SOMMERINTERVIEW 2021

Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling: „Andere Städte sind neidisch auf uns“

Das Bild zeigt Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling oberhalb des Schilde-Parks, in dem sich immer mehr Firmen ansiedeln wollen.
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Er schaut zufrieden auf die Bilanz seiner Amtszeit: Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling im Schilde-Park, in dem sich immer mehr Firmen ansiedeln wollen.

Um die erneute Absage des Lullusfests, um den Leerstand in der Innenstadt, den Haushalt und den ICE-Halt geht es im Interview mit Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling.

Bad Hersfeld – Bürgermeister Thomas Fehling hat den Schilde-Park als Ort für das Sommerinterview mit unserer Zeitung ausgewählt. Aus gutem Grund: Das Areal wird immer mehr zu einem Firmen-Campus. Im Interview mit Kai A. Struthoff verkündet er eine weitere Ansiedlung und zugleich das Ende seiner Zeit als Chef im Rathaus der Kreisstadt.

Herr Bürgermeister Fehling, in Bad Hersfeld gibt es zurzeit nur ein Thema: die Absage des Lullusfests. Ist das jetzt endgültig oder gibt es ein parlamentarisches Nachspiel?

Ich gehe davon aus, dass diese Entscheidung final ist, weil wir jetzt auch die Verträge auflösen. Falls es doch noch einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung gegen sollte, dann könnte der nur ein neues Veranstaltungsformat bedeuten. Aber das Lullusfest ist abgesagt. Ich persönlich habe eine andere Meinung dazu. Aber der Magistrat als Kollegialorgan trägt hier die Verantwortung, die ich respektiere. Es gibt eine große Unsicherheit, ob die Stadt ein Lullusfest managen könnte, oder ob wir womöglich überrollt würden. Deshalb hinkt auch der Vergleich mit den Festspielen, denn hier reden wir von einem völlig verschiedenen Publikum. Trotzdem müssen wir lernen, mit diesem Virus umzugehen, denn wir können jetzt ja nicht jahrelang alles absagen.

Hätten Sie nicht gemeinsam mit Ihrer Verwaltung energischer im Magistrat zumindest für ein Lolls-Light eintreten müssen?

Um eine solche Aufgabe zu stemmen, müssen alle zusammen an einem Strang ziehen, wie beim Hessentag. Es ist aber verständlich, dass Verwaltungen zunächst vor allem die Risiken und weniger die Chancen sehen. Wenn man eine solche Herausforderung angehen möchte, braucht es zunächst ein klares Mandat von der Politik. Und das ist der Job von uns Gewählten.

Jetzt hoffen alle auf einen „Anderen Oktober“. Aber was ist am „Anderen Oktober“ anders und sicherer als Lolls-Light?

Das bleibt erst mal abzuwarten, noch gibt es keinen Plan B. Die Verwaltung hat jedenfalls einen klaren Auftrag, entsprechende Vorschläge zu machen – und dann sehen wir, was geht.

Für Handel und Gastronomie ist die Absage ein harter Schlag. Die Leerstände werden inzwischen immer sichtbarer in der Stadt. Wie weit sind die Pläne für eine grundsätzliche Belebung der Innenstadt?

Im August werden die ersten Workshops auch mit den Eigentümern der Gewerbeimmobilien in der Innenstadt stattfinden. Da müssen aber dann auch alle Handelnden mitspielen, um gute Ideen zu finden. Die Workshops sollen in einem Aktionsplan münden. Der Trend zu immer mehr Leerstand ist ja schon seit Langem erkennbar und wurde durch Corona nur noch beschleunigt. Ich bedauere es deshalb, dass wir zwar viel Zeit und Arbeit in eine Online-Regionalplattform für den örtlichen Handel gesteckt haben, an der es dann aber leider zu wenig Interesse der Händler gab. Man hätte für die Corona-Krise besser gerüstet sein können, wenn man schon vor Jahren die Vorteile der Digitalisierung auch im stationären Handel erkannt hätte.

Wie ist die Lage der Stadt nach anderthalb Jahren Corona? Die Haushaltsverhandlungen werden sicher nicht einfach werden?

Schwierige Verhandlungen hatte ich schon beim Haushalt 2021 erwartet, da wurde aber viel durch Ausgleichszahlungen kompensiert. Die nächste Runde für 2022 wird aber härter. Wir haben schon jetzt ein Defizit-Risiko von rund drei Millionen Euro ausgewiesen, der Magistrat hat deshalb eine Haushaltssperre verhängt. Das ist ein deutliches Signal, dass wir auf die Bremse treten müssen. Die Spielräume werden enger.

Eine der wichtigsten Zukunftsentscheidungen für die Stadt ist der Standort des neuen ICE-Bahnhofs. Wie optimistisch sind Sie, dass die Bahn weiter in Bad Hersfeld hält?

Wir haben hier die ganz besondere Situation: Die Bürger wollen, dass die ICE-Trasse durch die Stadt verläuft. Das ist ja nicht selbstverständlich – sonst heißt es immer: Nee, lieber beim Nachbarn. Deshalb bin ich zuversichtlich. Denn weshalb sollte man eine andere Variante wählen und jahrelange Klageverfahren riskieren – Stichwort A 44 – wenn man doch eine Strecke hat, die gewünscht ist, und wo es zügig vorangehen kann? Wir sagen aber auch der Bahn, dass wir mit allen Kräften gegen jede andere Variante vorgehen würden.

Der Bahnhalt in Bad Hersfeld ist auch für die Umgestaltung des Wever-Geländes sehr wichtig. Wie geht es dort voran?

Es ist leider sehr schwierig, ein Ausweichquartier, eine passende Halle, für die Hersfelder Kleiderwerke zu finden, denn es gibt natürlich technische Anforderungen. Wir haben hier auch leider keine großen Flächen mehr zur Verfügung. Außerdem gibt es keine „gebrauchten Hallen“, eine neue Halle aber kostet gleich ein paar Millionen mehr, die keiner aus dem Ärmel schütteln kann. Aber das Projekt liegt nicht auf Eis, sondern daran wird intensiv gearbeitet. Wir müssen vermutlich in zwei Abschnitten vorgehen, um dort zu starten, wo die Voraussetzungen stimmen. In einem Rutsch werden wir das Wever-Projekt leider nicht realisieren können.

Die VR-Bank hat angekündigt, ein großes neues Hotel an der Benno-Schilde-Straße zu bauen. Wie stehen Sie zu diesem Projekt?

Ich begrüße diese Entscheidung sehr und habe daran auch intensiv mitgewirkt. Wir wissen seit Jahren, dass wir ein Hotel am Schilde-Park brauchen, um das Tagungsgeschäft in der Schilde-Halle anzukurbeln. Deshalb erwarte ich vom Hotel neue Impulse.

Nur für die Schilde-Halle oder für das ganze Areal?

Für den ganzen Schilde-Park. Deshalb treffen wir uns hier in diesen früheren Räumen der THM. Der Schilde-Park hat heute mehr Ähnlichkeit mit dem von mir immer favorisierten Schilde-Campus als mit einem Stadtpark – hier gibt es Verifone, Summacom und die Technische Hochschule Mittelhessen. Jetzt kommt auch noch die GLS-International, das ist der Geschäftsbereich für das internationale Geschäft mit allen zentralen Funktionen wie etwa dem Finanzmanagement und dem Business Development. Von hier wird künftig das internationale Geschäft von GLS gesteuert.

Was bedeutet das in Zahlen – also Arbeitsplätze und Gewerbesteuer?

Ziel ist es, die bisher vorhandenen Geschäftsbereiche in diesem Feld hier zusammenzuführen. Gewerbesteuer wird natürlich am Standort der Niederlassungen bezahlt, deshalb erwarte ich schon positive Impulse für die Stadtkasse. Neben dem Weltkonzern Verifone hier auch die Weltzentrale von GLS zu haben, finde ich sehr schön. Das zeigt auch, dass der Standort Bad Hersfeld für solche Unternehmen hoch attraktiv ist. Mit der ICE-Trasse dann noch viel mehr. Unsere Anstrengungen der letzten Jahre tragen nun Früchte. Auch das neue Hotel passt deshalb gut hierhin. Ab September wird hier noch mehr Leben in der Bude sein. Über diesen Erfolg freue ich mich sehr.

Die Mehrheitsverhältnisse in der Stadtverordnetenversammlung sind seit der Kommunalwahl klarer, aber für Sie nicht einfacher geworden. Stört Sie das?

Es ist jetzt wieder so, wie am Anfang meiner ersten Amtszeit. Ich hatte ja nie eine eigene Mehrheit. Trotzdem konnten wir viele Projekte einstimmig durchbringen. Denken Sie nur an das Pilotprojekt mit der smarten Straßenbeleuchtung. Eine eigene Mehrheit macht das Regieren zwar einfacher, aber ich habe vor der jetzigen Situation auch keine Angst. Es geht ja auch nicht darum, dass es mir gut geht, sondern darum, dass es der Stadt gut geht.

Werden Sie angesichts dieser Mehrheitsverhältnisse für eine neue Amtszeit kandidieren?

Nein, ich trete nicht wieder an. Ich war jetzt zwölf Jahre Bürgermeister und schaue auf eine positive Bilanz. Dazu gehören die neue Stadtverwaltung in der Breitenstraße, der Zuse-Parc oder eben der Schilde-Park. Auch Smart-City – von vielen belächelt – hat uns speziell jetzt in der Corona-Zeit bei der Digitalisierung geholfen. Andere Städte schauen bei dem Thema neidisch auf Bad Hersfeld. Aber der Prophet gilt ja oft im eigenen Land nichts ...

Das wäre doch ein Grund mehr, diese Erfolge zu genießen?

Nein, ich will mich auf dem Erreichten nicht ausruhen. Außerdem haben diese zwölf Jahre viel Kraft gekostet und viele Einschränkungen und Belastungen für mich und meine Familie mit sich gebracht. Wir mussten uns auch viele Anfeindungen gefallen lassen. Nehmen wir nur den Streit um den Intendantenwechsel. Dabei haben wir mit Dieter Wedel einen Top-Mann nach Bad Hersfeld geholt, alle Skeptiker widerlegt und die Festspiele vom Abgrund weggeführt, indem zum Beispiel die Fördermittel von Bund und Land deutlich erhöht wurden. Das alles hat aber auch viel Kraft gekostet. So habe ich mit Mitte 50 auch die Chance, noch mal etwas anderes zu machen und vielleicht zurück ins internationale Geschäft zu gehen, denn das fehlt mir schon. Trotzdem werde ich den Job des Bürgermeisters bis zuletzt ernstnehmen und ordentlich zu Ende bringen. Und auch danach werde ich mich immer für Bad Hersfeld einsetzen, denn meine Heimatstadt liegt mir sehr am Herzen. (Kai A. Struthoff)

Zur Person

Thomas Fehling ist am 30. November 1967 in Bad Hersfeld geboren. Nach dem Abitur am Obersberg und dem Wehrdienst hat er Wirtschaftsinformatik studiert, danach für verschiedene Unternehmen gearbeitet und in Düsseldorf und Darmstadt gewohnt. 2002 kehrte er nach Bad Hersfeld zurück. Von 2004 bis 2010 war er Kreisvorsitzender der FDP Hersfeld-Rotenburg, trat aber 2014 aus der Partei aus. Seit 1. Januar 2011 ist er Bürgermeister der Kreisstadt Bad Hersfeld. Fehling ist mit der Ärztin und Malerin Gabriele Schäfer verheiratet. (kai)

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