Geborgen in der kleinen Stadt

Gabriele Krug hat ihre Kindheitserinnerungen aus Bad Hersfeld aufgeschrieben

Viel Verkehr und viele Geschäfte: So sah es in der Bad Hersfelder Johannesstraße in den 1970er-Jahren aus.
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Viel Verkehr und viele Geschäfte: So sah es in der Bad Hersfelder Johannesstraße in den 1970er-Jahren aus.

Vor 50 Jahren war die Johannesstraße in Bad Hersfeld, anders als heute, noch eine viel befahrene Straße. Ihre Erinnerungen daran teilt Gabriele Krug, die damals noch Stippel hieß.

Bad Hersfeld – Eine Zeitreise in die Vergangenheit hat Gabriele Krug ihrer Familie und alten Freundinnen geschenkt. Sie hat die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die sie als Gabriele Strippel in der Johannesstraße in Bad Hersfeld und deren Umfeld verbrachte, aufgeschrieben und mit vielen Bildern illustriert.

Die Johannesstraße

In den Jahren 1965 bis 1972 war die Johannesstraße, ganz anders als heute, eine viel befahrene, lebhafte Geschäftsstraße. Es gab, so zählt sie auf, zwei Fleischer, zwei Schuhgeschäfte, einen Sportladen, ein Hutgeschäft, einen Obstladen, zwei Friseure, eine Drogerie, ein Schmuckgeschäft, einen Zigarrenladen und ein Zeitschriftengeschäft mit Schulbedarf. Dann waren da ein Polsterer, ein Lampengeschäft, eins mit Deckchen und Spitzen, ein Sanitätshaus, eine Reinigung, ein Blusen- und Pulligeschäft, zwei kleine Boutiquen, der Lotto-Totoladen ihrer Eltern, Wedekind-Gillmann (Auto- und Maschinenbedarf), eine Brauerei und schon am Brink Edeka Hildebrandt, die Musikalienhandlung Döpper, ein Fotoatelier und den Sattlereibedarf Hirsch. Es gab auch eine Kneipe im Hinterhof und eine Schneiderin.

Das Geschäft

„Unser Haus, die Toto- und Lotto-Annahmestelle Strippel mit staatlicher Lotterieannahme, als Dreh- und Angelpunkt für mich, war in zwei Bereiche unterteilt, den öffentlichen und den privaten. Die Kunden waren immer freundlich zu grüßen und meine Eltern waren Meister in Kundenfreundlichkeit, meine Schule fürs Leben. Da ich ja nie wusste, wer nun Kunde war und mein Vater sowieso jeden in der Stadt zu kennen schien, grüßte ich einfach jeden und lächelte“, erinnert sich Gabriele Krug. Mädchen machten zur Begrüßung einen Knicks und gaben das gute Händchen, die Männer grüßten, indem sie vor anderen Erwachsenen den Hut zogen.

Hinter dem Laden lag die Küche, in der sich das Leben abspielte. „Hier wurde gekocht und gegessen, meist noch mit halb offener Verbindungstür, um zu hören, falls ein Kunde hereinkäme. Ein Ohr war quasi immer im Geschäft, nur eine Pobacke des Vaters auf dem Stuhl.“

Gabriele Strippel (heute Krug) bei einem Ausflug zur Schlitzerländer Tierfreiheit.

Zum Kindergarten

In den Kindergarten in der Nachtigallenstraße ging die kleine Gabriele alleine – so dachte sie zumindest. Wegen des vielen Verkehrs brachte ihr Vater sie auf die andere Straßenseite, dann konnte sie, ohne weitere Straßen überqueren zu müssen, zum Kindergarten laufen. Erst später fand sie heraus, dass ihre Mutter ihr mit einigem Abstand folgte, um zu sehen, ob sie auch sicher ankam. Auf dem Heimweg musste sie dann solange gegenüber des Geschäftes warten, bis ihr Vater sie sah, gerade keine Kundschaft hatte und sie über die Straße holen konnte.

Die Brauerei

„Unser Leben prägte die Engelhardt-Brauerei, die für eine immerwährende Geräuschkulisse, ein Rauschen und den Duft nach Maische sorgte. Heute steht dort das Parkhaus Altstadt, früher aber ein wunderbarer Komplex aus roten Backsteinhallen, einem Riesenschornstein und einem kleineren Schornstein sowie dem Verwaltungsgebäude der Brauerei, das heute die Klosterschänke beherbergt. Zur Johannesstraße hin begrenzte ein roter Wellblechzaun das Brauereigelände, an dem wir Kinder gerne ein Stöckchen entlang zogen, natürlich mit steifem Arm, um das Auf- und Ab-Ruckeln so richtig zu genießen.“

Das ehemalige Brauerei-Gelände Engelhardt mit dem Wellblechzaun.

Die Freunde

Ihre Freunde und Spielkameraden fand Gabriele Krug zum größten Teil in der Nachbarschaft: Klaus, von dem sie Autoquartett spielen lernte, Thomas und Gabi, mit denen sie Barbie spielte und deren Haus so nah an dem der Strippels stand, dass die Kinder mit einer Verbindungsleine Zettelchen hin- und herziehen konnten, Sabine, deren Vater in der Brauerei arbeitete, und viele andere. Zum Spielen trafen sich die Kinder aus der Johannesstraße in den Anlagen rund um die Stiftsruine und auf den Spielplätzen an den Nordschulteichen.

„Als ich älter wurde, war es dann erlaubt, allein zu einem der Spielplätze zu gehen und von da aus eroberten meine Freunde und ich den gesamten Bereich um die Stiftruine. Unser Hauptquartier war eine Mauerecke nahe der heutigen Kantine, von der aus wir den Überblick über unser Reich hatten. Auf der anderen Mauerseite befanden sich damals noch Kleingärten, die Wiesenfläche des Stiftsfriedhofs war unser Land.“

Blick vom Brink, wo es auch früher schon eine kleine Anlage gab, in die Johannesstraße in den 1970er-Jahren.

Ausführlich beschreibt Gabriele Krug die Geschäfte in der Johannesstraße und am Markt und berichtet von den Menschen, die dort lebten und dem Alltag der Familien.

Die Sicht des Kindes

Seit 2014 wohnt und arbeitet sie wieder in ihrem Elternhaus. Es sei ihr ein Anliegen gewesen, ihre Kinderperspektive wiederzuentdecken und festzuhalten, sagt Gabriele Krug. „Kinder wurden früher nicht gehört“, erinnert sie sich. Umso wichtiger war es ihr, diese Sicht aufs Leben festzuhalten.

„Es hat Spaß gemacht, meine Ideen von früher aufzuschreiben“, erzählt Krug. Dass sie damit auch ihre Freundinnen von damals sehr berührt hat, ist ihr eine zusätzliche Freude.

Für Gabriele Krug war ihre Kindheit in der Johannesstraße der „Inbegriff von Kindsein, diese Geborgenheit in der Familie, dem Freundeskreis, der Natur und der kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt und grüßt!“ (Christine Zacharias)

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