„Hoffen auf den Sommer“

Gesangvereine leiden auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg unter Mitglieder-Rückgang

Unser Archivbild zeigt den Obersberg-Chor unter der Leitung von Ulli Meiß in der Bad Hersfelder Stadtkirche.
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Foto aus unbeschwerten Tagen: Die coronabedingten Einschränkungen spüren auch die Gesangvereine und Chöre im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Unser Archivbild zeigt den Obersberg-Chor unter der Leitung von Ulli Meiß in der Bad Hersfelder Stadtkirche.

Der 1839 gegründete Mitteldeutsche Sängerbund (MSB) leidet unter sinkenden Mitgliederzahlen und der Corona-Pandemie. Im Verband sind Chöre aus Südniedersachsen und Nordhessen organisiert.

Hersfeld-Rotenburg – Im Jahr 1992 hatte der MSB insgesamt 888 Vereine und 52 000 Mitglieder – ein Rekord in der Geschichte. Heute sind es nur noch 506 Vereine mit 24 353 Mitgliedern. Wir sprachen mit Volker Bergmann (Altmorschen), seit 2012 Präsident des MSB, über das Thema.

Herr Bergmann, ist dieser Rückgang dramatisch?

Ja sicher. Dies ist aber nicht vorrangig ein Problem der Chorvereine, sondern ein gesellschaftliches Problem insgesamt. Ob in Schule, Ausbildung oder Beruf: Überall wird Höchstleistung erwartet. Für andere Dinge bleibt da oftmals kein Raum. Hieraus folgt, dass kulturelle Wertigkeiten weniger gelebt und somit auch weniger an die Kinder weitergegeben werden. Dies betrifft unser Vereinsleben insgesamt, auch die politischen Parteien, die heute zum Teil kaum noch im Stande sind, Kandidaten für die ehrenamtlichen Stadt- und Gemeindeparlamente und Ortsbeiräte zu finden. Wer stellt sich schon die Frage, was passiert, wenn es brennt, es aber keine freiwillige Feuerwehr im Dorf mehr gibt?

Sie beklagen, dass es heute in den Schulen kaum noch Musikunterricht gibt. Welche Auswirkungen hat das?

Genau die, die ich genannt habe. Wenn kaum Musikunterricht, geschweige denn Singen in den Schulen angeboten wird, zu Hause hierfür selten Interesse geweckt wird, wird sich schwerlich ein junger Mensch – ob 20 oder 40 Jahre – zum Chorgesang hingezogen fühlen. Das ist sehr bedauerlich.

Viele Traditionschöre in der Region haben sich auflösen müssen, weil der Nachwuchs, fehlt. Was ist der Hauptgrund?

Natürlich geht es auch um Freizeitangebote in der heutigen Zeit. Wenn man in den 1950-er Jahren den Stimmbruch hinter sich hatte, ging der Sohn mit seinem Vater oder Opa in den Gesangverein, zumal auch häufig der Lehrer dort mitsang. Man kam aus dem Dorf ja auch kaum weg. Der Lehrer hatte viel mit den Kindern gesungen, und war auch Chorleiter des örtlichen Gesangvereins. Der Zusammenhalt in der dörflichen Gemeinschaft war deutlich höher als heute. Die meisten möchten sich vereinsmäßig nicht mehr binden, nicht einmal pro Woche zur Chorprobe gehen. Hat man dann drei- oder viermal gefehlt, ist der Anschluss an das erarbeitete Liedgut kaum aufzuholen. Auch die Berufstätigkeit mit Schichtdienst, Außendienst und Montage spielt eine wesentliche Rolle.

Weitere Probleme?

Die Chöre haben viel unternommen – Flugblattkampagnen, persönliche Ansprachen, Besuche von Haus zu Haus. Wenn dann ein Chorleiter, der mehrere Vereine geleitet hat, aufgrund der Pensionierung wegzieht, das Durchschnittsalter im Verein bei über 75 liegt und es nur noch zehn bis 15 Aktive gibt, kann ich verstehen, dass man keine Lust mehr hat, nach einem Chorleiter zu suchen.

Im Vorjahr hat sich die Chorvereinigung 1856 Sontra aufgelöst. Arno Küch (68), seit 1975 Notenwart und Vorstandsmitglied, sparte nicht mit Eigenkritik: „Wir Sänger haben es nicht geschafft, uns zu erneuern, wir haben es nicht geschafft, unseren Kindern und Enkelkindern das Liedgut zu übermitteln.” Was sagen Sie dazu?

Viele Chöre bemühen sich ernsthaft um Nachwuchs. Viele sind wirklich verzweifelt. Unsere Gesellschaft steht im stetigen Wandel, was nicht immer positiv zu sehen ist. Nicht die Gemeinschaft steht nach der Familie weit vorn, sondern das Individuum. Man muss in Schule und Beruf immer am Ball bleiben, der oder die Beste sein, um zu überstehen, ja zu überleben.

Wird Corona zu einem weiteren Sterben der Chöre beitragen?

Das kann ich nicht vorhersagen. Dass Chöre bisher aufgegeben haben, hat nur unwesentlich mit der Pandemie zu tun. Dies kann sich 2021 durchaus noch ändern, gerade bei Vereinen mit hohem Durchschnittsalter. Keiner weiß, wann ein Neustart nach der Pandemie möglich ist. Seit Februar/März 2020 finden keine „normalen” Chorproben mehr statt.

Gibt es auch neue Wege?

Es gibt viele Beispiele, wie man neue und ergänzende Wege geht – mit von den Gesundheitsämtern genehmigten Hygienekonzepten und virtuellem Singen über Videoaufzeichnungen. Tolle Beispiele gibt es auf unserer Homepage unter „Singen mit oder trotz Corona“ – auch eine sehr gute Anleitung, wie man dies auch als Laie bewerkstelligen kann. Zum Beispiel auch die Kantorei Homberg, also auch Chöre, die nicht bei uns organisiert sind.

Wie schwer wird nach der Zwangspause der Neustart sein? Wann hoffen sie, wieder singen zu können?

Ich hoffe, dass wir nach den Sommerferien langsam wieder zu einer halbwegs normalen Chorarbeit zurückkehren können. Ich möchte auch wieder den Chor der Obersbergschulen mit seinen 120 Sängerinnen und Sängern mit Ulli Meiß genießen, mich auf Konzerte, Liederabende und Jubiläumsveranstaltungen im MSB freuen und auch mal wieder in ein Kabarett gehen.

In der hessischen Verordnung zur pandemiebedingten Kontaktbeschränkung heißt es, dass beispielsweise Chorproben aufgrund der aktuellen Lage nicht im besonderen öffentlichen Interesse stehen. Was sagen Sie dazu?

Das ist eine Respektlosigkeit, ein Schlag ins Gesicht aller Chöre, vor allem der Menschen, die sich in unserem kulturellen Bereich ehrenamtlich engagieren. Diese Herren verfügen nicht über hinreichende Sozialkompetenz. Wir wissen selbst, dass normale Chorproben oder gar Konzerte momentan nicht möglich sind. Aber dem Laienchorgesang das besondere öffentliche Interesse abzustreiten, spricht von Ignoranz und vor allem Instinktlosigkeit der als Absender fungierenden Minister. Auf ein Schreiben der Laien-Musikverbände hat Ministerpräsident Bouffier reagiert, die Passage wurde geändert. Bouffier betont in einer Antwort die Wichtigkeit unserer Arbeit für das Kulturleben.

Der für April in Bebra geplante Bundessängertag wurde auf 2022 verschoben. Wird er stattfinden?

Bebra 2022 haben wir fest im Blick. (Manfred Schaake)

Zur Person

Volker Bergmann (66) ist Fachanwalt für Familienrecht. Seit 2012 ist er Präsident des Mitteldeutschen Sängerbundes. Sein Vater, Rektor Waltari Bergmann, hatte dieses Amt von 1970 bis 1994 inne. Volker Bergmann singt seit 1989 im MGV Altmorschen. Seit 1989 war der Sozialdemokrat Gemeindevertreter, zeitweise Erster Beigeordneter, in Morschen. Er ist auch Vorstandsmitglied des Mietervereins Melsungen, Ehrenvorsitzender der sozialdemokratischen Juristen Schwalm-Eder und Hessen-Nord. Bergmann ist verheiratet und hat zwei Kinder und zwei Enkel. (m.s.)

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