Montagsinterview: „Das Geld auf die Straße bringen“

Deutschlands oberster Bauarbeiter über die Zukunft der Baubranche

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Chef aller Bauarbeiter: Bauindustrie-Präsident und Strabag-Vorstand Peter Hübner, der seit vielen Jahren in Bad Hersfeld wohnt, sprach mit uns über den Boom auf dem Bau, Bürokratie und die Zukunft der Baubranche. Unser Foto zeigt ihn auf dem Gelände der Strabag-Lehrwerkstatt in Bebra.

Bebra / Bad Hersfeld. Anfang des Jahrtausends lag Deutschlands Bauindustrie am Boden – jetzt ist sie einer der erfolgreichsten Wirtschaftszweige im Land.

Deutsche Bauunternehmen haben im vergangenen Jahr Aufträge im Wert von fast 68 Milliarden Euro an Land gezogen. Wir sprachen in Bebra mit dem Bad Herfelder Peter Hübner, der nicht nur Vorstand des Bauunternehmens Strabag ist, sondern als Präsident der Bauindustrie auch quasi Deutschlands mächtigster Bauarbeiter, über den Boom, Bürokratie und die Zukunft der Baubranche.

Herr Hübner, was ist gerade die größte Baustelle der Bauindustrie?

Peter Hübner: Die größte Baustelle für uns ist die Frage, wie wir die großen Budgets, die derzeit auch von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt werden, in Projekte umgesetzt bekommen. Das ist ein Problem.

Es gibt also zu viel Geld, das nicht ausgegeben werden kann. Wie kann das sein?

Hübner: Die Nachfrage wechselt ständig. Wir haben Jahre hinter uns, in denen im öffentlichen Bereich nicht viel gebaut wurde. Seit zwei, drei Jahren ist die Nachfrage allerdings extrem gestiegen, es wird dementsprechend viel Geld zur Verfügung gestellt. Nur: Jetzt fehlt das Personal in den Bauverwaltungen.

Was schlagen Sie vor?

Hübner: Wir brauchen mehr Personal. Und wir müssen Bürokratie abbauen. Sie ist das größte Hindernis in unserer Branche. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Planfeststellungsbeschluss der Startbahn West des Frankfurter Flughafens Anfang der 1970er Jahre hatte 23 Seiten. Der gleiche Beschluss aus dem Jahr 2007 für die Landebahn hatte 2700 Seiten. Diese überbordende Bürokratie ist doch aberwitzig.

Fehlendes Personal bremst viele Projekte aus. Sie sagten einmal in einem Interview, unser Land bräuchte Ingenieure, keine Influencer. Wie wollen Sie das Problem angehen?

Hübner: Wir finden die dringend benötigten Fachkräfte eben nicht frei am Markt. Man kann sie nicht einfach einem Konkurrenten abwerben. Oberstes Ziel ist deshalb die Ausbildung. Strabag beispielsweise hat kürzlich in Bebra den Grundstein für ein neues Ausbildungsgebäude gelegt. Das ist der richtige Weg. Wir müssen die jungen Menschen für eine Ausbildung im Bauberuf, aber auch für ein Bauingenieurstudium, begeistern.

Mehr Personal, weniger Bürokratie – was müsste sich noch ändern?

Hübner: Man muss bei öffentlichen Aufträgen endlich auch darüber nachdenken, die strikte Trennung zwischen Planung und Bauen aufzuheben. Bisher ist es so, dass Planung und Bau getrennt ausgeschrieben werden. Warum überlässt man die Planung nicht gleich den Bauunternehmen? Dieses Umdenken fehlt leider immer noch, obwohl wir seit Jahren die Trennung von Planen und Bauen kritisieren.

Dennoch: Die Baubranche boomt ja. Nur ein Strohfeuer oder ein dauerhafter Boom?

Hübner: Die Baubranche boomt dauerhaft. Ich glaube, dass wir uns über die Konjunktur bis zum Ende des Jahrzehnts keine Sorgen machen müssen.

Was stimmt Sie so optimistisch?

Hübner: Nehmen wir den Wohnungsbau, der ja weitestgehend in privater Hand ist. Die Nachfrage ist extrem. Wir kommen gar nicht hinterher. Aktuell bauen wir in Deutschland 300 000 neue Wohnungen im Jahr. Der Bedarf wird aber auf 400 000 pro Jahr geschätzt. Wir haben so viele alte Gebäude, die ersetzt werden müssen. Hinzu kommt die Zuwanderung in unsere Ballungszentren, aber auch die niedrigen Zinsen, die private Investoren dazu bewegen, Geld in die Hand zu nehmen. Außerdem gehe ich davon aus, dass gerade der preiswerte Wohnungsbau künftig noch stärker öffentlich gefördert wird. Der Bedarf ist immens.

Und wie sieht es im Straßenbau aus?

Hübner: Die Infrastruktur ist größtenteils staatlich dominiert. Der Staat hat mittlerweile die Notwendigkeit erkannt, die Budgets zu erhöhen. Ein Industriestandort wie Deutschland kann es sich gar nicht mehr leisten, dass er seine Infrastruktur nicht dauerhaft pflegt, unterhält und den Bedürfnissen gemäß ausbaut. Wir müssen das Geld, das zur Verfügung steht, nur auf die Straße bringen.

Vor 20 Jahren wurde in der Baubranche der Mindestlohn eingeführt. Eine gute Sache?

Hübner: Ja, unbedingt. Jeder muss von einer Vollzeitstelle leben können. Wenn es einen Job gibt, über den man den Mindestlohn nicht abbilden kann, dann muss man den Job infrage stellen. Was mir aber nicht gefällt, sind die immer noch unterschiedlichen Löhne in Ost und West. Es kann doch nicht sein, dass 27 Jahre nach der Wiedervereinigung gerade hier an der Landesgrenze Hessen/Thüringen immer noch unterschiedlich bezahlt wird. Das ist absurd. (ses)

Zur Person

Peter Hübner ist seit Juni 2016 Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. Der 57-Jährige kommt gebürtig aus Marburg, lebt aber schon seit Jahren in Bad Hersfeld. Hübners berufliche Karriere begann 1986 bei Bilfinger Berger in Frankfurt. 1990 wechselte er zum Bauunternehmen Kirchner nach Bad Hersfeld, dessen Eigentümer sein Großvater war. Dort war er von 1999 bis 2014 Geschäftsführer. Seit April 2013 sitzt Hübner im Vorstand der Firma Strabag, die 2008 Kirchner übernommen hatte. Peter Hübner war zudem 19 Jahre Vorsitzender im Motor-Flieger-Club Bad Hersfeld und ist dort heute noch Mitglied. (ses)

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