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Corona-Pandemie stellte Eltern vor Herausforderungen: Das sagt Pro Familia in Bad Hersfeld

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Von: Laura Hellwig

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Maren Colton im Porträt
Maren Colton, Leiterin der Pro-Familia-Beratungsstelle in Bad Hersfeld. © Laura Hellwig

Vor allem Familien hat die Corona-Pandemie stark belastet. Das hat nicht nur Maren Colton von Pro Familia mit Sitz in Bad Hersfeld festgestellt.

Hersfeld-Rotenburg – Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um Haushalt und Familie – diese traditionellen Rollenmuster entsprechen immer seltener der Realität. In immer mehr Lebensbereichen wird sich für die Gleichstellung der Geschlechter eingesetzt und dennoch fanden sich laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zuletzt viele Frauen im Stereotyp Hausfrau wieder. Der Grund war die Corona-Pandemie.

In der Studie heißt es, dass in der Corona-Krise die Haus- und Familienarbeit zu großen Teilen auf den Schultern der Frauen lasten würde. Darunter fallen Aufgaben wie das Erledigen der generellen Hausarbeit, Kinderbetreuung, Homeschooling, Einkäufe erledigen, Kochen und mehr. Doch entsprechen die erhobenen Daten auch der Realität der Familien im Landkreis Hersfeld-Rotenburg? Eine Einschätzung dazu gibt Maren Colton von Pro Familia.

Rückblickend war aus Coltons Sicht die schlechte Situation bei der Kinderbetreuung zu Beginn der Pandemie ein großes Problem, das vor allem Familien mit kleinen Kindern belastet hat. Häufig sahen sich Eltern mit neuen Regeln konfrontiert, die teilweise die sofortige Schließung einer Betreuungseinrichtung bedeuteten. Das habe einen enormen Organisationsaufwand mit sich gebracht.

Einige Frauen hätten ihre Elternzeit außerdem unfreiwillig verlängern müssen, weil sie für ihr Kind keinen Betreuungsplatz bekommen hätten, da keine Eingewöhnung in der Kita stattfinden konnte. Generell sei es nach wie vor üblich, dass die Mutter mindestens zwölf Monate in Elternzeit geht und der Vater nur die zweimonatige „Partnerzeit“ in Anspruch nimmt.

Der Anteil an Männern, die länger in Elternzeit gehen, sei seltener, ebenso die Zahl an alleinerziehenden Vätern, so Coltons Einschätzung.

Die ungleiche Verteilung der Hausarbeit sei immer wieder Thema in der Paarberatung, sagt Maren Colton, Beratungsstellenleiterin bei Pro Familia in Bad Hersfeld. Colton vermutet, das Problem liege darin, dass die Aufgabenverteilung unter Paaren nicht neu geregelt werde, nachdem auch das zweite Elternteil in den Beruf zurückgekehrt ist.

Wenn die Frau also längere Zeit zuhause war, in der Konsequenz auch mehr Haus- und Familienarbeit geleistet hat, und danach wieder anfängt zu arbeiten, bleiben die Aufgaben dennoch weiter an ihr hängen. Generell sei die Tendenz, nach der Elternzeit zurück in den Beruf zu gehen, bei Frauen stärker geworden, sagt Colton.

Die Pandemie hatte aber auch etwas Positives: „Einige konnten aus ihrem Hamsterrad des Alltags herauskommen. Corona sorgte für eine Entschleunigung“, sagt Colton. Die Möglichkeit des Homeoffices habe zudem für Erleichterungen gesorgt, etwa indem Fahrtwege gespart werden konnten.

Aus den eigenen Statistiken konnte Colton nicht entnehmen, dass es in der Zeit der Pandemie mehr Trennungen gegeben hätte.

Um für Entlastung zu sorgen, rät Colton, die empfundenen Ungleichverteilungen bei Hausarbeit und Co. aktiv anzusprechen. „Für die eigene freie Zeit sollte man sich etwas suchen, um wirklich mal rauszukommen und etwas nur für sich zu tun“, so die Beraterin. Ebenso könne eine Mutter-Kind-Kur eine Lösung für die benötigte Auszeit sein.

Bachelor-Arbeit schreiben in der Elternzeit

Die Erfahrungen und Herausforderungen, die die Corona-Pandemie für junge Familien bisher parat hielt, waren genauso individuell und verschieden wie die Familien selbst. Und dennoch zeigen sich auch Überschneidungen und Parallelen in den Erzählungen junger Mütter.

Jaqueline Becker aus Niederaula und Mara Herzog aus Asbach sind beide 2021 Mutter geworden. Keine Geburtsvorbereitungskurse, kein Austausch mit anderen werdenden Müttern, keine gemeinsamen Frauenarztbesuche – die strengen Corona-Schutzmaßnahmen machten den werdenden Eltern zu schaffen. Vor allem die Tatsache, dass die Väter das Kind nicht „live“ auf dem Ultraschallbild sehen konnten, empfanden die Mütter als besonders schade.

Auch kurz vor der Geburt durften die Männer in den meisten Fällen nicht die gesamte Zeit über im Kreißsaal bei den Müttern bleiben, berichtet Herzog. „Man hatte Angst, das Kind kommt, der Papa ist nicht dabei und man muss alleine da durch“, beschreibt Herzog die Sorgen, die viele Mütter durchlebt haben – auch Becker: „Das Schlimmste war, dass ich am Tag der Entbindung alleine im Krankenhaus war und mein Mann nicht bei mir sein und mich unterstützen konnte.“ Aber es gab auch positive Nebeneffekte: Nach der Geburt waren beide Mütter froh, dass sie im Krankenhaus nicht von Besuchen überhäuft wurden und die junge Familie Zeit für sich hatte.

Vor besondere Herausforderungen gestellt wurde auch Jessica Hotzel, die ebenfalls aus Asbach kommt. Die 31-Jährige hat im November 2019 ihr zweites Kind bekommen, ihr erstes Kind ist 2015 geboren. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie startete Hotzel in ihr siebtes und letztes Semester an der Hochschule Fulda, sie studierte in Vollzeit Soziale Arbeit.

Dass sie in dieser Zeit in Elternzeit war, machte für den Fortgang des Studiums keinen Unterschied. Der Nachteil war vielmehr, dass sie durch diesen Umstand ihre ältere Tochter nicht in der Notbetreuung unterbringen konnte.

Die Mutter hatte also Säugling und Kindergartenkind zu betreuen, während sie im Homeoffice an Seminaren und Vorlesungen teilnahm und den Haushalt machte. Erst mit Beginn der Prüfungsphase und dem Verfassen der Bachelorarbeit konnte sie in Absprache mit der Hochschule Anspruch auf Notbetreuung im Kindergarten stellen. Hotzels Ehemann ging weiterhin zur Arbeit. „Das war die schwierigste Zeit in meinem Leben“, sagt die 31-Jährige rückblickend.

Mit dem Start ins Berufsleben ist Hotzels kleiner Sohn zur Tagesmutter, die Tochter wieder in den Kindergarten gegangen. Wenn es bei der Betreuung coronabedingt zu Schwierigkeiten kam, konnten sowohl Mutter als auch Vater die Kinder mit ins Büro nehmen. „Das ist nicht selbstverständlich“, weiß Hotzel. (Laura Hellwig)

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