„Ich will mein Leben zurück“

Entführung in Rotenburg vereitelt: Stalking-Opfer sagte vor Gericht aus

Statue der Justitia
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Justizia (Symbolbild)

Vor dem Schöffengericht in Bad Hersfeld muss sich ein 52-Jähriger verantworten, der wohl vorhatte, seine ehemalige Partnerin in die Wildnis zu verschleppen. Nun sagte die Frau aus.

Fulda/Bad Hersfeld – Das Leben mit der ständigen Angst bleibt nicht ohne Folgen. Das machte die 43-jährige Rotenburgerin deutlich, die seit drei Jahren Opfer hartnäckiger Nachstellungen ihres ehemaligen Partners ist. Im März war der 52 Jahre alte Mann, der zuletzt in Norddeutschland lebte, wegen Stalkings zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt worden, die aber noch nicht rechtskräftig ist.

Ende April wollte er die Frau offenbar entführen und nach Bulgarien verschleppen – diesen Plan hat die Polizei praktisch in letzter Minute vereitelt (wir berichteten bereits).

Die Rotenburgerin schilderte jetzt dem Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld, das aus Platzgründen in einem Saal des Landgerichts Fulda tagte, ihre Situation. Sie sei ständig erschöpft, sodass sie lange Zeit nur auf halber Stelle arbeiten konnte. Das jedoch bringe finanzielle Probleme mit sich. Deshalb wolle sie ihre Arbeitszeit wieder aufstocken, wisse jedoch nicht, wie sie das leisten könne. Zusätzlich zu den normalen Lebenshaltungskosten, musste sie auch in die Sicherheitsausstattung ihres Hauses investieren. Jetzt sind alle Türen besonders gesichert und die Fenster mit stabilen Gittern versehen. „Ich kann endlich im Sommer wieder die Fenster offenlassen“, berichtet die Frau.

Drei Jahre lang hat sie sich das nicht getraut, und dabei wusste sie damals noch gar nicht, wie weit ihr Ex-Partner gehen würde. Der wurde am 29. April dieses Jahres auf dem Campingsplatz in Kirchheim festgenommen. Seinen Wohnwagen hatte er für die Entführung so ausgestattet, damit zwei Personen über einen längeren Zeitraum in der Wildnis überleben könnten.

Fassungslos und tief erschüttert hörte die Rotenburgerin all diese Details an, die vor allem von den ermittelnden Polizeibeamten vorgetragen wurden. Der Angeklagte, mit dem sie ein knappes halbes Jahr zusammen war und der sie in Gesprächen mit Polizisten als „das Böse“ bezeichnet hatte, sah sie nicht an und äußerte sich auch nicht zu den Vorwürfen. Er sprach nur gelegentlich mit seinem Verteidiger Sascha Marks. „Ich will mein Leben zurückhaben und in Ruhe gelassen werden. Ich möchte keinen Kontakt“, sprach die 43-Jährige ihren Peiniger direkt an. Auch darauf gab es keine Reaktion. Fast schon erleichtert zeigte sich die Frau über die Eskalation im April.

Endlich sei sie von der Polizei ernstgenommen worden, obwohl sie immer wieder von mysteriösen Ereignissen – Unterwäsche in der Hofeinfahrt, Anrufe und Mitteilungen pornografischen Inhalts von einer polnischen Handynummer und vieles mehr – berichtete. Ein Zettel mit dieser polnischen Nummer wurde übrigens bei dem Angeklagten gefunden.

Die Frau berichtete aber auch von der unglaublichen Angst, als die Polizei sie anrief und informierte, dass der 52-Jährige in der Gegend sei und es auf sie abgesehen habe. Ihr Sohn sei da gerade alleine auf dem Weg zu seinem Vater gewesen und habe erst gesucht werden müssen.

Entführung über Monate akribisch geplant

Akribisch geplant hat der 52 Jahre alte Angeklagte offensichtlich die Entführung und Verschleppung einer 43-jährigen Rotenburgerin, wegen der er sich zurzeit vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld verantworten muss. Das wurde am zweiten Verhandlungstag deutlich, als der ermittlungsführende Beamte von der Bad Hersfelder Kripo von seinen umfangreichen Recherchen berichtete.

Als die Polizei aus Trittau in Schleswig-Holstein am 28. April um die Mittagszeit in Bad Hersfeld anrief und über einen Vermisstenfall informierte, der möglicherweise ein Entführungsfall werden könnte, kannte der 42-jährige Polizist den ganzen Fall und auch dessen umfangreiche Vorgeschichte noch nicht. Seine damalige Lebensgefährtin hatte den 52-Jährigen als vermisst gemeldet, nachdem sie einen Abschiedsbrief gefunden hatte, in dem der Mann behauptete, krebskrank zu sein und zum Sterben nach Finnland fahren zu wollen. Wegen zahlreicher sonderbarer Dinge, die sie in den vergangenen Monaten bemerkt hatte, war die Frau jedoch misstrauisch und wies darauf hin, dass der angekündigte Suizid möglicherweise nur vorgeschoben und die Ex-Partnerin eventuell in Gefahr sei.

Unter anderem erzählte die Frau, dass sie schon vor einem Jahr eine Bedarfsliste auf dem Rechner des Angeklagten gefunden hatte, auf der aufgeführt worden war, was zum Überleben in der Wildnis benötigt werde.

Sowohl die Polizei in Trittau als auch die in Bad Hersfeld nahm die Sache ernst. Beamte von der Polizeistation Rotenburg warnten die Frau und brachten sie und ihre Kinder in Sicherheit.

Mithilfe von Mobilfunkdaten stellte der Bad Hersfelder Ermittler fest, dass der Angeklagte tatsächlich erst in Richtung Norden gefahren war. Er hielt sich jedoch nur wenige Minuten in Dänemark auf, fuhr dann wieder zurück, holte seinen gepackten Wohnwagen und reiste nach Kirchheim. Mit Unterstützung der Lebensgefährtin gelang es dem Beamten, die Meldungen eines GPS-Senders zu finden, der am 28. April unter anderem ganz in der Nähe des Hauses der Rotenburgerin aktiv war.

Am 29. April wurde der Angeklagte vormittags auf dem Campingsplatz am Seepark festgenommen und leistete dabei so heftige Gegenwehr, dass mindestens ein Polizist verletzt wurde. In seinem Wohnwagen fanden die Polizisten unter anderem starke Beruhigungsmittel, die der Angeklagte gestohlen hatte und mit denen er die Entführte ruhig stellen wollte, größere Mengen an Beatmungsschläuchen, die der Rettungssanitäter benötigt hätte, falls das Beruhigungsmittel zu hoch dosiert gewesen wäre, Angelausrüstung, Pfeil und Bogen, eine Armbrust, eine Machete und ein Buschmesser für das Überleben in der Wildnis, größere Mengen Bargeld und ganz viele Hygieneartikel sowie Damenbekleidung – sowohl für den Aufenthalt in der Wildnis als auch für Sexspiele, die der Angeklagte sich wohl erhoffte. Der Angeklagte hatte in Ordnern nicht nur alle persönlichen Unterlagen dabei, sondern auch Flugblätter in mehreren Sprachen. Darauf stand, mit einem Foto der Frau, dass sie schwer psychisch krank sei und falls sie alleine angetroffen werde, solle sie zu ihm zurückgebracht werden.

Der leitende Ermittler berichtete, dass er den Angeklagten in völlig unterschiedlichen Zuständen angetroffen habe – völlig verstört und verschlossen und dann wieder offen und gesprächig. Der Polizist hatte zudem mit der Mutter des 52-Jährigen Kontakt. „Der konnte schon immer gut lügen“, habe die alte Dame ihm erzählt und gesagt, dass sie nicht bereit sei, den Sohn bei sich aufzunehmen. Diese Aussage änderte sie jedoch später schriftlich. Auch diese Aussage verfolgte der Angeklagte äußerlich unberührt. (Christine Zacharias)

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