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„Deutschland spielt eine Schlüsselrolle“: Interview mit finnischer Partner-Bürgermeisterin

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Von: Laura Hellwig

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Im Interview spricht Hyvinkääs Bürgermeisterin Johanna Luukkonen über den Krieg in Europa und die Stimmung in der finnischen Partnerstadt des Landkreises.

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Johanna Luukkonen (55) ist seit August vergangenen Jahres Bürgermeisterin von Hyvinkää. © Stadt Hyvinkää/nh

Hersfeld-Rotenburg – Auf einer Länge von über 1300 Kilometern Landesgrenze werden Finnland und Russland voneinander getrennt. Die südfinnische Stadt Hyvinkää ist seit etwa 50 Jahren Partnerstadt des Landkreises Hersfeld-Rotenburg. Wir haben mit Hyvinkääs Bürgermeisterin Johanna Luukkonen über den Krieg in Europa und die Stimmung in der Stadt unweit von Helsinki gesprochen.

Frau Luukkonen, Finnland war lange neutral. Nachdem Russland die Ukraine überfallen hat, diskutiert Ihr Land über einen Nato-Beitritt. Ist die Sorge so groß bei Ihnen, selbst überfallen zu werden?

Die Situation in der Ukraine ist in vielerlei Hinsicht schwierig und unglücklich. Für die Finnen ist es schwierig, den Einmarsch Russlands in die Ukraine zu verstehen. Die Neutralität Finnlands ist ein wichtiger Teil unserer Zusammenarbeit mit der ganzen Welt. Der Angriff Russlands auf dessen Nachbarn Ukraine hat die Diskussion um den Beitritt Finnlands zur Nato verstärkt. Dabei wird auch die Ansicht vertreten, dass die derzeitige Neutralität Finnlands für das weitverbreitete Vertrauen von Bedeutung ist. Das Thema ist wichtig und aktuell, und ich werde die Entscheidung Finnlands in dieser Diskussion unterstützen.

Seitdem klar ist, dass Finnland über eine Nato-Mitgliedschaft nachdenkt, versucht Russlands Präsident Wladimir Putin, Ihr Land einzuschüchtern. Unterschätzt er Ihre Landsleute?

Es ist schwierig, zu der Frage Stellung zu nehmen, wie Wladimir Putin Finnland sieht. Bei den Signalen, die während des Krieges in verschiedene Richtungen gegeben wurden, ist es schwierig zu beurteilen, was wahr und was Teil der Kriegsstrategie ist. Ich vertraue fest darauf, dass die finnischen Verteidigungskräfte und die dafür verantwortlichen Beamten in der Lage sein werden, zu interpretieren und zu reagieren. Als Bürgermeisterin von Hyvinkää ist es meine Aufgabe, mich gemeinsam mit anderen Behörden um das Wohl der Bürger zu kümmern, wenn sich die Lage in Finnland ändert.

Rund zwei Autostunden sind es von Hyvinkää bis zur russischen Grenze – inwiefern hat sich die Stimmung in Ihrer Stadt seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verändert?

Die Lage in Hyvinkää ist ruhig und die Finnen verfolgen den Fortgang des Krieges in der Ukraine. Etwa 80 Ukrainer, die meisten von ihnen Frauen und Kinder oder Jugendliche, sind nach Hyvinkää gezogen, während die Männer ihr eigenes Land verteidigen müssen. Diese Menschen, die nach Hyvinkää gezogen sind, hatten meist irgendeine Art von Kontakt oder Verbindung zu unserer Bevölkerung. Die Einwohner haben verschiedene Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert, deren Erlös in die Ukraine fließen konnte. Die schulpflichtigen Kinder gehen als Schüler auf unsere Schule und so konnten auch Freundschaften mit den einheimischen Kindern geknüpft werden.

Zu Beginn des Krieges hieß es, dass Züge zwischen Sankt Petersburg und Helsinki ausgebucht waren – eine der letzten Verbindungen für Russen, um in die EU zu kommen. Ist das immer noch so?

Der Zugverkehr zwischen Russland und Finnland wurde eingestellt.

Welches Bild haben die Finnen vom Agieren Deutschlands im Ukrainekrieg?

Im Allgemeinen hat Europa bei seinen eigenen Maßnahmen eine unterstützende Haltung eingenommen. Als einer der einflussreichsten und größten Staaten spielt Deutschland eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung und dem Engagement für die Ukraine. In Finnland hat man diese Unterstützung auch als solche wahrgenommen.

Der Krieg sorgt hierzulande für eine Explosion der Energiepreise, die Inflation liegt bei über sieben Prozent. Sind die Auswirkungen bei Ihnen auch so krass?

Steigende Preise und in gewisser Hinsicht auch die geringere Verfügbarkeit von Rohstoffen sind in Finnland bereits zu beobachten. Dies hat zur Folge, dass die Lebenshaltungskosten der Finnen und ihrer Familien steigen. Der Kostendruck auf die Industrie ist ebenfalls sichtbar. Vor allem im Baugewerbe schlagen sich die Preissteigerungen durch Investitionsverzögerungen nieder.

Laut dem „World Happiness Report“ leben in Finnland die glücklichsten Menschen der Welt. Was machen Sie besser als wir?

Meine eigene Vorstellung davon, warum die Finnen glücklich sind, hängt mit dem sicheren Leben, der sauberen Natur und dem Vertrauen zueinander zusammen, das unser Land bietet. Unser Land hat auch einen starken Gemeinschaftssinn, den ich als „Finnischsein“ bezeichne. Das sind die Aufmerksamkeiten jedes Einzelnen im alltäglichen Leben.

Seit 1971 besteht das Partnerschaftsverhältnis zwischen Hyvinkää und dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Wie würden sie das Verhältnis zwischen unseren beiden Regionen beschreiben?

Die Partnerschaft zwischen Hyvinkää und Hersfeld-Rotenburg wird hier als bedeutend empfunden. Sie hat auch eine lange Geschichte. Die Zusammenarbeit war inhaltlich vielfältig und hat beiden Seiten im Laufe der Jahre sicherlich viel gebracht.

Die Corona-Pandemie hat grundsätzlich den Austausch und gegenseitige Besuche in aller Welt gebremst. Wie geht’s mit der Partnerschaft nun weiter? Gibt es konkrete Pläne?

Wir hoffen, dass die Partnerschaft mit Hyvinkää weiterhin eng sein wird. Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen, auf dem Gebiet der Kultur und des Sports sowie mit Geschäftsleuten ist für mich notwendig, und ich hoffe daher, dass sie auch nach Corona fortgesetzt wird.

Inzwischen sind Reisebeschränkungen ja kaum noch ein Thema. Warum sollte man Hyvinkää besuchen? Was zeichnet Ihre Stadt aus?

In Hyvinkää steht ein ereignisreicher Sommer bevor, in dem wir zum Beispiel Weltklasse-Interpreten der Rockmusik bei uns begrüßen können. Die sehr saubere und schöne Natur sowie die Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten sind bei den Touristen sehr beliebt. Die Lage von Hyvinkää, 45 Kilometer von der finnischen Hauptstadt Helsinki entfernt, bietet uns gute Flugverbindungen für die Anreise und zusätzliche Elemente des Tourismus aus der Metropole.

Interview: Laura Hellwig

Die Stadt Hyvinkää von oben: In der Innenstadt finden des Öfteren Festivals und andere Großveranstaltungen statt.
Die Stadt Hyvinkää von oben: In der Innenstadt finden des Öfteren Festivals und andere Großveranstaltungen statt. © Stadt Hyvinkää/nh

Zur Person

Johanna Luukkonen (55) ist seit August vergangenen Jahres Bürgermeisterin von Hyvinkää (parteilos). Sie hat einen Master im Bereich Justiz und Verwaltung sowie eine Ausbildung als Kindergärtnerin und Sportlehrerin. Luukkonen ist verheiratet und hat einen Sohn. In ihrer Freizeit macht die Bürgermeisterin gerne Sport: Sie fährt Ski, spielt Golf, geht joggen und fährt Fahrrad. Luukkonen war bisher zweimal in Deutschland und hat Urlaub in den Alpen gemacht. 

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