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Frostige Solidarität - die „Gemeinschafts-Gefrieranlage“ in Asbach

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Das kleine Gefrierhaus an der Mühlestraße in Asbach neben dem damaligen Bürgermeisteramt (rechts) .
Hat seinen Dienst getan: Das kleine Gefrierhaus an der Mühlestraße in Asbach war neben dem damaligen Bürgermeisteramt (rechts) im Hand-und-Spann-Dienst von einer örtlichen Genossenschaft errichtet worden. © Markus Pfromm

Als „Lost Places“, als vergessene oder verlorene Orte, bezeichnet man alte Gebäude, Ruinen, verlassene Häuser. In unserer Serie besuchen wir einige davon und erinnern an ihre Geschichte.

Bad Hersfeld – Der Schlüssel zum Gefrierhaus an der Asbacher Mühlestraße und der kleinere, verzahntere für das Gefrierfach der Familie hingen in der Küche am Schlüsselbrett. Das war eine Küche, in der noch mit Holzherd geheizt, gebacken und gekocht wurde. Eine Küche, in der auch Obst und Gemüse eingeweckt und eben Gefrierzeug in Plastikbeutel verpackt wurde – für das genossenschaftliche Tiefkühlfach an der Mühlestraße.

Das Wirtschaftswunder und die Aufbaujahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten mit dem Zeitgeist einer neuen technischen Aufbruchstimmung in den 50er Jahren den Fortschritt auch in die seinerzeit noch selbstständige Gemeinde Asbach. Wie in vielen anderen Orten bildeten sich Genossenschaften die dann „Gemeinschafts-Gefrieranlagen“ bauten und betrieben.

Das erste dieser im Hand-und-Spann-Dienst der Dorfgemeinschaft errichteten Gefrierhäuser entstand nahe dem Asbacher Sauplatz in der Ortsmitte neben dem langjährigen Feuerwehrgerätehaus. Das zweite wurde dann mit Beginn der 60er Jahre nach gestiegener Nachfrage für Tiefkühlfächer kaum einen Steinwurf entfernt an der Mühlestraße neben dem alten Bürgermeisteramt gebaut. Während das erste Gebäude längst freigeräumt ist und seit vielen Jahren von einer politischen Partei als Lagerraum genutzt wird, hat sich über das andere Gefrierhaus der Mehltau der Vergänglichkeit und des Vergessens gelegt.

So sahen die Kühlfächer in den gemeinschaftlichen Gefrierhäusern früher aus.
So sahen die Kühlfächer in den gemeinschaftlichen Gefrierhäusern früher aus. © Privat

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich nur die wenigsten Privathaushalte eine eigene Tiefkühltruhe leisten. Deshalb entstanden die Gefrierhäuser, die aus einer großen zentralen Gefrieranlage mit vielen einzelnen Tiefkühlfächern bestanden. Bei manchen dieser Anlagen, so wie in Asbach, handelte es sich um freistehende Gebäude, andere waren in öffentliche Bauten integriert. 1958 zählte man in der Bundesrepublik etwa 5 500 Gemeinschaftsgefrieranlagen mit über 200 000 Fächern.

Als in den 1970er und 1980er Jahren die Heimkühltruhen erschwinglicher wurden, standen viele Gefriergemeinschaften vor dem Aus, obwohl die Stromkosten einer Gemeinschaftsanlage oft viel günstiger sind. Auch die geänderten Ernährungsgewohnheiten spielten eine Rolle: Es gab weniger Hausschlachtungen und der Gemüseanbau im eigenen Garten ging zurück. Deshalb gab es in vielen Haushalten weniger Gefriergut. Hinzu kam, dass viele ältere Anlagen FCKW-haltige Kühlmittel benötigten, die wegen ihrer Klimaschädlichkeit nicht mehr hergestellt werden.

Auch Ersatzteile waren oft nicht mehr erhältlich. Eine Erneuerung der Technik erschien wegen der gesunkenen Nachfrage oft nicht lohnend. Und so war das auch in Asbach. Aufgrund des langsamen Verschwindens dieser für ihre Zeit typischen Anlagen wurden bereits Museen darauf aufmerksam. Vom Fränkischen Freilandmuseum Fladungen etwa wurde eine Gemeinschaftsgefrieranlage aus dem Jahr 1958 abgebaut und auf das Museumsgelände umgesetzt.

Der Autor dieses Berichts erinnert sich noch gut an Kindheitstage in Asbach. Häufig wurden er oder sein Bruder losgeschickt, um aus dem Kühlfach der Familie im Gefrierhaus an der Mühlestraße einen Laib Brot zu holen, den die Großmutter im Backhaus bei der Poststelle mit vielen anderen Laibern auf Vorrat gebacken und später dann eben eingefroren hatte. Seltener wurden auch Beutel mit Fleisch von der letzten Hausschlachtung gebraucht.

Das sanfte Klicken beim Schließen des großen Faches mit den leichtgängigen Scharnieren, der Eisnebel, der sich beim Herausnehmen der Sachen verteilte, die kalten Finger beim Suchen nach den beschrifteten Beuteln, der Stoffbeutel am Lenker des Fahrrads, mit dem das Gefriergut dann nach Hause balanciert wurde, im Ohr noch die Mahnung der Mutter „vergiss aber nicht abzuschließen“ ...

Die Geräusche, Gerüche, Erinnerungen an einen damals im kindlichen Erleben schon auch ein wenig unheimlichen Ort sind bildhaft und sinnlich unvergessen. (Markus Pfromm)

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