Verein fordert mehr Geld von den Kommunen

Dem Tierheim für den Kreis Hersfeld-Rotenburg droht das Aus

Das Bild zeigt Frank Krökel mit seiner Dogge und einem Laptop, auf dem ein Balkendiagramm zu sehen ist.
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Hat die finanzielle Situation des Tierheims analysieren lassen: Frank Krökel vom Vorstand des Vereins, der das Tierheim als Träger betreibt. Auch seine Dogge stammt aus einem Tierheim.

Dass der Betrieb des Tierheims für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg finanziell auf wackeligen Füßen steht, ist nicht neu.

Hersfeld-Rotenburg - Jetzt ist es laut Frank Krökel vom Vorstand des Tierschutzvereins Bad Hersfeld aber „drei vor zwölf“. Der Verein betreibt das Tierheim und übernimmt damit eine Pflichtaufgabe der Kommunen, wie Krökel betont. 30 Cent pro Einwohner/Jahr zahlen die Städte und Gemeinden dafür aktuell. Der Vereinsvorstand fordert nun, den Beitrag auf einen Euro zu erhöhen. „Die 30 Cent reichen nicht annähernd“, sagt Krökel, der die finanzielle Situation auf eigene Kosten von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft betriebswirtschaftlich habe aufarbeiten lassen. Tatsächlich seien mit Blick auf die Einwohnerzahl des Landkreises sogar eigentlich 1,72 Euro nötig. Man laufe sehenden Auges vor die Wand. „Wenn sich nichts ändert, droht in drei bis fünf Jahren die Pleite, das wollen wir vermeiden“, betont Krökel. „Die Lage ist desolat.“

Dabei gehe es aber nicht nur darum, eine Pleite zu verhindern. „Wir wollen dauerhaft und nachhaltig planen können, auch mit Blick auf den Bedarf an qualifiziertem Personal, steigende Anforderungen und dringend notwendige Sanierungen“, so Krökel. Zudem sei die Subventionierung öffentlicher Aufgaben mit privatem Geld rechtlich problematisch.

Neben dem Geld aus den 20 Kreiskommunen wird die Arbeit im Tierheim momentan über Mitgliedsbeiträge, Sach- und Geldspenden sowie Einnahmen aus dem Katzen- und Hundehotel finanziert. Der Verein habe aktuell 678 Mitglieder, zu Spitzenzeiten waren es laut Krökel 1400.

Über die Erhöhung beziehungsweise die im Haushalt vorgesehenen Mittel entscheiden letztlich die Kommunalparlamente. Erste Bürgermeister haben jedoch grundsätzlich Bereitschaft signalisiert. Wenn es trotzdem bei einem Betrag unter einem Euro bleibt? „Dann werden wir die Verträge mit denen, die sich nicht beteiligen, kündigen müssen“, so Krökel. Natürlich wolle man weiter mit allen zusammenarbeiten, „aber auf Augenhöhe“.

600 bis 700 Vermittlungen im Jahr

Mit über 100 Tieren – darunter elf Pensionstiere und 13 in externen Pflegestellen – ist das Tierheim in Bad Hersfeld wie üblich mehr als gut belegt. Knapp 30 Hunde leben dort aktuell. Aus 20 vor Kurzem ausgesetzten und verwahrlosten Kaninchen (wir berichteten) sind inzwischen 45 geworden, denn viele Tiere seien trächtig gewesen, berichtet Vorstandsmitglied Frank Krökel, der bei den Bürgermeistern im Landkreis für eine Erhöhung der finanziellen Zuwendung von aktuell 30 Cent pro Einwohner/Jahr auf einen Euro wirbt. Dass dafür genug Geld vorhanden sei, macht er an folgender Rechnung fest: „Das Geld, das wir momentan insgesamt bekommen, entspricht nur 8,22 Prozent der eingenommenen Hundesteuer in den Kommunen.“

Für ihn mache es auch keinen Sinn, zwischen den Städten und Gemeinden zu unterscheiden, vielmehr sollten die Kosten weiterhin gleich und fair auf alle verteilt werden. Zwar sei es bei Abgaben, Beschlagnahmungen und auch einigen Fundtieren möglich, diese lokal zuzuordnen. Allerdings geht eine rein lokale Zuordnung für Krökel am Sinn vorbei. Denn: „Der Betrieb muss 365 Tage im Jahr sichergestellt sein, wir müssen Personal und Ausstattung vorhalten, ähnlich wie bei der Feuerwehr.“

Er hat auch weitere Ideen, wie sich die Kommunen künftig mehr einbringen könnten, zum Beispiel, indem reihum Bauhofmitarbeiter bei der Grünpflege oder für notwendige Reparaturarbeiten einspringen.

Dass der Betrieb des Tierheims finanziell auf wackeligen Füßen steht, ist nicht neu. Das zeigen auch die roten Zahlen und Kurven in Krökels Präsentation. „Wir werfen momentan alles in einen Topf, das ist aber eigentlich nicht richtig“, beschreibt er ein weiteres Problem. „Wir wollen nicht mehr Geld verlangen, wir müssen mehr Geld verlangen“, sagt der 55-Jährige. Zwar sei auch der Verein stets bemüht, Kosten zu sparen und Einnahmen zu generieren, das reiche aber bei Weitem nicht aus und löse das Problem der privaten Finanzierung öffentlicher Aufgaben nicht. „Wir müssen dringend eine gemeinsame Lösung finden“, appelliert Krökel. Der Unternehmer arbeitet eigenen Angaben nach 20 bis 25 Stunden pro Woche ehrenamtlich für den Tierschutzverein.

Ins Geld gingen übrigens nicht nur die Unterbringung und Pflege der Tiere, sondern vor allem auch Tierarztbesuche – gerade bei den Fund- und herrenlosen Tieren, deren Historie nicht bekannt ist. Zudem müsse qualifiziertes Personal ordentlich bezahlt werden und eine Perspektive haben. „Wir betreiben hier nicht nur Verwahrung, sondern auch Resozialisierung, um verwahrloste und verhaltensauffällige Tiere irgendwann weitervermitteln zu können“, erklärt Krökel, und die Vermittlung der Tiere sei schließlich das erklärte Ziel. Immerhin 600 bis 700 würden pro Jahr verzeichnet. Eines sei jedoch kategorisch ausgeschlossen, auch wenn es der Kasse zugutekäme: „Wir betreiben keine Euthanasie und keinen Welpenhandel!“

Bürgermeister Daniel Iliev: „Einrichtung ist alternativlos“

Die Kreisstadt Bad Hersfeld, die sich auch mit 80 Prozent an den Energiekosten beteiligt, hat 2020 laut Stadt-Sprecher Meik Ebert 13 258 Euro für das Tierheim gezahlt. Im Haushaltsentwurf des Bürgermeisters für 2022 seien nun 30 000 Euro inklusive der Energiekosten enthalten, was einer Erhöhung der Pro-Kopf-Pauschale auf 90 Cent entspreche. „Das kann sich bei den Beratungen durch den Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung aber noch ändern“, so Ebert, der aber betont: „Wir sind gewappnet und freuen uns, wenn andere Kommunen den Betrag auch erhöhen.“

Die Erhöhung auf einen Euro würde laut Frank Krökel für Bad Hersfeld einen Mehraufwand von rund 21 000 Euro bedeuten, für Rotenburg wären es rund 10 000 Euro mehr pro Jahr. Eine kleine Gemeinde wie Breitenbach/H. müsste knapp über 1000 Euro mehr zahlen.

„Persönlich bin ich froh, dass es eine solche Einrichtung mit den vielen engagierten Ehrenamtlichen gibt“, sagt Heringens Bürgermeister Daniel Iliev. „Letztlich ist diese Einrichtung für Kommunen wie uns alternativlos, da wir gar keine andere Möglichkeit hätten, uns um beschlagnahmte oder aufgefundene Tiere zu kümmern, weswegen wir dringend eine gemeinsame Lösung finden müssen.“ Er würde es deshalb begrüßen, wenn die Stadt Heringen ihren Einsatz erhöhen würde. Gerade der Haustier-Boom während der Pandemie habe leider gezeigt, dass man das Tierheim dringend benötige.

Ähnlich äußert sich auch Bebras Bürgermeister Stefan Knoche. „Die Kommunen haben gesetzliche Aufgaben als örtlich zuständige Behörde der Gefahrenabwehr wahrzunehmen. Dazu zählt sowohl die Entgegennahme als auch die artgerechte Unterbringung von Fundtieren und beschlagnahmten Tieren.“ Die Stadt könne dafür aus wirtschaftlichen Gründen aber weder geeignete Räumlichkeiten noch sachkundiges Personal vorhalten. Die jüngste Erhöhung auf 30 Cent erfolgte 2013. Auch Knoche will sich angesichts der ausgezeichneten Zusammenarbeit für eine angemessene Erhöhung aussprechen, ohne sich jedoch aus Respekt vor der Stadtverordnetenversammlung auf eine bestimmte Summe festzulegen. (Nadine Meier-Maaz)

Deutscher Tierschutzbund: „Viele Tierheime in Existenz gefährdet“

Dass das Tierheim für den Landkreis nicht das einzige mit finanziellen Problemen ist, bestätigt Hester Pommerening, Sprecherin des Deutschen Tierschutzbunds, dem über 550 vereinseigene Tierheime angeschlossen sind. Zum Teil würden es die Kommunen nicht anerkennen, dass sie für Fundtiere sechs Monate die Kosten übernehmen müssten: Lediglich drei Prozent der vom Verband befragten Tierheime erhielten eine Kostenerstattung über die komplette Zeit. Elf Prozent bekämen 28 Tage erstattet, andere Kommunen zahlen nur einen Pauschalbetrag. „Allen gemeinsam ist, dass die Zahlungen nicht annähernd kostendeckend sind“, so Pommerening. Die Verhandlungen seien meist mühsam, zumal mit jeder Kommune im Einzugsgebiet einzeln verhandelt werden müsse. Deshalb müssten die Vereine die entstehenden Kosten aus eigener Tasche ausgleichen und die Kommunen aus Tierschutzgeldern „subventionieren“, wobei sie selbst an die Grenze des finanziell machbaren gerieten. Die Gesetzgebung sei selten hilfreich, im Gegenteil. „Rücklagen für Instandhaltungsarbeiten konnten oft über Jahre hinweg nicht gebildet werden oder sind aufgezehrt.“ Durch steigende Kosten zur Versorgung der Tiere seien viele Tierheime akut in ihrer Existenz gefährdet. Nun sorge auch noch die Corona-Pandemie für Schwierigkeiten. Zwar greife das Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz den Tierheimen 2021 mit fünf Millionen Euro unter die Arme, dies sei aber eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Tierheime, die dem Verband angeschlossen sind, nehmen laut diesem im Laufe eines Jahres rund 350 000 Tiere auf, vor allem Fundtiere, gefolgt von Abgabetieren. (nm)

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