Wochenendporträt: Diplomat und Kritiker in einer Person

Jens Haupt scheidet als Geschäftsführer der Diakonie Hersfeld-Rotenburg aus

„Man muss sich Mühe geben, um gesehen und gehört zu werden“, sagt Diakoniepfarrer Jens Haupt. Um auf den Tag der Wohnungslosen aufmerksam zu machen, posierte er 2019 gemeinsam mit Regina Lang als Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe (links) und Kollegin Gundula Pohl mit einem Schlafsack vor dem Bad Hersfelder Rathaus.
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„Man muss sich Mühe geben, um gesehen und gehört zu werden“, sagt Diakoniepfarrer Jens Haupt. Um auf den Tag der Wohnungslosen aufmerksam zu machen, posierte er 2019 gemeinsam mit Regina Lang als Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe (links) und Kollegin Gundula Pohl mit einem Schlafsack vor dem Bad Hersfelder Rathaus.

Nach viereinhalb Jahren scheidet Pfarrer Jens Haupt als Geschäftsführer der Diakonie im Kreis Hersfeld-Rotenburg aus.

Hersfeld-Rotenburg – Gut 4,5 Jahre lang war er Gesicht und Stimme des Diakonischen Werks Hersfeld-Rotenburg, das bei seinem Dienstantritt 2016 noch Zweckverband für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg hieß. Geplant waren sechs Jahre, doch eine Erkrankung zwang Jens Haupt nun, mit 64 Jahren, zu einer Vollbremsung bei voller Fahrt, wie er selbst sagt.

Gesicht und Stimme der Diakonie im Landkreis: Hier macht Jens Haupt auf das Präventionsprojekt „Vollklar“ aufmerksam.

Er habe deshalb um seine Versetzung in eine weniger fordernde Verfügungsstelle gebeten. Als Diakoniepfarrer und Geschäftsführer des Diakonischen Werks, das sich mit seinen umfangreichen Hilfs- und Beratungsangeboten als Partner des Sozialstaats versteht, hatte Haupt mindestens eine Doppelrolle. Da war zum Einen natürlich die interne Verantwortung für die Geschäfte und die Beschäftigten. Zum Anderen vertrat der studierte Theologe die Diakonie als „Lobbyist“ nach außen. Nicht zu vergessen: die Andachten und Gottesdienste zu verschiedenen Gelegenheiten und für die Mitarbeitenden.

Und während bei internen Abstimmungsprozessen und Verhandlungen mit Zuwendungsgebern mitunter diplomatisches Geschick gefragt gewesen sei, hielt der 64-Jährige in der Öffentlichkeit mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, wenn deutliche Kritik angebracht war. In Bad Hersfeld beispielsweise waren es die Zustände in der Obdachlosennotunterkunft, die Haupt umtrieben und die er als „menschenunwürdig“ bezeichnete.

„Man muss sich Mühe geben, um gesehen und gehört zu werden“, sagt der scheidende Diakoniepfarrer, dem eines dabei allerdings immer wichtig gewesen sei: Der Respekt vor der Verantwortung und der Leistung anderer. Mehr Energie in sozialen Fragen hätte er sich dennoch hier und da von manchem im Kreis gewünscht.

Wie die Zeit vergeht: 2016 wurde Jens Haupt als neuer Diakoniepfarrer vorgestellt.

Als er seine Stelle 2016 antrat, hatte ihm seine Vorgängerin Jutta Preiß-Völker große Fußstapfen hinterlassen, erinnert sich Haupt. Immerhin hatte sie die Diakonie Hersfeld-Rotenburg in fast 40 Jahren geprägt. Der Anfang in Bad Hersfeld wurde dem 64-Jährigen durch einen freundlichen Empfang aber sehr leicht gemacht. Wohl so schnell nicht vergessen wird er allerdings einen Vorfall in den ersten Wochen, bei dem er sich vor einem kriminell gewordenen, aggressiven Mitarbeiter der Wohnungslosenberatung durchs Fenster retten musste.

Die Konzentration auf die gesellschaftliche Verantwortung innerhalb einer Region habe ihn damals in den Kreis Hersfeld-Rotenburg gelockt, auch wenn er in Kassel wohnen blieb und fortan einer von vielen Einpendlern war. Jetzt hier offene Baustellen zu hinterlassen, sei kein schönes Gefühl.

Ob Sucht, familiäre Probleme oder Wohnungslosigkeit – in der Regel sind es die Klienten von Haupt und seinen Kollegen, die Krisen durchmachen. Nun befinde er sich plötzlich selbst in einer solchen, gibt der 64-Jährige offen zu. Es ist nicht das erste Mal, dass der Theologe eine belastende Zeit durchlebt, erst im vergangenen Jahr starb sein an Krebs erkrankter Sohn, der Modeblogger Carl Jakob Haupt.

Spenden für die Tafel, wie hier vom Verein VR-Herz und Hand, werden gern entgegengenommen.

Seinen Glauben habe er trotzdem nicht verloren. „Aber sollte ich Gott jemals gegenüber stehen, hätte ich doch einige Rückfragen zu den letzten Monaten“, verrät Haupt augenzwinkernd.

Sorgen bereite ihm aktuell die Entwicklung des Sozialmarkts, in dem sich lokale Anbieter wie die Diakonie gegenüber externen Anbieter behaupten müssten. Ein Thema, das dann sicher auch seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin beschäftigen wird. Die Stelle wurde im Dezember neu ausgeschrieben. Bis sie wieder besetzt ist, übernimmt Dekanin Gisela Strohriegl als Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses kommissarisch die Leitung. Wer Jens Haupts Worten auch weiter lauschen möchte, hat dazu vom 18. bis 22. Januar die Gelegenheit. Dann ist er wieder im HR-1-Zuspruch zu hören.

Zur Person

Jens Haupt (64) wurde 1956 in Tann in der Rhön geboren. Er ist in Fulda als Sohn eines Pfarrers aufgewachsen. Nach dem Abitur hat er in Mainz, Marburg und Edinburgh Theologie studiert und sein Vikariat in Marburg absolviert. Seine erste Pfarrstelle hatte Haupt in Willingen, danach war er an der Akademie in Hofgeismar tätig. Bevor er 2016 als Diakoniepfarrer und Geschäftsführer zum Diakonischen Werk Hersfeld-Rotenburg kam, hatte er zwölf Jahre lang die diakonischen Zivil- und Freiwilligendienste in Hessen geleitet. Der Theologe ist außerdem Spiel- und Theaterpädagoge sowie systemischer Berater. Er gehört zum Kreis der Sprecher für den „Zuspruch“ in HR 1. Er ist Vorstandsmitglied der Vereine Seniorenbetreuung Diakonisches Werk Hersfeld Rotenburg und Seniorenwohnen Hersfeld-Rotenburg. Jens Haupt ist verheiratet, bereits Großvater und wohnt in Kassel. In seiner Freizeit nutzt er die Nähe zum Bergpark und zum Habichtswald, übt sich in intuitivem Bogenschießen und Yoga und lernt Fremdsprachen. Seit über 20 Jahren sind außerdem Theater- und Kleinkunst sein Metier, Bühnenauftritte inklusive.  (Nadine Maaz)

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