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Eine Fahrt im Riesenrad mit Schaustellerpfarrer Volker Drewes

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Von: Kim Hornickel

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Schaustellerpfarrer Volker Drewes im Riesenrad
Im Karussell fahren geübt: Schaustellerpfarrer Volker Drewes, fährt im Interview mit Kim Hornickel gleich mehrere Runden. Nicht ganz freiwillig, denn die Steuerung des Riesenrads wollte es so. © Kim Hornickel

In unserer Interview-Reihe „Eine Fahrt im Riesenrad mit ...“ berichtet diesmal Schaustellerpfarrer Volker Drewes über seine Arbeit auf Volksfesten und Weihnachtsmärkten.

Bad Hersfeld. Schaustellerpfarrer Volker Drewes erzählt über seine bisher längste Fahrt mit dem Riesenrad und darüber, ob Schausteller eigentlich auch am liebsten in ihren Karussells heiraten. Über 30 Jahre ist Drewes schon Schaustellerpfarrer und auch deshalb schaut er sich die Rummelplätze von oben – aus dem Riesenrad – kritisch an, wie er Redakteurin Kim Hornickel im Gespräch erklärt.

Herr Drewes, Sie haben schon in vielen Riesenrädern gesessen, wissen Sie noch, wie viele das waren?

Nein, wie viele es sind, weiß ich nicht mehr. Übrigens bin ich auch in diesem Riesenrad hier schon mal mitgefahren. Nämlich als ich das Karussell in Münster eingeweiht habe. Eigentlich sollte es ja auf dem Lollsfest eingeweiht werden, aber dann kam Corona. Bei der Einweihung der Karussells bitten die Schausteller um den Segen für sich und ihre Familien. Denn es kann ja auch mal etwas schiefgehen auf den Volksfesten.

Generell wenden ja immer mehr Menschen der Kirche den Rücken zu, ist das unter den Schaustellern auch so?

Also die Verbundenheit der Schausteller mit ihrer Kirche zeigt sich u. a. dadurch, dass sie ihre Fahrgeschäfte segnen lassen und eigene Gottesdienste feiern. Damit tragen sie einen Brauch weiter, denn früher wurde jedes Haus gesegnet. Aber ich lasse mir ja nicht von jedem die Steuererklärung zeigen, aus der hervorgeht, ob jemand noch Mitglied in der Kirche ist. Ich biete meinen Dienst erst einmal jedem an, egal ob kirchlich oder nicht.

Glauben Schausteller anders als andere Gruppen?

Bei den Schaustellern gibt es eine Art grundsätzliche Religiosität. Und zwar ist die ein bisschen anders als bei uns Privatleuten. Ich sage mal, bei den Schaustellern ist es eine archaische Religiosität. Die kommt aus dem Bauch heraus. Und das zeigt sich so: Wenn ich den Schaustellerkonfirmanden etwas über Jesus erzählen will, gucken sie mich oft ganz groß an. Wenn ich aber frage: Was habt ihr für Vorstellungen vom Glauben, kommt die Antwort: Ich glaube an Gott. Gott steckt also in den Herzen. Schausteller sind sozusagen alttestamentlich gebunden und das Neue Testament muss man ihnen näherbringen.

Sie fahren ja auch viel dienstlich Riesenrad, schauen Sie dabei anders auf den Rummel, als die Besucher?

Ja. Wenn ich Riesenrad fahre, dann gucke ich mir die Gestaltung des Festplatzes an und überlege mir, wo man noch etwas verändern kann. Dann grübele ich, was man dem Platzmeister an eventuellen Änderungen vorschlagen könnte. In der zweiten und dritten Runde schaue ich in die Landschaft und erfreue ich mich am Karussell fahren. Danach betrachte ich erst den Markt aus dem Blick desjenigen, der die Menschen begleitet. Das Fest in Bad Hersfeld ist allerdings optimal gestaltet. Und das Lullusfest trage ich auch immer im Herzen, wenn ich woanders hinfahre.

Können Sie, die Schausteller und die Besucher denn noch Volksfeste feiern, angesichts der derzeitigen Weltkrisen?

Also Krisenzeiten sind ja auch immer Zeiten, in denen wir uns entscheiden müssen. Und Schausteller haben ein sehr gutes Empfinden in schweren Zeiten. Die wissen sehr genau, wenn es brenzlig wird. Mein Interesse war es immer, Schaustellern, aber auch allen anderen Menschen, Mut zu machen und sich der Situation zu stellen. Denn wer lernt, mit Krisen umzugehen, der kann auch mit Freude feiern. Wenn ich mich aber von der Krise bestimmen lasse, kann ich nicht mehr unbeschwert feiern. Das heißt also, die Krise nicht zu verdrängen, sondern sich zu überlegen, was betrifft mich und was kann ich daran ändern.

Unterscheidet sich diese Krise von allen anderen Krisen, die wir schon erlebt haben?

Also, ich denke an die Finanzkrise, in der wir ja alle schon ordentlich gezittert haben. Das ist aber jetzt noch eine andere Krise. Der Krieg in der Ukraine löst in den Menschen andere Ängste aus als das Finanzielle. Das betrifft die Besucher wie die Schausteller, aber die sagen: „Wir feiern heute und dann schauen wir, was morgen passiert.“ Das Leben der Reise ist eher aus dem Heute bestimmt als aus dem Übermorgen. Eine vernünftige Lebensweise, wie ich finde; ich wünschte, man könnte das immer so machen.

Können wir dabei etwas von den Schaustellern lernen?

Ja, also zumindest dieses im Jetzt Leben. Das ist etwas, was uns die Schausteller beibringen können.

Haben Sie sich auf das Lollsfest gefreut?

Natürlich, aber ich bin ja auch schon das ganze Jahr auf Volksfesten unterwegs. Viele der Schausteller, die hier auf Lolls stehen, sind ja alte Bekannte von mir. Und das ist wie ein Familientreffen für mich. Da geht einem das Herz auf.

Heute Morgen ist es allerdings noch etwas still, hier auf dem Festplatz ...

Ja, aber das ist auch wichtig für uns. Dass wir dann für ein paar Minuten mal in Ruhe miteinander sprechen können. Im Betrieb bleibt das immer ein wenig stecken.

Mit welchen Anliegen kommen die Schausteller denn zu Ihnen, worum geht es in diesen Gesprächen?

Das geht von privaten Dingen – wann kannst du mein Kind taufen, wann hättest du Zeit uns zu trauen – bis hin zu: wie schätzt du die wirtschaftliche Lage ein. Und manchmal auch: Soll ich in ein weiteres Karussell investieren? Ich bin letztlich ein Lebensberater. Das Vertrauen, das man dabei in mich setzt, ist der langen Zeit geschuldet, die ich jetzt schon aktiv bin.

Und die Schaustellerhochzeiten, die sie schließen, finden die auch in Karussells statt?

Nein, Schausteller heiraten nicht in ihren eigenen Fahrgeschäften. Schausteller heiraten in der Kirche und es muss eine schöne Kirche sein.

Andere Paare machen sich dagegen gerne einen Antrag im Riesenrad, woher kommt wohl die Faszination für gerade dieses Karussell?

Das Riesenrad symbolisiert ja unser aller Leben. Es beginnt langsam, kommt zu einem Höhepunkt. Dann kann man hinausschauen, das Leben überdenken und genießen und irgendwann kommt es zum Abschluss. Das ist ein Gefühl, glaube ich, das jeder hat und deshalb fahren die Menschen so gerne Riesenrad. Das ist ein Lebenskarussell. Andere Karussells sind schnell und kurzfristig – das ist eher etwas für jüngere Leute, die die Abwechslung im Leben brauchen.

Und was machen Sie als Schaustellerpfarrer, wenn Lolls vorbei ist?

Was viele nicht wissen, ich bin auch für die Weihnachtsmärkte zuständig. Die Volksfeste sind von Frühling bis Herbst. Und dann geht es weiter. Ich plane die Weihnachtsmarktbesuche und überlege, wann und wohin ich fahre, um die Schausteller dort zu treffen.

Jetzt sind wir ja einige Runden zusammen gefahren: Waren sie schon mal so lange in einem Riesenrad?

Ja, ich war sogar schon einmal viel länger in einem Riesenrad. Denn während der Fahrt habe ich ein Traugespräch geführt, mit einem Schaustellerpaar. Immer wenn wir unten angekommen waren, hat der zukünftige Bräutigam gesagt: noch eine Runde. War wohl ein Vorgeschmack auf die Ehe. (Kim Hornickel)

Zur Person: Volker Drewes

Volker Drewes (69) ist als Schaustellerpfarrer vor allem in Nordhessen unterwegs. Für ihn sei das Lollsfest in der Heimat aber immer wieder etwas Besonderes. Drewes trifft dort auf alte Bekannte unter den Schaustellern. In Hersfeld wohnt der Schaustellerpfarrer nur geschätzte 400 Meter vom Lollsfest entfernt. Drewes reist jedes Jahr auf rund zehn Volksfeste. (kh)

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