weise für den Beginn des industriellen Massenmordes an den europäischen Juden stehen

Die Wanderausstellung „Aktion Reinhardt. Sie kamen ins Ghetto. Sie gingen ins Unendliche“, die von der Gedenkstätte Majdanek entwickelt wurde, widmet sich diesem Thema. Sie wird mitgetragen vom Stadtmarketing der Stadt Bad Hersfeld, dem Jüdischen Museum Rotenburg, der Initiative Bunt statt Braun, der Projektgruppe Zeitsprünge, dem Hersfelder Geschichtsverein sowie der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Mit einer Vernissage wurde sie in der Wandelhalle im Kurpark eröffnet, wo sie bis Jahresende zu sehen ist. Mit einem regionalen Teil, der von Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg entwickelt wurde, erinnert die Ausstellung zugleich daran, dass vor 80 Jahren die letzten Juden aus den Landkreisen Hersfeld und Rotenburg deportiert wurden.

Aysegül Tas-Dogan, Mitglied des Magistrats der Kreisstadt Bad Hersfeld, betonte in ihrer Eröffnungsrede, dass es gerade jetzt, wo so gut wie keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Verbrechen mehr am Leben seien, besonders wichtig sei, an die Menschen zu erinnern, die im Zuge der „Aktion Reinhardt“ systematisch und mit industrieller Präzision ermordet worden seien. Tas-Dogan hob besonders die Verdienste von Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg hervor, der krankheitsbedingt nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnte. Er ist nicht nur der Initiator dieser und weiterer Ausstellungen, sondern hat mit den gezeigten Exponaten aus dem Jüdischen Museum in Rotenburg auch dafür gesorgt, dass in der Ausstellung ein Zusammenhang zur hiesigen Region hergestellt wird. Insbesondere Schülergruppen empfahl Aysegül Tas-Dogan einen Besuch der Ausstellung und kündigte an, demnächst mit ihrer eigenen Klasse in die Wandelhalle zu kommen.

Der Historiker und Pädagoge Dr. Ulrich Schneider zog eine Verbindungslinie von der Ausgrenzung hin zur Gewalt gegen Juden. Spätestens seit der Pogromnacht von 1938 seien Vorbereitungen für den systematischen, industriellen Völkermord an den europäischen Juden getroffen worden. Die Aktion Reinhardt habe dabei eine besondere Rolle gespielt. Durch die Besetzung Polens sei Raum für die Deportation von Juden aus dem Deutschen Reich und aus anderen europäischen Ländern geschaffen worden. Die Deportationen seien darüber hinaus weitgehend aus geraubten jüdischen Vermögen finanziert worden, sodass die Menschen nicht nur mit ihrem Leben, sondern auch mit ihrem Eigentum bezahlt hätten. Schneider wies darauf hin, dass sich der Sammelpunkt für die Deportationen aus Kurhessen in der Turnhalle der Kasseler Bürgerschule befunden habe. Von hier aus seien Transporte nach Riga und Theresienstadt gegangen, viele der Deportierten seien später dort und in anderen Lagern ermordet worden. Die Lager Belzec, Treblinka und Sobibor, die bewusst in abgelegenen Gebieten Ostpolens eingerichtet wurden, seien reine Vernichtungslager gewesen. Dort habe es keine Selektionen gegeben, die Menschen seien unmittelbar nach ihrer Ankunft umgebracht worden. Transportlisten oder genaue Zahlen gibt es keine, selbst die Gräber seien im November 1943 dem Erdboden gleichgemacht worden.

Ulrich Schneider rief dazu auf, nicht nur an die Verbrechen zu erinnern und die Täter zu benennen, sondern vor allem die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Man müsse den Menschen die Würde und die Erinnerung zurückgeben, das bleibe auch für die Gegenwart eine wesentliche Aufgabe.

Die Ausstellung zur Aktion Reinhardt ist bis zum 31. Dezember täglich zwischen 9 und 19 Uhr in der Wandelhalle im Kurpark zu sehen. (Ute Janssen)

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