Bad Hersfelder Festspiele

Eine Reise ins Ungewisse: Theaterexperiment mit Uwe Ochsenknecht in der Stiftsruine

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Im Sog des unbekannten Stücks: Uwe Ochsenknecht, eigentlich Garant für locker-unterhaltende Kinoabende, spielte das Stück „Rotes Kaninchen, weißes Kaninchen“ des iranischen Autors Nassim Soleimanpour.

Uwe Ochsenknecht, eigentlich Garant für locker-unterhaltende Kinoabende, spielte das Stück „Rotes Kaninchen, weißes Kaninchen“ des iranischen Autors Nassim Soleimanpour bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Schreiben über etwas, über das man nicht schreiben darf, eine befremdliche Erfahrung für eine Theaterrezensentin.

Doch irritierend war auch das Theatererlebnis selbst, über das hier berichtet werden soll: Uwe Ochsenknecht, eigentlich Garant für locker-unterhaltende Kinoabende, spielte das Stück „Rotes Kaninchen, weißes Kaninchen“ des iranischen Autors Nassim Soleimanpour, ohne vorherige Probe und ohne vorbereitende Textlektüre – eine veritable Reise ins Ungewisse, die unmittelbar nach dem frenetischen Auftrittsapplaus begann.

Nachdem Intendant Joern Hinkel Uwe Ochsenknecht auf der Bühne den versiegelten Umschlag mit dem Text überreicht hatte, nahm das Spiel quasi wie auf einer schiefen Ebene Fahrt auf und entwickelte einen unmittelbaren Sog auf Darsteller und Publikum. Und obwohl Ochsenknecht nach eigenen Angaben die Improvisation liebt, war es doch mit Sicherheit eine verunsichernde Erfahrung, sich vor großer Kulisse in der Stiftsruine auf ein solches Experiment einzulassen, buchstäblich keine Ahnung zu haben, was passiert. Das Publikum wurde an diesem Abend Zeuge eines einmaligen Vorgangs: Das Stück funktioniert nämlich nur mit einem Schauspieler und einem Publikum, dem der Text tatsächlich fremd ist.

Unsicherheit, Freiheit, Macht und die Manipulation von Menschen sind nur einige der Themen, die das Stück aufwirft, das Soleimanpur 2010 mit 29 Jahren im Iran geschrieben hat. Er selbst durfte damals nicht reisen, weil ihm wegen Nicht-Ableistung des Wehrdienstes der Pass verweigert wurde. Was er selbst damals nicht konnte, schaffte sein Text: Er überschreitet physische und zeitliche Grenzen. Seine Stimme wird auf dem Umweg über die Bühne und den Schauspieler als Medium auch da hörbar, wo sie nach dem Willen der totalitären Machthaber eigentlich nicht gehört werden soll. Und was Soleimanpour in seinem Text über das Leben in einem totalitären System schreibt, lässt sich nicht nur auf sein Heimatland beziehen, sondern gewinnt geradezu exemplarische Qualität.

Soleimanpour nutzt den Schauspieler, der sich diesem Stück buchstäblich auf Gedeih und Verderb ausliefert, als Sprachrohr. Die Stimme des Autors funkt immer wieder dazwischen und reflektiert über Fragen nach der Wechselwirkung von Vergangenheit und Zukunft und kulminiert am Ende in der Frage nach der Angst des Autors vor dem eigenen Text. Der Autor lenkt das Geschehen und spielt virtuos mit den Erwartungen des Protagonisten und des Publikums. Schon bald ist nicht mehr erkennbar, wer handelndes Subjekt ist und wer Objekt. Und es trafen nicht nur Autor und Schauspieler zusammen, auch das Publikum wurde Teil des Experiments, das durchweg interaktiv angelegt war. Die Mitwirkung beschränkte sich dabei nicht auf diejenigen, die auf der Bühne direkt dabei waren, sondern schloss auch das Publikum als Kollektiv mit ein. Der Wunsch, die Geschichte weitergehen zu lassen, führte dazu, dass auch das Publikum nicht nur im übertragenen Sinne ebenso wie Ochsenknecht zum „Versuchskaninchen“ wurde.

Es gab viele komische Momente an diesem Abend, für die vor allem Ochsenknechts großartige Fähigkeit zur Improvisation und sein Mut zu Skurrilität und Überzeichnung sorgte. Aber angesichts der großen Fragen – nach Leben und Tod und nicht zuletzt nach den Lebensbedingungen in der Unfreiheit – die der Text aufwarf, blieb das Lachen oft genug im Halse stecken und mündete am Ende mit voller Absicht in Beklemmung, Irritation und Ratlosigkeit, die Schlussapplaus und vereinzelte „Zugabe“-Rufe deplatziert erscheinen ließen. uj

Quelle: Hersfelder Zeitung

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