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Besuch bei englischen Freunden: Malmesbury feiert die Queen

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Das Wahrzeichen von Malmesbury: Die alte Abtei stammt aus dem 12. Jahrhundert. Zuvor war hier ein Benediktiner-Kloster, in dem Lullus zum Mönch ausgebildet wurde.
Das Wahrzeichen von Malmesbury: Die alte Abtei stammt aus dem 12. Jahrhundert. Zuvor war hier ein Benediktiner-Kloster, in dem Lullus zum Mönch ausgebildet wurde. © Kai A. Struthoff

Corona und Brexit haben Reisen nach Malmesbury zuletzt fast unmöglich gemacht. Jetzt aber war eine Gruppe von Hersfeldern wieder bei den englischen Freunden zu Gast.

Malmesbury/Bad Hersfeld – Im Whole Hog Pub am Marketcross im Herzen von Malmesbury fließt das Bier. Michael Kemp steht hinter dem Tresen und zapft Ale und Cider, randvoll und ohne Schaum, so wie man es in England mag. Mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, dass sich hier einst auch Lullus als junger Mönch mit kühlem Gerstensaft stärkte, bevor er sein benachbartes Kloster verließ, um das Stift in „Haerulfisfelt“ zu gründen. Nun, mehr als 1200 Jahre später, stehen vier Besucher aus Bad Hersfeld mit ihren englischen Freunden nach viel zu langer Besuchsabstinenz wieder zusammen am Tresen. Es gibt ja so viel zu erzählen ...

Tradition und Geschichte sind in den verwinkelten Gassen und zwischen den kleinen Sandstein-Cottages dieser ältesten Gemeinde Englands allgegenwärtig. Boris Johnson und seine Party-Eskapaden scheinen weit weg. In diesen Tagen gibt es im Whole Hog und im Städtchen ohnehin nur ein Thema: Das 70. Kronjubiläum von Queen Elisabeth II. Überall weht der Union-Jack, der Zaun der alten Abtei ist mit rot-weiß-blauen Pompons liebevoll geschmückt, und die Queen darf als „Pappkameradin“ in keiner Kneipe als beliebtes Foto-Objekt fehlen.

Zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten hat die amtierende ehrenamtliche Bürgermeisterin Kim Power – standesgemäß in historischer Robe ausstaffiert und mit der Amtskette der Stadtratsmitglieder – in die Town-Hall geladen. Auch der Under-Sheriff of Wiltshire Christopher Bromsgrove – seit angelsächsischen Tagen so eine Art zeremonieller Verwaltungschef der Grafschaft – und der örtliche Tory-Abgeordnete aus dem House of Parliament in London James Gray sind gekommen. Trotz der Regierungskrise in London bleibt Gray distinguiert. Mit dem Brexit, der die Insel seit zwei Jahren vom Kontinent trennt, hadert der Konservative nicht. „England steht nach dem Brexit doch viel besser da als zuvor“, behauptet er in feinstem Oberschicht-Englisch.

Nun, das sehen zwar viele Engländer inzwischen angesichts steigender Preise und mancherlei Einschränkungen ganz anders. Trotzdem feiern alle gemeinsam ihre Queen. „In diesem Tagen werden Erinnerungen gemacht“, sagt Kim Power zum Auftakt des „Platinum Jubilee“ im Rathaus. Landesweit werden 2000 Leuchtfeuer zu Ehren der Queen entzündet – natürlich auch in Malmesbury am Ufer des Avon. Ganz selbstverständlich huldigen hier junge und alte Engländer ihrer Königin. „Die Queen ist für uns eine Ikone, sie steht für unsere Wurzeln und ist seit 70 Jahren ein Muster an Pflichtbewusstsein ohne Skandale“, erklärt Kim Power die Liebe zur Monarchie. „Wir sind stolz auf unsere Königin.“ Und so ist es denn kein Wunder, dass alle einstimmen, als die Malmesbury Concert Band im flackernden Schein des brennenden Leuchtfeuers die englische Nationalhymne intoniert: „God save our gracious Queen. Long live our noble Queen“, erklingt es inbrünstig aus tiefstem Herzen.

Zwei Tage später findet im Garten der alten Abtei ein typisch englisches Picknick bei typisch englischem Wetter statt. Die Ladys haben hauchdünne Cucumber-Sandwiches und Eiersalatschnitten bereitet. Scones mit clotted cream und Shortbread-Kekse runden das britische Festmahl ab. Alt-Bürgermeister Ray Sanderson und der frühere Leiter der Stadtverwaltung Jeff Penfold, beide sind die englischen Pioniere der Städtefreundschaft mit Bad Hersfeld, haben reichlich Bier in Kühltaschen dabei, damit das Picknick nicht zu trocken wird.

Das unbeschwerte Zusammensein im Schatten der alten Abtei tut den Menschen gut, denn auch Malmesbury hat schwierige Corona-Zeiten hinter sich. „Der Lockdown hat unsere Wirtschaft hart getroffen, aber wir haben noch Glück gehabt“, berichtet Kim Power. Dazu habe auch die intakte Ortsgemeinschaft beigetragen, die Spendenaktionen, Sorgentelefone und Lebensmittellieferungen organisiert hat. Nach dem Lockdown gab es auch im Malmesbury sofort Kampagnen, jetzt lokal einzukaufen. „Die meisten Geschäfte haben es überlebt,“ sagt die Bürgermeisterin, die früher bei einer internationalen Bank gearbeitet hat und jetzt ehrenamtlich dem Town-Council vorsteht und sich für zahlreiche soziale Projekte einsetzt. Vielleicht ist es diese enge Gemeinschaft, die Malmesbury so besonders macht.

„Wir sind eine sehr beliebte Gemeinde“, erzählt die Bürgermeisterin voller Stolz. Entsprechend knapp und teuer ist der Wohnraum. Deshalb wird jetzt ein neues Wohngebiet mit über 200 Häusern errichtet, in dem auch Straßen nach Lullus, Bad Hersfeld und dem „Vater“ der Städtefreundschaft Dr. Sigmar Gleiser benannt werden sollen. Die vielen Neubürger stellen allerdings die zum Teil uralte Infrastruktur der kleinen Stadt vor harte Belastungsproben.

Doch auch das wird Malmesbury mit der über Jahrhunderte erprobten Gelassenheit des Empires hinnehmen. Darauf ein Ale ohne Schaum – am besten im Whole Hog. (Kai A. Struthoff)

Uralte Geschichte und gelebte Tradition: Die Stadt Malmesbury in Wiltshire

Malmesbury ist eine Stadt mit gut 5000 Einwohnern und liegt westlich von London in der Grafschaft Wiltshire am Ufer des Flusses Avon. Es ist die älteste Gemeinde Englands. Ähnlich wie Hersfeld ist die Stadt rund um ein Benediktinerkloster entstanden, dessen Schutzpatron der erste englische König Athelstan war. Heute ist Malmesbury für seine im 12. Jahrhundert erbaute Abtei bekannt. In dem Vorgänger-Kloster wurde der Mönch Lullus ausgebildet, der 737 Bonifatius kennenlernte und ab 769 die Einrichtung der Abtei in Hersfeld vorantrieb und so zum Stadtgründer wurde. An diese uralte historische Verbindung zwischen den beiden Städten hat als erster Dr. Sigmar Gleiser erinnert und bei einer Reise nach Malmesbury erste Kontakte geknüpft, die in eine Freundschaftsvereinbarung gemündet sind. In beiden Städten gibt es aktive Freundschaftsvereine, die Bad Hersfelder „Friends of Malmesbury“ haben über 50 Mitglieder. Es gibt regelmäßige Besuche von englischen Gästen. Zum nächsten Lullusfest werden über 20 Gäste aus Malmesbury erwartet. In Bad Hersfeld erinnert die rote, englische Telefonzelle auf dem Malmesbury-Platz am Schilde-Park an die Städtefreundschaft. In einem Neubaugebiet in Malmesbury soll es bald einen Hersfeld-Park und eine Sigmar-Gleiser-Straße geben. Malmesbury ist Sitz der Firma Dyson. Die malerische Region in den Cotswolds ist auch bei Prominenten wie Robbie Williams, „Mister Bean“ oder Prinz Charles ein beliebter Wohnort. Entsprechend teuer sind Immobilien.   kai

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