Falsche Entscheidungen getroffen

Schöffengericht: Bewährungsstrafe für 29-Jährigen wegen Messerattacke

Wegen einer Messerattacke hat das Amtsgericht Bad Hersfeld einen 29-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Das Amtsgericht Bad Hersfeld an der Dudenstraße

Bad Hersfeld – Zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten hat das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld unter Vorsitz von Richterin Christina Dern einen 29-Jährigen aus Bad Hersfeld verurteilt. Der Angeklagte hatte am 28. März 2020 einen Mann mit drei Messerstichen beziehungsweise -schnitten schwer verletzt (unsere Zeitung berichtete). Staatsanwalt Dr.

Jan Peter Hofmann und Verteidiger René Bahns hatten Freispruch beantragt.

Es war ein bisschen verkehrte Welt in dieser Gerichtsverhandlung. Der Angeklagte wurde nicht nur von seinem Verteidiger, sondern auch von mehreren Zeugen als freundlich, höflich, zurückhaltend und sehr gebildet beschrieben. Das Opfer der Messerattacke, der 32 Jahre alte Ex-Freund der Verlobten des Angeklagten dagegen als aggressiv, unverschämt und angsteinflößend.

„Der Angriff ging nicht vom Angeklagten aus“, stellte denn auch Staatsanwalt Dr. Jan Peter Hofmann in seinem Plädoyer fest. Ausführlich ging er auf die Vorgeschichte der Tat ein, die die Verlobte des Angeklagten zuvor geschildert hatte. Sie habe den Geschädigten 2017 kennengelernt und eine Beziehung mit ihm begonnen. Recht bald habe sie gemerkt, dass er nicht ehrlich sei und Probleme mit den Behörden habe. Bei deren Lösung habe sie ihm geholfen. Als sein Verhalten ihr gegenüber immer aggressiver wurde und sie feststellte, dass er weitere Frauen hatte, habe sie die Beziehung beendet und nur noch gelegentlich mit dem 32-Jährigen Kontakt gehabt.

Monate später habe sie dann den Angeklagten kennengelernt und mit ihm eine Beziehung begonnen. Als ihr Ex-Freund das mitbekommen habe, habe er angefangen, sie zu terrorisieren, gedroht, ihr das Leben zur Hölle zu machen und ihr und ihren Kindern etwas anzutun. Auch den neuen Partner bedrohte er. Alternativ forderte er 5000 Euro. Dann werde er sie in Ruhe lassen.

Der Tattag war für den Angeklagten und seine Partnerin von Angst geprägt. Der Ex-Freund, der auch als Nebenkläger auftrat, tauchte vor dem Haus der Frau in Bebra auf und verschreckte ihre Kinder, die allein zu Hause waren. Aus Angst, der Mann könne sie bei ihrem neuen Freund antreffen, brachte sich die Frau bei Bekannten in Sicherheit, nachdem sie wusste, dass auch ihre Kinder in Sicherheit waren. Der Angeklagte machte sich dagegen mit einem Freund auf die Suche nach dem 32-Jährigen. Dabei nahm er ein gefährliches Jagdmesser mit. An der Ecke Erfurter Straße/Helfersgrund kam es dann zur Eskalation, erst verbal, dann mit Schlägen und schließlich mit dem Messer.

Im Gegensatz zu Staatsanwalt und Verteidiger fand das Gericht die Konfrontation der drei Männer jedoch nicht unausweichlich und erkannte auch keinen Notwehr-Reflex. Der Angeklagte habe sehr wohl die Möglichkeit gehabt, dem mit Gewalt endenden Streit aus dem Weg zu gehen. Mit Blick auf die vorangegangenen Bedrohungen durch den Nebenkläger beurteilte das Gericht die gefährliche Körperverletzung jedoch als minderschweren Fall. Der Angeklagte sei kein aggressiver Typ, er habe aber falsche Entscheidungen getroffen, stellte Richterin Dern fest. Er muss nicht nur die Kosten des Verfahrens tragen, sondern als Geldauflage auch 3000 Euro an die Fachdienststelle „Dialog“ zahlen. (Christine Zacharias)

Rubriklistenbild: © Carolin Eberth

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