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Musikalische Achterbahnfahrt: Martin Lingnau hat das Musical Goethe! komponiert

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Von: Christine Zacharias

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Tanzsszene aus dem Musical „Goethe!“
Das Musical „Goethe!“ wurde 2021 bei den Bad Hersfelder Festspiele begeistert gefeiert und ist dieses Jahr erneut zu sehen. Die Musik stammt von Martin Lingnau. © Steffen Sennewald

Martin Lingnau ist einer der ganz Großen im Musikgeschäft. Wir haben mit auch darüber gesprochen, warum ihm das Musical „Goethe!“ besonders am Herzen liegt.

Bad Hersfeld – Martin Lingnaus Musicals, Film- und Fernsehmelodien kennt jeder, auch wenn er selbst nicht so prominent ist. Lingnau hat die Musik für die Bad Hersfelder Musical-Produktion „Goethe!“ geschrieben.

Herr Lingnau, man hat sie als „Mozart von St. Pauli“ bezeichnet und in der Tat ist die Liste Ihrer Kompositionen beeindruckend lang. Wie entstehen ihre Musikstücke? Fließen sie aus Ihnen heraus oder werden sie Note für Note zusammengesetzt?

Zuerst einmal überlege ich mir eine Musikfarbe für die jeweilige Produktion. Welcher musikalische Malkasten passt am besten zu dem Thema? „Das Wunder von Bern“ klingt anders als „Der Schuh des Manitu“ und der wiederum anders als „Goethe!“ Ich komponiere erst mal eine Art Suite, um ins Thema einzutauchen und mich darin zu bewegen. An welcher Stelle im Musical diese Melodie dann eingesetzt wird, weiß ich vorher gar nicht. Bei „Goethe!“ taucht dieses Grundthema zum Beispiel im Prolog und in der Jahrmarktszene wieder auf. Ich versuche mich reinzufinden in die Sprache, die ein Musical braucht. Denn hier gibt es nur ein Ego und das ist das Musical.

Auf dem Foto ist Martin Lingnau zu sehen. Er hat das Musical „Goethe!“ komponiert für die Bad Hersfelder Festspiele.
Martin Lingnau hat das Musical „Goethe!“ komponiert für die Bad Hersfelder Festspiele. © Tine Acke

Wie war das bei „Goethe!“?

Bei „Goethe!“ sind wir von der inhaltlichen Idee ausgegangen, dass Goethe der erste Popstar war. Er wurde nach Erscheinen des Werther schnell unheimlich bekannt. Musikalisch findet sich das wieder, indem die symphonische Musik des Musicals durch Pop-Elemente bereichert wird. Dann erst folgen die großen Ws: Wer singt wann, warum, welches Lied?

Wie muss ich mir die Entstehung eines Musicals vorstellen? Gibt es da eine Idee und einen Text und Sie schreiben die Musik dazu oder entsteht das gleichzeitig in einem gemeinsamen kreativen Prozess?

Gil (Mehmert), Frank (Ramond) und ich entwickeln zuerst die Wirbelsäule, die Dramaturgie eines Stückes. Das umfasst so etwa fünf Seiten. Da geht es um die Reihenfolge der Ideen und von Liedern. Dann entwickeln wir an diesem Fahrplan von A bis Z ein Exposé, eine Inhaltsangabe, die Szenenfolge und die Liederfolge. Dabei merkt man, ob man die musikalische Achterbahn richtig geplant hat, damit nicht drei Balladen aufeinanderfolgen, sondern ein langsames auf ein schnelles, ein leises auf ein lautes Stück oder eine große Szene auf eine kleine. Das macht mir unheimlich Spaß und ist sehr aufregend. Wenn das alles zusammengestellt ist, dann geht das Komponieren los und die Songs werden entwickelt. Mal ist zuerst der Text da, mal die Musik. Mal geht es wie bei Ping-Pong hin und her.

Wie sind Sie zu „Goethe!“ gekommen?

„Goethe!“ war ursprünglich eine Auftragsarbeit von Stage Entertainment als Nachfolger von „Das Wunder von Bern“. Weil die Ausrichtung der Firma sich geändert hat, landete es aber erst mal in der Schublade. Dann hat Gil (Mehmert) Joern (Hinkel) angesprochen und sie haben die Produktion für Bad Hersfeld geplant.

Hat es einen Grund, dass „Goethe!“ weder auf Ihrer Homepage noch bei Wikipedia erwähnt wird?

Ich bin einfach noch nicht dazu gekommen, die Homepage zu aktualisieren. Da fehlt mir vor lauter Komponieren die Zeit dazu. Auch die Fernsehreihe „Der Palast“ ist dort übrigens noch nicht vertreten.

Zu „Goethe!“ gibt’s jetzt auch eine CD. Wie ist die entstanden?

Das ist ein Live-Mitschnitt, aber von verschiedenen Aufführungen. Wir haben geguckt, welche Aufzeichnung wir für welches Lied nehmen. Das Abmischen und Produzieren war ziemlich viel Arbeit, weil das Stück ja fast ausschließlich aus Musik besteht.

Und wer ist die Zielgruppe? Viele Menschen haben gar keinen CD-Player mehr, weil sie Musik aus dem Internet herunterladen. Gibt es da ein entsprechendes Angebot?

Man findet „Goethe!“ natürlich auch online bei allen Anbietern. Die CD wird langsam zum Sammelobjekt. Ich finde das sehr bedauerlich. Ich habe schon das Verschwinden der Vinylplatten bedauert. Da geht einfach das Haptische verloren. Jetzt verschwinden auch noch die Booklets. Das muss man nicht toll finden, es ist halt so. Andererseits ist es auch schön, dass man jede Musik, die man hören will, jederzeit dabeihaben kann. Billy Joel, ein großes Vorbild von mir, sagte einmal: „Machen wir uns nichts vor. Wir machen alle nur Musik für schäbige Autolautsprecher.“ Musik ist ein Teil des Alltags..

Gibt es eine Komposition, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Tatsächlich ist das „Goethe!“. Das ist bislang das einzige Musical aus meiner Feder, das durchkomponiert ist. Diese Art und Weise mit Musik ein Thema zu bearbeiten macht unglaublich Freude. Es gibt kein einziges Musikstück, das nicht gespiegelt ein anderes Mal wiederkommt, dann aber in anderer Bedeutung und ganz anders interpretiert.

Noch mal zurück zum „Mozart von St. Pauli“: Bedauern sie, dass moderne Komponisten nicht so berühmt sind wie seinerzeit Mozart?

Ich bin unglaublich froh, dass ich zum Bäcker gehen kann und mich keiner erkennt. Ich bin froh, dass ich auf diesem Level arbeiten kann und mein Leben mir trotzdem erhalten geblieben ist. Für mich ist es ein großes Geschenk, dass ich so viele verschiedene tolle Sachen machen darf und gleichzeitig trotzdem die Möglichkeit habe, mit meinem Sohn durch die Stadt zu gehen, ohne dass jemand weiß, wer ich bin. (Christine Zacharias)

Zur Person

Martin Lingnau stammt aus Wilhelmshaven. Er studierte Komposition, Orchestration und Harmonielehre und besuchte verschiedene internationale Meisterklassen. 1994 begann er für das „Schmidt Theater“ und „Schmidt’s Tivoli“ in Hamburg zu arbeiten und ist dort bis heute Künstlerischer Leiter. Er hat 25 Musicals geschrieben, unter anderem „Heisse Ecke“, „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“, „Der Schuh des Manitu“ und „Das Wunder von Bern“. Außerdem komponiert er Filmmusik für TV-Events wie „Charité“ oder „Der Palast“, vertont internationale Animations-Kinofilme wie „Luis & the Aliens“ und „My fairy Troublemaker“ und komponiert für Großevents wie die Eröffnungszeremonie der Alpinen Skiweltmeisterschaft 2011 oder den 300. Geburtstag der Stadt Karlsruhe. (zac)

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