Einige Bewohner bleiben auch über Weihnachten

Das Ringen ums Fest: Hersfelder Wohngruppe für Jugendliche trotzt Corona

Wohgruppenleiterin Andrea Ammerschuber und Bewohner Walid stehen neben einem Magnolienbaum-Bild, an dem die Namen aller Mitglieder der Wohngruppe Schottener Soziale Dienste angebracht werden.
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Wollen trotz Corona für etwas Festlichkeit sorgen: Betreuerin Andrea Ammerschuber und Bewohner Walid stehen neben einem Magnolienbaum-Bild, an dem die Namen aller Mitglieder der Bad Hersfelder Wohngruppe angebracht werden.

Die Corona-Pandemie macht das Familienleben vielerorts nicht einfacher – besonders hart trifft es Kinder und Jugendliche im betreuten Wohnen, die ihre Familien nur selten sehen.

Bad Hersfeld – Wir haben kurz vor Weihnachten eine solche Wohngruppe in Bad Hersfeld besucht und mit Leiterin Andrea Ammerschuber über ihre Schützlinge und die Herausforderungen im Corona-Jahr 2020 gesprochen.

Andrea Ammerschuber sitzt in ihrem Büro und die Wand hinter ihr leuchtet förmlich: Bunte Fotos, Dankesgrüße und Plakate mit Sprüchen reihen sich aneinander. Die Leiterin der Wohngruppe Schottener Soziale Dienste betreut seit 23 Jahren Kinder und Jugendliche, die nicht zur Schule gehen wollen, Probleme in der Familie haben oder deren Eltern sich kurzzeitig nicht um sie kümmern können.

Die 56-Jährige dreht sich lächelnd um und betrachtet die Fotos ihrer Schützlinge. „Das sind die Jugendlichen, die hier mal gewohnt haben oder noch da sind.“ Verlassen haben sie die Leiterin nie. Sie erinnert sich gern an ihre Schützlinge zurück, dann schwelgt die Wohngruppenleiterin auch schon mal in Erinnerungen „und schaut mit den Kolleginnen die Fotos durch.“

Manche Schützlinge bleiben Jahre, andere nur wenige Tage

Kommt ein Neuankömmling zur Wohngruppe dazu, überlegen Ammerschuber und ihr Team, gemeinsam mit dem Jugendlichen, welche Bedürfnisse und Ziele zu erreichen sind und wie jeder Einzelnen sich weiterentwickeln kann. „Wer dann 18 Jahre alt ist, zieht aus oder kann weiter betreut werden, wenn man das wünscht“, erklärt Ammerschuber. Manche ihrer Schützlinge bleiben Jahre, andere nur Tage in der Einrichtung.

Besonders zu Weihnachten kommen die ehemaligen Bewohner aber gerne in das lila gestrichene Haus auf dem Frauenberg in Bad Hersfeld zurück. „Aber weil Corona ist, geht das nicht mehr so“, bedauert Ammerschuber. Immerhin dürfen jetzt, während der zweiten Coronawelle, Eltern weiterhin zu Besuch kommen. Noch im Frühjahr war das nicht möglich. „Die Eltern melden sich vorher bei mir an und die Besuchslänge ist auch eingeschränkt“, erklärt die zweifache Mutter, als sie durch die bunt bemalten Gänge der Wohngruppe geht.

Tolerant und kreativ: Die Kinder und Jugendlichen haben ihren Freizeitraum selbst dekoriert. Das Faible für schlaue Sprüche haben sie von der Wohngruppen-Chefin.

An jeder Zimmertür klebt ein Spruch. „Gerade war hier aufgeräumt. Schade, dass du es verpasst hast“, steht auf einem Holzbrett neben der Tür. „Hier wohnt jemand, der nicht gerne aufräumt,“ sagt die Leiterin. Ihr Faible für motivierende Sprüche haben sich die Jugendliche abgeschaut. Auch im Gemeinschaftsraum ist das nicht zu übersehen. Andrea Ammerschuber schaltet das Licht an und deutet auf eine bunt bemalte Wand. „Die Flaggen und Sprüche haben die Jugendlichen selbst gemalt“, sagt sie. „Unsere Schatten haben alle dieselbe Hautfarbe“, steht dort.

Statt auf den großen Weihnachtsmärkten wird in der heimischen Küche gefeiert

Zum Essen, Basteln und für kleine Feiern treffen sich die Bewohner des lila Hauses in der großen Wohnküche. In einer Ecke steht ein Weihnachtsbaum und am Küchentisch sitzen die Jugendlichen zusammen. „Hier haben wir in diesem Jahr eine kleine Weihnachtsfeier gemacht“, sagt Ammerschuber. Es war ein coronabedingtes Alternativprogramm: Statt einer Fahrt zu den großen deutschen Weihnachtsmärkten zwang die Pandemie Kinder und Betreuer dazu, in der heimischen Küche zu bleiben.

„An Heiligabend sind die meisten WG-Bewohner bei den Eltern“, sagt Ammerschuber. Manche der Jugendlichen bleiben auch über die Feiertage in der Einrichtung. „Ein Mädchen kann ihren Vater nicht treffen. Er möchte wegen der Pandemie lieber den Abstand wahren“, schildert die Leiterin ein Beispiel.

Um den Kindern die Weihnachtszeit ohne Ausflüge und mit eingeschränktem Familienkontakt so spannend wie möglich zu machen, lassen sich die Betreuer immer neue Projekte einfallen. „Wir haben neulich Tassen gemacht“, sagt der 12-jährige Walid und zeigt stolz sein Werk, auf dem das Symbol des Fußballvereins Real Madrid prangt. „Das sind schöne Weihnachtsgeschenke, jetzt wo die Geschäfte zuhaben“, fügt ein Mädchen hinzu. Sie hat ihre Tasse schon verpackt. Beide Kinder warten nun auf die Bescherung – ganz egal ob bei den Eltern oder im lila Haus. (Kim Hornickel)

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