Interview mit Patrick Arens

Schaustellerverband: Auch Schnellstart von Lolls in Bad Hersfeld möglich

So wird es dieses Jahr auf dem Bad Hersfelder Marktplatz wieder nicht aussehen: Unser Bild entstand am Lollsmontag 2018. Die erneute Absage, auch einer Light-Version, hat zu kontroversen Diskussionen geführt.
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So wird es dieses Jahr auf dem Bad Hersfelder Marktplatz wieder nicht aussehen: Unser Bild entstand am Lollsmontag 2018. Die erneute Absage, auch einer Light-Version, hat zu kontroversen Diskussionen geführt.

Der Schaustellerverband hält eine Light-Version des Lullusfestes nicht nur für möglich, sondern für wichtig.

Bad Hersfeld – Die erneute Absage des Lullusfests in Bad Hersfeld inklusive Light-Version hat für kontroverse Diskussionen gesorgt. Bei vielen ist die Enttäuschung groß. Wir haben mit Patrick Arens gesprochen. Er ist Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute sowie Vorsitzender der Fachgruppe Schausteller. Er kennt Lolls sowohl als Buden-Betreiber als auch als Besucher.

Die erneute Absage des Lullusfests hat offenbar nicht nur bei vielen Bad Hersfeldern für Verdruss gesorgt, sondern soll auch in Schaustellerkreisen für Kopfschütteln gesorgt haben – warum?

Das Lullusfest ist fast jedem Schausteller ein Begriff. Die für unser Empfinden relativ frühe Absage geht für uns an der Sache vorbei. Wir haben das Gefühl, dass man die Schicksale, die dahinter stecken, nicht ausreichend berücksichtig. Ein Volksfest ist keine Sache, sondern ein Organismus, von dem viele Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Gerade bei solchen Festen, die man nicht neu erfinden muss und die in bekannten Räumen stattfinden, könnte man sich ruhig etwas länger Zeit nehmen, um Alternativen zu prüfen, und zwar gemeinsam mit den Schaustellern.

In der Pandemie gab es immer wieder neue und kurzfristige Entwicklungen. Man hätte zum Beispiel noch die nächste Konferenz der Ministerpräsidenten abwarten können. Mit fortschreitendem Impfangebot müssen die Restriktionen ja irgendwann auch mal aufgehoben werden. Und wenn nicht: Wie soll es dann nächstes Jahr weitergehen, soll das Lullusfest dann zum dritten Mal ausfallen? Wir haben 16 Monate alles mitgetragen und versucht, uns so gut es geht anzupassen. Kürzlich beim Kirmespark Fredolino in Dortmund haben wir beispielsweise kurzfristig Zelte für Impfaktionen aufgebaut.

Patrick Arens, der Vize-Präsident des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute

Wäre es seitens der Schausteller denn überhaupt möglich, erst kurzfristig etwa mit einem großen Karussell anzureisen? Auch viele Mitarbeiter dürften sich andere Jobs gesucht haben.

Den Fredolino haben wir innerhalb von drei Wochen auf die Beine gestellt, es geht also. Einige Karussells sind wegen der sogenannten Pop-Up-Parks derzeit sowieso draußen. So zum Beispiel auch das Riesenrad, das in Bad Hersfeld hätte stehen sollen. Und wo die sonst üblichen Helfer fehlen, kann der Aufbau oft mit Hilfe der Familie gelöst werden. Hier geht es doch eher um die Organisation, und aus Erfahrung weiß ich, dass man solche Feste kurzfristig organisieren kann, ohne schlau daherreden zu wollen. Ich bin unter anderem Veranstalter des größten Ramadanfestes in Europa, das haben wir einmal innerhalb von drei Wochen verlegen müssen, weil der ursprünglich vorgesehene Platz plötzlich nicht mehr zur Verfügung stand – inklusive Rodung und Baugenehmigung. Wenn man möchte, geht es. Wir sind inzwischen doch auch pandemieerprobt.

Das Lullusfest gilt als ältestes Volksfest Deutschlands. Was wird aus einer solchen Traditionsveranstaltung, wenn sie über zwei Jahre nicht stattfindet?

Ich glaube nicht, dass die Tradition stirbt, weil das einfach in den Köpfen der Menschen drin ist. Ähnlich wie andere Traditionsveranstaltungen ist auch das Lullusfest ein Stück Heimat. Es bringt viele zurück in die Stadt, die inzwischen woanders wohnen. Was uns stört, ist eben auch eine Light-Version von vornherein abzusagen und ihr keine Chance zu geben. Warum das nicht möglich sein und welches Geld es zum jetzigen Zeitpunkt schon kosten soll, leuchtet mir nicht ein. Bestimmt wird keiner horrende Regressansprüche stellen.

Es heißt, immer: Wir denken an die Schausteller, aber wenn man an uns denken würde, würde man über eine abgespeckte Variante wenigstens nachdenken. Das ist es, was uns Sorgen bereitet. Und wenn mit fortschreitenden Impfungen wieder mehr Normalität möglich sein soll – gehören wir dann nicht dazu?

Ein Argument gegen „Lolls light“ war, dass das Image durch eine Light-Version ohne Festzug, Krammarkt und Freiverlosung beschädigt würde. Hätten Sie ähnliche Bedenken?

Nein. Und warum sollte auch ein Krammarkt nicht möglich sein? Wir lassen ja auch Wochenmärkte stattfinden. In Paderborn hat gerade die Libori-Kirmes als Light-Version mit Vergnügungspark und Topfmarkt stattgefunden, ebenfalls ein traditionsreiches Fest, das eine ähnliche Struktur wie das Lullusfest aufweist. Das hat prima funktioniert und es gab viele positive Reaktionen. Man hat viel Traditionelles eingebracht, aber auf die großen Feierelemente verzichtet. Deshalb sehe ich in dieser Hinsicht gar keine Gefahr, im Gegenteil: Die Menschen freuen sich, dass etwas los ist und der Bürger kann da auch unterscheiden. So etwas würde sicher auch in Bad Hersfeld funktionieren. Ein Lolls light würde dem normalen Lullusfest auf keinen Fall Schaden zufügen. Ich wäre definitiv für eine abgespeckte Variante gewesen.

Sie haben also auch keine Bedenken, dass sich das Virus bei solchen Volksfesten verbreitet?

Wir sind alle keine Virologen. Aber draußen an der frischen Luft, mit Hygienekonzept und dem Fokus auf einigen Karussells, Spielmöglichkeiten und Gastronomie ohne volle Festzelte und Partymusik sollten solche Veranstaltungen durchaus möglich sein. Man muss den Charakter eben so anlegen, dass er der Situation gerecht wird. Auch ein mobiler Open-Air-Biergarten ist so nichts Anderes als normale Gastronomie. Kurz vor Beginn der Pandemie gab es ja noch große Volksfeste in Gelnhausen und Versmold, die aber offenbar keine Pandemietreiber waren. Schwer nachvollziehbar sind in diesem Sinne dann eben auch die Bilder vom Christopher Street Day. Bitte nicht falsch verstehen: Dieser ist eine Demonstration und unterliegt zu Recht dem Demonstrationsrecht, er ist aber gleichzeitig auch eine riesige Veranstaltung, bei der Menschen dicht an dicht zusammenkommen.

Kommt bei Veranstaltungen mit Umzäunung, Zeitfenstern und weiteren Auflagen denn überhaupt Volksfeststimmung auf?

Wenn Sie mich das vor einem Jahr gefragt hätten, wäre ich auch skeptisch gewesen und hätte gesagt: Das haut nicht hin. Aber nun hat man gesehen: Es funktioniert. Die Menschen vermissen ihre Volksfeste und lernen die Angebote wieder zu schätzen. In den vergangenen Jahren lag der Fokus oft auf der Gastronomie. Auf den Pop-Up-Plätzen kamen nun vor allem Karussells und Spiele wieder richtig gut an. Die Zusammenkunft und Kommunikation hat überall gut funktioniert, auch ohne diese großen Feierelemente, wie sie sich in Deutschland zuletzt etabliert haben. Das ist in anderen europäischen Ländern übrigens ohnehin anders.

Wo ist dann der Unterschied zum Freizeitpark?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Der ist tatsächlich nicht mehr so groß. Für uns waren diese Märkte einfach der Versuch, eine Nische zu finden und eine Alternative zur kompletten Absage. In Hamburg und Paderborn haben diese Ersatzveranstaltungen ja auch zum sonst üblichen Zeitpunkt stattgefunden. Wir wollen natürlich alle wieder zurück zu „normal“, das ist klar. So eine Freizeitpark-Version hätte aber sicher auch in Bad Hersfeld funktioniert. Und was wir bieten, ist das lokale Denken, das lokale Drumherum und Gefühl.

Lernt man nicht manchmal auch erst schätzen, was man vermisst – ähnliche Hoffnung haben ja auch viele Kulturschaffende?

Das stimmt, und das zeigen auch die bisherigen Erfahrungen. In Dortmund zum Beispiel war die Osterkirmes zuletzt nicht mehr so gut besucht. Mit dem Fredolino haben wir nun aber wieder Zielgruppen erreicht, die zur Osterkirmes nicht mehr gekommen sind. Das haben wir so ähnlich außerdem bei den alternativen Angeboten mitten im Lockdown zum Weihnachtsmarkt gemerkt. Man darf den soziokulturellen Aspekt der Volksfeste nicht unterschätzen. Diese haben ihren festen Platz in der Populärkultur, das hat man gemerkt. Es ist für uns nun auch eine Chance, das Gesamterlebnis, die Schau, wieder mehr in den Vordergrund zu rücken statt der Party.

Was hätten Sie sich also konkret für das Lullusfest gewünscht?

Dass man mit der Entscheidung noch ein bisschen wartet und man sich gemeinsam mit den Kollegen über eine Light-Version Gedanken macht. Man hätte die Schausteller an einen Tisch holen können, um gemeinsam eine Entscheidung fällen zu können. Denn auch die Investitionsbereitschaft der Kollegen hat zur Entwicklung und zur Qualität des traditionsreichen Fests beigetragen. Auch mit Feuer und Krammarkt hätte man eine Alternative auf die Beine stellen können, ohne die Marke zu beschädigen. Den Menschen fehlen die Volksfeste, es gibt aktuell vierjährige Kinder, die sind noch nie Karussell gefahren. Den Leuten bringt so ein Fest Spaß und bietet uns die Gelegenheit, ein paar Euro zu verdienen. Auch Volksfeste wie das Lullusfest bringen darüber hinaus Geld in die Städte, das belegen Studien zur Wertschöpfung.

Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie in den vergangenen Monaten überlegt, sich beruflich umzuorientieren?

(lacht) Was soll ich denn mit 54 anderes machen? Es gibt natürlich immer mal Momente, in denen man zweifelt, aber die gibt es auch, wenn es bei einer Kirmes nur regnet. Die Gemeinschaft hat in der Krise unheimlich gut zusammengestanden und die Hilfsprogramme wurden verbessert. Zur finanziellen Belastung kommt allerdings noch die psychische. Und gerade viele Junge stellen sich die Frage: Wie soll es weitergehen? Die Absage des Lullusfests hat aufkeimende Hoffnung zerstört. (Nadine Meier-Maaz)

Zur Person

Patrick Arens (54) kommt aus Dortmund und ist in einer echten Schaustellerfamilie aufgewachsen. Er selbst ist Schausteller in der siebten Generation. Noch vor dem Abitur an einem Gymnasium in Dortmund habe er damals diese Entscheidung gefällt. Mittlerweile ist Arens aber nicht nur als Schausteller auf diversen Volksfesten im Umkreis von circa 150 Kilometern unterwegs, er organisiert auch andere Veranstaltungen wie historische Jahrmärkte oder Fußballevents. In Hessen war er mit einem mobilen Biergarten zuletzt in Lauterbach zu Gast. Arens ist Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Schausteller und Marktkaufleute sowie Vorsitzender der Fachgruppe Schausteller. Er ist außerdem Vorsitzender des Dortmunder Weihnachtsmarktkomitees. Der 54-jährige BVB-Fan ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Neben Fußball interessiert er sich in seiner Freizeit für Geschichte und er fährt gerne Rad.  (nm)

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