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„Tatort“-Schauspieler Richy Müller: „Ich höre auf meinen Bauch“

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Das Bild zeigt Schauspieler Richy Müller auf einem Baum vor der Stiftsruine.
Als Schauspieler ganz oben, aber trotzdem nicht abgehoben: „Tatort“-Kommissar Richy Müller spielt eine Hauptrolle im Festspielstück „Notre Dame“ und ist ein Typ ohne Berührungsängste. © Steffen Sennewald

An den Ruhestand denkt er noch nicht: „Tatort“-Schauspieler Richy Müller im Interview, der bei den Bad Hersfelder Festspielen 2022 zum zweiten Mal auf der Bühne steht.

Bad Hersfeld – Seit 2008 spielt Richy Müller den Stuttgarter „Tatort“-Kommissar Thorsten Lannert. Bei den Bad Hersfelder Festspielen steht er als Geistlicher Claude Frollo in einer Hauptrolle im Festspielstück „Notre Dame“ auf der Bühne. Über Schauspieler und ihre Rollen sprach Kai A. Struthoff mit Richy Müller.

Herr Müller, Ihre Dortmunder Kollegin Anna Schudt ist den Filmtod gestorben, Meret Becker aus Berlin ermittelt nicht mehr. Wie lange bleiben Sie dem Tatort-Team noch erhalten?

(lacht) Fragen Sie mich jetzt, wann ich vorhabe zu sterben?

Na ja, Sie könnten ja auch in den Ruhestand gehen ...

Ich bin ja kein Polizist, der ab 65 oder früher nicht mehr darf. Solange ich das körperlich schaffe und die Zuschauer uns noch sehen wollen, mache ich das gern. Für die zwei Tatort-Folgen drehen wir normalerweise zehn Wochen im Jahr. Daneben bleibt noch genug Zeit für andere Projekte – in diesem Fall den Claude Frollo in Notre Dame in Bad Hersfeld zu spielen.

Angefangen hat 1979 alles mit „Die große Flatter“. Daher stammt auch der Künstlername Richy. Bei Wikipedia steht, Sie seien lange auf raubeinige Rollen festgelegt gewesen?

Offenbar war ich damals in der Rolle des Richy Piesch so überzeugend, dass man mir schauspielerisch nichts anders zugetraut hat. Es hat 15 Jahre gedauert, bis ich in der Rolle des Michael in Rainer Kaufmanns „Einer meiner ältesten Freunde“ zeigen konnte, dass ich mehr kann, als nur den Typen in Cowboystiefeln und Lederjacke zu spielen.

Was für ein Typ ist denn der echte Richy Müller?

Ich höre meist auf meinen Bauch. Damit bin ich im Beruf und im Leben immer gut durchgekommen.

Wie kam es eigentlich zu Ihrem außergewöhnlichen Dienstwagen im Tatort?

Als wir die Figur des Thorsten Lannert entwickelt haben, war es mir wichtig, dass der Kommissar unbestechlich ist, aber auch mal ein Auge zudrücken kann. Lannert ist schnell im Kopf und körperlich fit – und dazu, dachte ich, passt ein Sportwagen aus Stuttgart.

Privat fahren Sie auch Porsche. Sind Sie auf der Überholspur des Lebens unterwegs?

Nein, ganz und gar nicht. Der Wagen bringt mich einfach sicher und zügig ans Ziel und dazu kommt natürlich der Spaßfaktor. Dort, wo ich aufgewachsen bin, Ende der 50- Jahre, stand immer mal ein silberner 356er-Porsche, den wir Kinder natürlich bestaunt haben. Ich glaube, es ist einfach die Form dieses Autos, die uns Kinder so staunen ließ und den 911 so erfolgreich macht. Ein Augenschmeichler eben. Der schokobraune Targa im Tatort ist übrigens ein Modell von 1975, also ein bisschen jünger als ich, und er gehört dem SWR.

In Bad Hersfeld spielen Sie nach dem Reverend Hale in „Hexenjagd“ nun schon zum zweiten Mal einen Geistlichen. Ist das Zufall oder haben Sie eine besondere Beziehung zur Kirche?

Nein, überhaupt nicht, das ist Zufall – oder vielleicht eher Fügung. Ich habe mich aber sehr über das Rollenangebot gefreut, obwohl der Claude Frollo im Film immer sehr negativ dargestellt wurde. Er wird zwar auch im Roman als Antagonist, also als Gegenspieler, beschrieben, aber auch solche Menschen können widersprüchlich sein. Darum geht es in dieser Rolle.

Ist Frollo ein Fanatiker?

Nein, er ist jemand, der neugierig ist, und von Kindheit an alles wissen will. So begibt er sich dann auch in die Welt der Alchemie und der Wissenschaft – und er stellt dadurch als Theologe Gott infrage. Außerdem kämpft er mit der Fleischeslust. Deshalb ist es für ihn auch besonders bitter, als er Esmeralda nicht mehr aus seinen Gedanken verbannen kann.

Wo sehen Sie die Parallelen dieses Stücks aus dem Jahr 1831, das im Jahr 1482 spielt, zur heutigen Zeit?

Jeder spricht heute über Diversität. Menschen, die eine andere Hautfarbe haben oder sonst irgendwie anders sind, werden immer noch seltsam angesehen. Es geht in „Notre Dame“ um die Angst vorm Fremden – und diese Angst ist bis heute geblieben.

Die vergangenen zwei Jahre waren auch für Schauspieler eine harte Zeit. Wie wichtig ist es für Sie, jetzt wieder den direkten Kontakt zum Publikum zu haben?

Als Tatort-Kommissar konnte ich in den vergangenen zwei Jahren arbeiten, aber die freien Kolleginnen und Kollegen waren die, die gelitten haben, und natürlich die Zuschauer. Umso mehr genieße ich es, jetzt wieder vor vollem Haus zu spielen und freue mich besonders für das Publikum.

Zur Person

Hans-Jürgen „Richy“ Müller wurde 1955 in Mannheim geboren. Er ist gelernter Werkzeugmacher und hat zwei Jahre lang die Schauspielschule Bochum besucht. Sein Durchbruch war die Rolle des Richy Piesch in dem Fernsehdreiteiler „Die große Flatter“ 1979. Einem breiten Fernsehpublikum ist er aber seit 2008 vor allem in der Rolle des „Tatort“-Kommissars Thorsten Lannert aus Stuttgart bekannt. Richy Müller hat in vielen Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt und steht auch regelmäßig auf der Theaterbühne, so unter anderem als Rain Man in der Inszenierung von Hersfeld-Preisträger Christian Nickel. In der Stiftsruine stand er erstmals 2016 in „Hexenjagd“ auf der Bühne. Richy Müller hat eine erwachsene Tochter, die Journalistin ist. Er lebt mit seiner Frau Christel in Bayern am Chiemsee. Dort hält sich der frühere Leistungsturner mit viel Bewegung an der frischen Luft fit. (kai)

Lesen Sie auch: Was Richy Müller über seine Hauptrolle in „Notre Dame“ verrät

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