Es fehlt an Ärzten

Einzige Ambulanz für Süchtige im Kreis Hersfeld-Rotenburg schließt 2020

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Erläutern den Jahresbericht 2018: Kerstin Blüm und Jens Haupt von der Diakonie.

Im Jahr 2020 schließt die einzige Ambulanz im Kreis Hersfeld-Rotenburg, in der Drogensüchtige mit Ersatzstoffen versorgt werden. Es fehlt an Ärzten, die die Arbeit übernehmen. 

2020 ist Schluss: Die Substitutionsambulanz des Zweckverbands für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg, in der Drogenabhängige mit Ersatzstoffen versorgt werden, muss Ende dieses Jahres geschlossen werden. Das verkündeten jetzt Jens Haupt, Geschäftsführer des Zweckverbands, und Kerstin Blüm, Leiterin des Beratungs- und Behandlungszentrums der Diakonie für Abhängigkeitserkrankungen. 

Dabei scheitert es nicht am Geld, es finde sich schlicht kein Arzt, der die Arbeit übernehmen könnte. Schon 2018 hatte das Angebot, das seit 2009 besteht und für zum Beispiel Heroinabhängige aus dem ganzen Kreis zuständig ist, vor dem Aus gestanden. 

Viele Jahre hatte Dr. Johannes Brönneke-Born die Ambulanz eigenverantwortlich als Substitutionsarzt geleitet, zum 1. April 2018 hatte er den Umfang seiner Tätigkeit dann altersbedingt reduziert. Ein Strukturwandel mit der Diakonie als Träger und zwei weiteren Ärzte, die fortan im Team arbeiteten, schien eine Lösung zu sein. Nun tritt Dr. Brönneke-Born wie auch einer der beiden anderen Ärzte komplett in den Ruhestand. 

Weder persönliche Gespräche und Kontakte noch die EU-weite Ausschreibung einer halben Arztstelle hätten zum Erfolg geführt, erklären Haupt und Blüm. Es habe leider keinerlei Bewerbungen gegeben, nicht mal Anfragen. Auch der Landkreis und Dr. Martin Ködding als Geschäftsführer des Klinikums Hersfeld-Rotenburg seien in dem von Anfang an transparenten Verfahren mit im Boot gewesen, doch auch gemeinsam habe man keine Lösung finden können, bedauert Jens Haupt. 

Aktuell besuchen rund 60 Patienten die Praxis, viele kommen täglich. Sie müssen nun woanders versorgt werden oder im besten Fall bis Ende des Jahres „abdosiert“ werden, sagt Kerstin Blüm. Die Räumlichkeiten an der Hainstraße hat die Diakonie gemietet. 

Die nächsten Substitutionsambulanzen gibt es in Melsungen und Fulda, substituierende Ärzte auch in Kassel. 

Beratung für Abhängige wird fortgeführt

Dass die Substitutionsambulanz in Bad Hersfeld schließen muss, ist natürlich vor allem für die Betroffenen bitter, betont Diakonie-Geschäftsführer Jens Haupt. Und Kerstin Blüm, Leiterin des Beratungs- und Behandlungszentrums, ergänzt mit Blick auf andere derartige Angebote: „Für viele ist es schwierig, auf solche Veränderungen zu reagieren und auch längere Wege zurückzulegen.“ Die beiden hoffen nun, dass der Schnitt bei möglichst wenigen ihrer Klienten eine erneute Krise auslöst. Denn eines sei sicher: „Der Bedarf ist da.“

Einen Platz woanders zu finden, sei nicht so einfach. Zwar dürften auch Hausärzte bis zu zehn Patienten substituieren, doch die meisten Praxen seien ohnehin schon voll und die Bereitschaft, sich auf ein so spezielles Klientel einzulassen, nicht immer vorhanden.

Auch eine medizinische Fachangestellte verliert mit dem Ende der Substitutionsambulanz ihre Arbeit.

Eine gute Nachricht gebe es aber trotzdem: Die angeschlossene psychosoziale Beratung für Abhängige, die mit 20 Stunden vom Landkreis finanziert wird, wird es auch weiterhin geben. Ab Januar 2020 wird diese Art der Betreuung und Begleitung dann bei der Diakonie in der Kaplangasse 1 in Bad Hersfeld stattfinden. Bisher waren die medizinische und die psychosoziale Betreuung unter einem Dach untergebracht, was aus Sicher der Experten sinnvoll war.  

Hintergrund

Die sogenannte Substitutionsbehandlung ist eine anerkannte Intervention bei Opioidabhängigkeit. 73 Betroffene wurden im Jahr 2018 in der Ambulanz in Bad Hersfeld betreut, 49 Männer und 24 Frauen. Davon kamen 45 aus Bad Hersfeld und Umgebung und 27 aus Rotenburg und Umgebung. Bei einer Person konnte der Wohnort nicht ermittelt werden. Über 80 Prozent waren zwischen 31 und 55 Jahren alt, zuletzt gestiegen war der Anteil der 31- bis 35-Jährigen.

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