Wochenendporträt

Siegfried Heinrich: Der Opern-Traum lebt weiter

Ein Leben für die Musik: Siegfried Heinrich am Flügel im Bach-Haus, in dem der Arbeitskreis für Musik nach wie vor das kulturelle Leben der Stadt bereichert.
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Ein Leben für die Musik: Siegfried Heinrich am Flügel im Bach-Haus, in dem der Arbeitskreis für Musik nach wie vor das kulturelle Leben der Stadt bereichert.

Er könnte verbittert sein. Aber er ist es nicht. Siegfried Heinrich, der Mann, der die Oper in der Bad Hersfelder Stiftsruine verkörperte, schaut heute auch mit 85 Jahren eher nach vorne als zurück.

Bad Hersfeld - Schmerzlich war es schon für ihn, als sein Lebenswerk 2015 im Streit mit Festspielintendant Dieter Wedel von jetzt auf gleich abgewickelt wurde. Auch das Ermittlungsverfahren um vermeintliche finanzielle Unregelmäßigkeiten im Trägerverein Arbeitskreis für Musik (AfM) hat ihm zugesetzt.

„In der Stadt haben sich Leute von mir und meiner Frau abgewandt“, erinnert er sich an diese schwere Zeit. „Ich habe aber nie etwas getan, was anfechtbar war“, sagt Heinrich, der auch von Seiten der Staatsanwaltschaft voll rehabilitiert wurde.

Diese beiden dunklen Kapitel sind für ihn „längst abgeschlossen“, und tatsächlich klingt Siegfried Heinrich nicht so, als wolle er heute noch alte Rechnungen begleichen. Im Gegenteil: „Wir überlegen ständig, wie wir hier wertvolle kulturelle Angebote schaffen können.“

Wir – das meint neben seiner Person eine „erfreulich konstante Gruppe“ von Mitstreitern im AfM. Zentrum des gegenwärtigen Angebots ist das Bach-Haus in der Nachtigallenstraße, in dem auch während des Ersatzprogramms der Bad Hersfelder Festspiele in diesem Sommer mehrere Veranstaltungen stattfanden.

Dass Siegfried Heinrich in diesem Spektrum auch weitere Opernaufführungen in der Stiftsruine sieht, daraus macht er keinen Hehl. „Wenn Sie wüssten, wie viele Anfragen es nach wie vor gibt“, sagt er und sieht das „als gutes Zeichen, dass die Leute die Oper nicht vergessen haben“.

Dass der mittlerweile auch vom Wedel-Nachfolger Joern Hinkel mit Qualitätsansprüchen und zu hohen Kosten begründete Verzicht auf die Oper „ein ganz großer Verlust für die Stadt“ sei, das hätten laut Heinrich auch Mitglieder des Magistrats festgestellt.

Deshalb hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. „Wenn Magistrat und der Landkreis die Basis schaffen, wenn sich verantwortungsbewusste Mitarbeiter finden, dann ist die Oper auch heute noch mit einem vergleichsweise geringen Budget möglich und ließe sich innerhalb kürzester Zeit wiederbeleben“, ist sich Heinrich sicher. Er fügt hinzu: „Das ginge auch ohne meine Person.“

An der hatten sich damals die Geister geschieden. Heinrichs Anspruch, über Auswahl der Werke, Künstler, Orchester und über die Termine entscheiden zu dürfen, war mit der auch vom Land Hessen gewünschten Fusion von Festspielen und Oper unter dem jeweiligen Intendanten nicht vereinbar.

Im Ergebnis wurde Siegfried Heinrich vor die Tür der Stiftsruine gesetzt, und das Fördergeld für die Oper wurde den Festspielen zuerkannt. Aber auch hier kein Nachkarten des Musik-Professors. Das Verhältnis zu Stadt und Theatermachern sei heute gut, stellt er fest, auch weil die Festspiele das Bach-Haus als Probenbühne entdeckt haben.

Wenn er also träumen darf, von einer Oper in der Ruine, welche würde es dann sein? „Eine schwere Frage“, sinniert er und sagt nach einem Moment des Überlegens: „Der Orfeo von Monteverdi, der wäre bestimmt ein Magnet.“

Bis aus seinem Traum Wirklichkeit wird, bastelt Heinrich, der sich „in gewisser Weise im Unruhestand“ sieht, am Konzertprogramm für das Bach-Haus und hofft, dass Corona-Beschränkungen mit den finanziellen Einbußen nicht zum Dauerzustand werden.

Beim Kreisehrenamtstag vor zwei Wochen wurde auch Siegfried Heinrich ausgezeichnet. Wenn man ihm gegenüber sitzt, dann kann das trotz seiner 85 Jahre kein Schlusspunkt, sondern lediglich eine Zwischenstation gewesen sein. Das sieht er selbst wohl genauso: „Ich fühle mich sehr wohl. Vom Alter spüre ich nichts.“

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