Erinnerungen des „ewigen“ Intendanten

Peter Lotschak und „seine“ Bad Hersfelder Festspiele

Dr. Peter Lotschak sitzt in einem Frankfurter Lokal am Tisch
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Noch immer ein aktiver Theatermacher: Dr. Peter Lotschak, mit 14 Dienstjahren (1987-1993 und 1999-2005) der „ewige“ Intendant der Bad Hersfelder Festspiele.

Die Bad Hersfelder Festspiele 2020 wurden wegen des Coronavirus abgesagt. In unserer Zeitung finden sie während der gesamten Spielzeit trotzdem statt. In den Erinnerungen der Theatermacher und in Bildern aus dem Archiv.

Peter Lotschak sitzt in diesen Tagen auf seiner Terrasse in den Bergen nördlich von Graz und schreibt an einer neuen Fassung des Musicals „Camelot“, das er vor 15 Jahren auch schon einmal in der Stiftsruine inszeniert hat. „Mir geht es wunderbar, ich bin gesundheitlich gut im Rennen“, sagt der 81-Jährige, der in Bad Hersfeld als „ewiger Intendant“ der Festspiele gilt, denn seine insgesamt 14 Jahre sind wie die Torrekorde von Gerd Müller kaum zu toppen.

Probenbeginn 2005: Intendant Peter Lotschak begrüßt sein Ensemble standesgemäß in der Stiftsruine.

Tatsächlich klingt Lotschak am Telefon putzmunter und gerätt beim Stichwort Bad Hersfeld sofort ins Schwärmen. „Wenn ich an die Stiftsruine denke, dann immer an die Menschen auf dieser Riesenbühne. Ich habe dann immer das Bild vor Augen, wie sich Helen Schneider in einem Wolkenbruch geweigert hat, abzubrechen. Ich habe gerufen, sie soll aufhören. Doch Helen hat weiter gespielt, obwohl das Wasser auch von unten nach oben gespritzt ist.“

Auch das ungleiche Paar des 1,90-Meter-Mannes Wolfgang Seidenberg mit dem 20 Zentimeter kleineren Karsten Kramer im „Diener zweier Herren“ fallen Lotschak da ein und natürlich der Abgang Yngve Gasoy Romdals in den Lasertunnel, ein Bild aus seiner grandiosen Musical-Inszenierung „Jesus Christ Superstar“, das zur Ikone wurde. Namen wir Hanna Burgwitz im Welttheater oder Guntbert Warnst als Cyrano de Bergerac hat er in diesem Moment vor Augen.

Immer wieder sei die Frage gestellt worden, wie der Mensch und Akteur gegen die gewaltigen Dimensionen der Spielstätte gewinnen könne, sagt Lotschak, doch die Antwort sei ganz einfach: „Die Ruine hilft ihm.“

Lotschaks Liebesbeziehung zur Stiftsruine war für jedermann offensichtlich. Immer wieder schwärmte er von den Bögen und Mauern, fand er doch wie kaum ein anderer in seinen Inszenierungen Zugang zum gesamten Bühnenraum, bezog auch die oft verschmähte Apsis immer wieder ein.

Bestes Beispiel dafür ist eben jene legendäre „Jesus“-Inszenierung, mit der das Musical der Festspiele ein neues Level erreichte. Zum ersten Mal stand hier ein Ensemble auf der Bühne, das neben den bereits etablierten Stars Yngve Gasoy Romdal, Anna Montanaro und Reinhard Brussmann bis in die kleinste Rolle erstklassig besetzt war. Das nur auf den ersten Blick spärliche Bühnenbild lebte von fantasievollen Effekten, und die mitreißende Orchestrierung von Christoph Wohlleben tat ein Übriges.

„Jesus wurde damals europaweit als beste Aufführung ausgezeichnet“, erinnert sich Lotschak, „auch heute sprechen mich noch Viele darauf an. Da ist ein Treffer gelungen.“ Drei Jahre lang lief die Inszenierung vor fast durchweg ausverkauftem Haus, und wer den „Hersfelder „Jesus“ nicht selbst erlebt hat, darf sich mit der CD trösten, auf der die Musik für alle Zeiten festgehalten wurde.

„Die Ruine war meine Kinderstube“, sagt Lotschak und gesteht, nach seinem Abschied keine Aufführung mehr gesehen zu haben. „Die Handschrift von jemandem anders in der Ruine entdecken zu müssen“, das wäre ihm schwer erträglich gewesen.

Lotschaks Liebe zu den Festspielen zeigte sich auch in einem Detail, das nur wenige wahrgenommen haben: Auch nach den Premieren war der Intendant bei sehr, sehr vielen Vorstellungen dabei. Und kurz vor Beginn der Vorstellung postierte er sich am Eingang, um das Eintreffen des letzten Zuschauers abzuwarten. Dann ging er ein paar Schritte zur Seite, zückte sein Taschentuch und gab dem Inspizienten am Hintereingang der Bühne winkend das Zeichen, dass es nun losgehen konnte.

Zudem war Lotschak immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Spielorten für das Rahmenprogramm. Ebenfalls unvergessen ist dabei sein Geschenk an die Stadt zum 50-jährigen Jubiläum der Festspiele, als er auf dem Pausenhof der Konrad-Duden-Schule das Mantel- und-Degen-Musical „Fracasse“ inszenierte. Zwar waren hier Personal und Ausstattung überschaubar, doch ein lebendiges Pferd spielte ebenfalls mit.

Wenn Peter Lotschak gefragt wird, worauf er besonders stolz ist, dann zögert er keinen Moment: „Auf die Abschiedsparty auf dem Linggplatz!“ Seine Idee, das Ensemble nach der allerletzten Vorstellung noch mit ein paar tausend Hersfeldern mit Rock, Pop, Chanson und launigen Ansagen das „Byebye“ feiern zu lassen, schlug prächtig ein. „Dazu hat mir damals sogar Bürgermeister Boehmer gratuliert“, schmunzelt er, „also habe ich auch mal was richtig gemacht.“

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