Demokratischen Zusammenhalt sichern

DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell: Kohleausstieg sozial abfedern

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Stippvisite: Der gebürtige Wildecker Stefan Körzell auf Besuch in Bad Hersfeld, wo er mittlerweile an Wochenenden zu Hause ist. Unter der Woche arbeitet er als Mitglied des DGB-Bundesvorstands in der Hauptstadt Berlin. Foto: Mario Reymond

Kohleausstieg und Klimapakt - Stefan Körzell, Mitglied des DGB-Bundesvorstands, muss aktuell viele Felder bespielen. Der Bad Hersfelder plädiert für soziale Abfederung des Wandels.

Jedes Wochenende zieht es Stefan Körzell nach Bad Hersfeld. Dort lebt der 56-Jährige mit seiner Frau in einem älteren Siedlungshäuschen, das sie vor acht Jahren energetisch saniert haben. Unter der Woche weilt Körzell als Mitglied des DGB-Bundesvorstands meist in der Hauptstadt Berlin. Oder er reist in seiner Funktion als Gewerkschafter durch die gesamte Republik.

Und in Zeiten von Klimapakt, Digitalisierung, wirtschaftlichen Problemen nicht nur in der Automobilindustrie und bei deren Zulieferbetrieben, hat ein Gewerkschafter kurz vor dem 70. Geburtstag des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der übrigens morgen, am Sonntag, gefeiert wird, alle Hände voll zu tun.

„Ich arbeite meine acht Stunden täglich. Alles, was darüber hinausgeht, ist Hobby“, scherzt Stefan Körzell. Kaum hat er Platz genommen, da klingelt bereits sein Handy. Der nächste Termin steht an. In Wiesbaden findet ein Treffen mit den fünf Wirtschaftsweisen statt. Doch zuvor bleibt ein wenig Zeit, um über die Notwendigkeit von Gewerkschaften in diesen wirtschaftlich bewegten Zeiten zu sprechen.

Jüngst hat Körzell mit in der Kohlekommission gesessen und den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung mitverhandelt. Dieser soll spätestens 2038, vielleicht aber auch schon im Jahr 2035 vollzogen werden. „Dieser Ausstieg ist notwendig. Aber er muss sozial abgefedert werden. Wir brauchen außerdem eine Einstiegsdebatte, zum Beispiel bei erneuerbaren Energien, Netzausbau und Stromspeichern. Windräder alleine werden es nicht sein, die den Ausfall kompensieren werden.“

Der Wandel auf dem Energiesektor müsse konsequent umgesetzt werden. Es reiche nicht aus, freitags für den Umwelt- und Klimaschutz zu demonstrieren, wenn dann am Montag andere lautstark gegen den Ausbau der Windkraft wettern. „CO2-Neutralität ist eine riesengroße Herausforderung für unsere gesamte Gesellschaft“, so der Gewerkschafter.

Zudem gelte es, in den drei großen Revieren Lausitz, Mitteldeutschland und Rheinland, in denen derzeit noch Braunkohle abgebaut wird, für wirtschaftliche Alternativen zu sorgen. So sollen in den kommenden 20 Jahren jährlich zwei Milliarden Euro fließen, damit die aktuellen Braunkohleabbaugebiete wirtschaftlich nicht abgehängt werden. Körzell hofft dabei auf viele neue, tarifvertraglich abgesicherte Arbeitsplätze in der Forschung, Produktion und Dienstleistung.

„Die Menschen dort, wie auch anderswo, dürfen uns nicht egal sein“. Als Junge vom Lande weiß er genau, worüber er spricht. „Wir dürfen nicht nur auf die hippen, urbanen Zentren blicken. Die ländlichen Regionen sind genauso wichtig wie die großen Städte.“

Damit das flache Land nicht abgehängt werde, müsse das Hochleistungsinternet schnellstmöglich auch dort kommen. Überhaupt müsse mehr Geld in die Infrastruktur fließen. Ebenso verhalte es sich bei der E-Mobilität. „Das Elektroauto muss zum Renner werden, und dieselbe Akzeptanz erfahren, wie ein ,Verbrenner’.

„Doch bis dahin ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten“, findet Körzell. Die E-Mobilität stecke noch in den Kinderschuhen, was auch die derzeitige Ladeinfrastruktur beweise. „Wir müssen auf dem Land auch vom Fleck kommen. Das sehe ich bis dato nicht.“

Aus gewerkschaftlicher Sicht müsse natürlich auch der demokratische Zusammenhalt in Deutschland sichergestellt werden, um überhaupt Gehör und Akzeptanz bei allen Menschen zu finden. „Das ist auch Teil unserer DGB-Gründergeschichte. Wir müssen weg von demokratiegefährdenden Tendenzen.“ Nur wer sich mitgenommen fühle, werde sich auch im Sinne der Allgemeinheit engagieren.

Zur Person

Stefan Körzell, Jahrgang 1963, stammt aus Bosserode und lebt in Bad Hersfeld. Er erlernte den Beruf des Maschinenschlossers bei den Rotenburger Metallwerken (RMW) und trat mit 17 Jahren in die IG Metall ein. Körzell hat bis 1990, zuletzt als Schichtführer, bei den Metallwerken gearbeitet. 1990 wurde er DGB-Organisationssekretär in Fulda und 1991 im Kreis Hersfeld-Rotenburg. 1997 wurde er zum Vorsitzenden des DGB-Kreises Bad Hersfeld-Eschwege gewählt. 2002 wurde Körzell zum DGB-Landesvorsitzenden Hessen und zum Vorsitzenden des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen gewählt. Seit 2002 war er als Bezirksvorsitzender auch Mitglied des DGB-Bundesvorstandes. Am 12. Mai 2014 wählten die Delegierten des DGB-Bundeskongresses Stefan Körzell in den geschäftsführenden Bundesvorstand. 2018 wurde er in diesem Amt bestätigt. Körzell ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

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