Ursachen und Risiken von Alkohol- und Medikamentenmissbrauch

Gemeinsam gegen Sucht im Alter: Neues Netzwerk gegründet

Das neue Netzwerk „Sucht im Alter“: (von links) Alexandra Lauer (Beratungs- und Behandlungszentrum der Diakonie für Abhängigkeitserkrankungen), Kristin Weißmüller (Median-Klinik Wigbertshöhe), Birgit Krapf (Awo mobil), Diehter Bostelmann (Kreisverkehrswacht), Nicole Höhmann (Residenz Ambiente), Heidi Fischer-Preßmann (Seniorenwohnanlagen „An der Geis“ und Unterhaun), Brigitte Künzl (Awo mobil) und Eva-Maria Bohr (Beratungs- und Behandlungszentrum). Foto: Zacharias

Bad Hersfeld. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg hat sich ein Netzwerk „Sucht im Alter“ gegründet, das sich Senioren mit Abhängigkeitsproblemen annehmen will.

 „Lass doch dem Opa sein Schnäpschen. Er hat doch sonst nichts mehr!“ Suchtprobleme bei älteren Menschen werden oft verharmlost oder versteckt. Und sie sind mit viel Scham verbunden.

Ältere Menschen kommen deshalb nur ganz selten zur Suchtberatung, berichtet Eva-Maria Bohr vom Beratungs- und Behandlungszentrum (bbz) für Abhängigkeitserkrankungen der Diakonie in Bad Hersfeld. Dabei sind Suchterkrankungen bei älter werdenden Menschen keine Einzelfälle. Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen von 4,1 Millionen Menschen ab 65 Jahren mit einem riskanten und somit gesundheitsgefährdenden Alkoholkonsum in Deutschland. Das sind etwa 18 Prozent der Männer und zwölf Prozent der Frauen. Etwa 400 000 Männer und Frauen sind abhängig. Außerdem nehmen geschätzt 1,7 Millionen Menschen über 60 Jahren psychoaktive Medikamente wie Schmerz- und Beruhigungsmittel in missbräuchlicher Dosis.

Auch die Pflegedienste und Senioreneinrichtungen im Kreis haben immer wieder mit Frauen und Männern zu tun, die zu viel Alkohol trinken oder Medikamente nehmen. Das wurde bei einer Fragebogenaktion des Beratungs- und Behandlungszentrums deutlich. Und auch die Unsicherheit, wie mit dem Problem umgegangen werden sollte. „Wir stehen hilflos da, wenn jemand völlig betrunken ist und keine Kontrolle mehr über sich hat,“ berichtet Heidi Fischer-Preßmann, Leiterin der Seniorenwohnanlagen „An der Geis“ in Bad Hersfeld und „Am Wendebach“ in Unterhaun. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg hat sich jetzt ein Netzwerk „Sucht im Alter“ gegründet, das sich dieser Probleme annehmen will. Dazu treffen sich Mitarbeiterinnen von Pflegediensten und Senioreneinrichtungen, Vertreterinnen des Beratungs- und Behandlungszentrums für Abhängigkeitserkrankungen und der Median-Klinik Wigbertshöhe, die einen Schwerpunkt auf die Behandlung von älteren Menschen mit Suchtproblemen gelegt hat, des Pflegestützpunktes des Landkreises sowie Vertreter der Kreisverkehrswacht und des Fachbereichs Generationen der Stadt Bad Hersfeld regelmäßig. Sie lernen ihre jeweiligen Einrichtungen kennen, tauschen sich über Probleme aus, planen Fortbildungen und Vorträge und kümmern sich um Öffentlichkeitsarbeit.

Alexandra Lauer und Eva-Maria Bohr von der Suchtberatung suchen bei Bedarf Betroffene auch zu Hause oder in einer Einrichtung auf und planen jetzt eine Fortbildung für Mitarbeiter von Pflegediensten und Seniorenheimen. Dabei soll zum Beispiel vermittelt werden, wie das Thema Sucht am besten angesprochen werden kann.

Dem Vorurteil, dass ältere Menschen sich ohnehin nicht mehr ändern, widerspricht Kristin Weißmüller von der Median-Klinik Wigbertshöhe energisch. Sie betreut dort eine Gruppe mit Patientinnen und Patienten, die über 80 Jahre alt sind und hat festgestellt: „Wer bereit ist sich zu öffnen, wer aus der dauernden Benebeltheit durch Alkohol oder Tabletten herauskommen will und sich auf soziale Kontakte einlässt, der hat gute Chancen.“

Der erste wichtige Schritt sei dabei der Wunsch, etwas zu ändern und die Bereitschaft, sich helfen zu lassen.

Viele Senioren trinken aus Einsamkeit

Die Ursachen für Suchtprobleme bei älteren Menschen sind vielfältig. Neben denen, die schon seit Jahren einen riskanten Alkoholkonsum pflegen, kommen diejenigen hinzu, die zum Beispiel mit den vielen Veränderungen in dieser Lebensphase nicht zurechtkommen. Fehlende berufliche und private Aufgaben, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, überflüssig zu sein, Trennung, Tod oder Krankheit des Partners und vor allem Einsamkeit sind Gründe, bei denen ältere Menschen gerne zu Alkohol oder Medikamenten greifen, die belastende Gefühle und Ängste betäuben. Wer schon immer einen gefährlich hohen Alkoholkonsum hatte, bei dem ist die Gefahr besonders groß, dass daraus im Alter eine Abhängigkeit entsteht. „Einsamkeit ist ein ganz wichtiger Punkt, warum ältere Menschen sich mit Alkohol oder Medikamenten dämpfen wollen“, bestätigt Heidi Fischer-Preßmann. Eva-Maria Bohr hat beobachtet, dass auch Überforderung, vor allem bei Frauen, die Angehörige pflegen, ein Grund sein kann zu trinken. 

Problematisch ist zudem nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass sich der Alkoholabbau im Alter verlangsamt. Bei älteren Menschen sinkt der Wasseranteil im Körper, das heißt, der aufgenommene Alkohol verteilt sich auf weniger Körperflüssigkeit und die Blutalkoholkonzentration ist höher. Auch die Leber braucht länger zum Alkoholabbau. Bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme kann es zu gefährlichen Wechselwirkungen kommen. Zudem beeinträchtigt Alkohol die Koordination und die Reaktionsfähigkeit. Dadurch erhöht sich die Gefahr zu stürzen oder sich zu verletzen. Auch depressive oder aggressive Zustände können unter Alkohol- oder Medikamentenkonsum leichter auftreten, erläutert Eva-Maria Bohr vom Beratungs- und Behandlungszentrum für Abhängigkeitserkrankungen. Im Straßenverkehr seien Alkohol und Medikamente bei Senioren ebenfalls ein Problem, berichtet Diether Bostelmann von der Kreisverkehrswacht. Er sieht große Gefahren darin, dass Medikamente problemlos im Internet bestellt werden könnten, ohne die Beratung durch Apotheker. Für Senioren biete die Verkehrswacht Rollator- und E-Bike beziehungsweise Pedelec-Training an, um ihre Sicherheit zu erhöhen. (zac)

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