Interview zum Tag der Wohnungslosen

Geschäftsführerin der Bad Hersfelder Wohnraumhilfe: „Keiner ist freiwillig obdachlos“

Regina Lang, Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe Bad Hersfeld, steckt einen 20-Euro-Schein in ein gläsernes Sparschwein.
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Wohnungslosigkeit ist nicht nur ein Problem der Großstädte: Auch in den kleineren Gemeinden des Landkreises Hersfeld-Rotenburg ist es nicht einfach, eine günstige Wohnung zu bekommen, sagt Regina Lang, Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe Bad Hersfeld.

Steigende Mieten, weniger Sozialwohnungen: Auch die Wohnraumhilfe Bad Hersfeld, die Betroffene im gesamten Kreis unterstützt, registriert laut Chefin Regina Lang mehr Klienten.

Hersfeld-Rotenburg – Nicht nur in Großstädten wächst die Zahl der Wohnungslosen. Auf das Problem aufmerksam machen will der Tag der Wohnungslosen. Wir haben aus diesem Anlass mit Regina Lang, Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe Bad Hersfeld, gesprochen.

Frau Lang, Sie klagen seit Jahren über fehlenden Wohnraum für Leistungsbezieher und Geringverdiener. Laut Pestel-Institut sind die Mieten im Kreis Hersfeld-Rotenburg in den letzten sechs Jahren um 21,4 Prozent gestiegen. Vielerorts entstehen schicke Neubauwohnungen. Wer kann sich diese noch leisten?
Von unseren Klienten jedenfalls niemand. Und diese Mieten wird auch kein Sozialamt bezahlen. Das betrifft aber nicht nur schicke Neubauwohnungen. Wenn man sich die Wohnungsangebote im Internet anschaut, entspricht von 20 Angeboten maximal eins den Bedingungen der Sozialhilfe, alles andere liegt darüber. Das Problem sind nicht nur die steigenden Mieten, auch kleine Wohnungen sind Mangelware. Einem Hartz-IV-Empfänger stehen in Bad Hersfeld aktuell maximal 50 Quadratmeter für 330 Euro inklusive „kalter Nebenkosten“ zu, in Rotenburg sind es ein paar Euro weniger. Als der Verein vor 25 Jahren gegründet wurde, dauerte es sechs bis zwölf Wochen, bis eine Wohnung gefunden war. Heute dauert es zwischen einem Jahr und drei Jahren.
Wie viele Klienten haben Sie aktuell und wie lang ist die Warteliste?
Wir haben derzeit 45 Klienten und zehn Personen stehen auf der Warteliste. Als ich vor drei Jahren bei der Wohnraumhilfe angefangen habe, hatten wir 14 Klienten. Die Anfragen sind ungebrochen und wir bekommen regelmäßig Anrufe von anderen sozialen Einrichtungen, einschließlich des Jobcenters, und von Menschen, die feststellen, dass sich die Wohnungssuche schwierig gestaltet.
Wer ist davon besonders betroffen?
Zu unseren Klienten gehören alleinstehende Frauen ebenso wie Männer, wir haben aber auch mit alleinerziehenden Eltern oder Familien zu tun. Viele unserer Klienten haben Schufa-Einträge, und wenn jemand in der Schufa steht, hat er eigentlich keine Chance auf Wohnraum. Denn Vermieter machen es oft zur Bedingung, dass kein Eintrag vorhanden ist, beziehungsweise keine Mietschulden eingetragen sind. (Die Schufa gibt Auskunft über die Kreditwürdigkeit privater Schuldner, Anm. der Red.) Dabei sind Schulden heute leider nichts Außergewöhnliches und wenn jemand seinen Job verliert, ist es schnell passiert. Ein Großteil unserer Klienten kämpft allerdings auch mit Sucht- oder psychischen Erkrankungen, viele haben Schicksalsschläge erleiden müssen und keine Unterstützung durch die Familie. Etwa 95 Prozent haben keinen familiären Hintergrund mehr oder hatten diesen noch nie.
Die Wohnraumhilfe bietet mittlerweile auch Übergangswohnungen mit Betreuung an. Warum?
Der Verein verfügt inzwischen über drei Übergangswohnungen, die vierte wird demnächst eröffnet. Diese Übergangslösung dient gleichzeitig als Wohntraining, denn viele unserer Klienten haben Schwierigkeiten, in einigen Bereichen klarzukommen. Wir helfen bei Anträgen, begleiten zum Jobcenter und führen Gespräche. Wir klären unsere Klienten über ihre Rechte und Pflichten auf, weisen auf das korrekte Verhalten den Nachbarn gegenüber hin, erklären die Mülltrennung und zeigen bei Bedarf sogar, wie richtig geputzt wird. Das klingt banal, ist bei einigen aber notwendig. Weitere Wohnungen sind aktuell zur Dauervermietung angemietet. Dort bieten wir Zweier-WGs an, sodass die eigentlich nicht sozialhilfekonformen Wohnungen geteilt werden können und vom Amt akzeptiert werden. Es ist allerdings auch für uns nicht einfach, an Wohnungen zu kommen. Für Obdachlosigkeit gibt es verschiedene Gründe, aber keiner ist freiwillig obdachlos. Oft entsteht ein Teufelskreis. Auch die Notunterkunft in Bad Hersfeld nimmt Menschen nur zeitlich begrenzt auf und sie wird nicht betreut. Wir versuchen, allen bestmöglich zu helfen und gemeinsam an Problemen zu arbeiten.
Muss es denn immer Bad Hersfeld oder Rotenburg sein – wie ist die Lage in den kleineren Gemeinden des Kreises?
Auch in kleinen Gemeinden ist es nicht einfach, eine günstige Wohnung zu bekommen. Zum Einen gibt es dort vorwiegend Eigenheime und weniger Mietwohnungen. Zum Anderen verlangen natürlich auch die Vermieter auf dem Land einen festen Arbeitsvertrag und Schuldenfreiheit. Und wenn es dort eine Wohnung gibt, hängt es oft an fehlenden öffentlichen Verkehrsmitteln oder den Kosten dafür. Wer auf staatliche Leistungen beziehungsweise günstigen Wohnraum angewiesen ist, hat oft auch kein Auto oder keinen Führerschein. Um zur Arbeit, zu Amts- oder Arztterminen zu kommen, muss man jedoch mobil sein. Schon in Bad Hersfeld ist es schwierig, um sechs Uhr morgens zum Schichtbeginn zu Amazon auf den Berg zu fahren.
Dass Vermieter mitunter hohe Erwartungen an ihre Mieter haben oder auch Angst, auf Kosten sitzen zu bleiben, ist aber auch verständlich, oder?
Absolut. Das ist sehr verständlich. Und es gibt leider auch genug Menschen, die Vermieter mit beschädigten oder vermüllten Wohnungen zurücklassen und die bleiben auf ihren Kosten sitzen. Unsere Klienten lassen sich freiwillig helfen, sie wollen Hilfe und Betreuung. Wir bieten potenziellen Vermietern also eine gewisse Sicherheit – nicht nur als Ansprechpartner, sondern auch, indem wir quasi zwischengeschaltet immer pünktlich die Miete zahlen, wenn wir als Vermieter auftreten. Das Amt überweist an uns und wir an den Vermieter. Uns gibt es jetzt seit über 25 Jahren, von daher sind wir durchaus etabliert, aber es gibt immer noch Menschen, die uns nicht kennen. Wenn ich für den Verein auf Wohnnugssuche bin, schreibe ich immer eine entsprechende Erklärung dazu. Manche reagieren darauf, andere nicht. Wir versuchen, mit verschiedenen Aktionen auf uns und das Thema „Mangelnder und teurer Wohnraum“ aufmerksam zu machen. Wir arbeiten mit der Diakonie und anderen Institutionen im Kreis zusammen.
Wie finanziert sich der Verein und ist die Finanzierung gesichert?
Die Betreuung wird über den Landeswohlfahrtsverband finanziert. Alles andere, zum Beispiel die Einrichtung der Übergangswohnungen und die laufenden Kosten für die Büroräume, finanzieren wir über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wir bekommen zudem Geldbußenzuwendungen über die Gerichte und versuchen, wo möglich Fördermittel zu bekommen, die aber immer zweckgebunden sind. Der Verein als gemeinnützige Einrichtung hat aktuell 47 Mitglieder, es dürften gerne mehr sein (lacht). Der Mitgliedsbeitrag ist mit 15 Euro pro Jahr relativ überschaubar. Wir sind außerdem immer auf der Suche nach Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und zum Beispiel im Vorstand mitarbeiten möchten. Unsere Klienten müssen dem Verein nicht beitreten, können es aber gerne tun.
Nicht nur in Bad Hersfeld wird über Anreize oder Verpflichtungen zum Bau von Sozialwohnungen nachgedacht. Was muss aus Ihrer Sicht passieren?
Es müsste mindestens mal wieder so etwas wie einen sozialen Wohnungsbau geben. Nur dann ist gewährleistet, dass auch Sozialhilfempfänger oder verschuldete Menschen eine Chance auf Wohnraum haben. Andererseits höre ich von den Wohnungsbaugesellschaften, dass sich sozialer Wohnungsbau für diese gar nicht mehr lohnt. Diesbezüglich müsste sich der Gesetzgeber etwas einfallen lassen. Ein anderes Problem, das unterbunden werden muss, sind „Gesund-Sanierungen“. Man darf aber natürlich auch nicht ignorieren, dass Bauen und Sanieren immer teurer wird, weshalb die Mieten ebenfalls steigen. Gleichzeitig steigen die Energiekosten und damit auch die Nebenkosten, doch der Sozialehilfesatz ist nur geringfügig gestiegen. Wenn dann der Kühlschrank kaputt geht, hat man ein Problem. Und man darf auch nicht vergessen: Wer den ganzen Tag zu Hause ist, hat mehr Nebenkosten, als jemand, der Vollzeit arbeitet. Das müsste bei der Bemessung eigentlich berücksichtigt werden. Jeder sollte Recht auf Wohnen haben, Wohnen ist ein Grundrecht.
Sie haben es schon angesprochen: Auch die Obdachlosenunterkunft in Bad Hersfeld ist fast immer voll belegt. Einige leben seit Jahren dort, obwohl es sich eigentlich um eine Notunterkunft handelt, zudem gibt es Probleme mit der Zuständigkeit, den Kosten, Aggressionen und Zerstörung. Wie könnte man das Problem lösen?
Es gab erst kürzlich wieder eine Telefonkonferenz zum Thema, an der auch wir und die Diakonie beteiligt waren. Eine einfache und vor allem kostenfreie Lösung ohne Betreuung ist dort sicher kaum möglich. Eine Empfehlung meinerseits ist eine eher inklusive Lösung. Darüber müssen noch mehrere Gespräche geführt werden.

Zur Person

Regina Lang (56) ist in Nordrhein-Westfalen geboren worden, aber schon im Kindesalter nach Hessen gekommen. Die Diplom-Sozialpädagogin hat vor dem Studium Erzieherin gelernt und außerdem eine Zusatzausbildung als Systemische Beraterin und Systemische Therapeutin absolviert. Sie hat lange in der stationären Jugendhilfe gearbeitet, seit Sommer 2018 ist die 56-Jährige Geschäftsführerin der Wohnraumhilfe Bad Hersfeld e.V. Lang ist verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt im Vogelsbergkreis.

Hintergrund: Das ist die Wohnraumhilfe

Unter dem Motto „Wohnraum wird Heimat“ hat es sich die Wohnraumhilfe mit Sitz in Bad Hersfeld zur Aufgabe gemacht, wohnungslosen Menschen Betreuung und Begleitung mit dem Ziel anzubieten, ihnen ein selbstständiges Leben in eigenem Wohnraum zu ermöglichen. Der Verein berät, betreut, begleitet und unterstützt Menschen im gesamten Landkreis unabhängig von ihrer nationalen und religiösen Herkunft, heißt es. Das hauptamtliche Team mit aktuell sechs Mitarbeiterinnen, von denen aber nicht alle Vollzeit tätig sind, besteht zurzeit nur aus weiblichen Fachkräften, sodass auch männliche Kollegen gern gesehen wären (Nadine Meier-Maaz)

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