EIN ANDERER SOMMER mit Ann-Cathrin Sudhoff und Ralf Bauer

Schreiben ist wie Küssen ohne Lippen: „Gut gegen Nordwind“ in der Stiftsruine

Ann-Cathrin Sudhoff und Ralf Bauer nehmen auf der Bühne stehende Ovationen entgegen.
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Der erste Körperkontakt beim Applaus danach: Ann-Cathrin Sudhoff und Ralf Bauer nehmen stehende Ovationen entgegen.

Viel Applaus gab es für Ann-Cathrin Sudhoff und Ralf Bauer, die in der Bad Hersfelder Stiftsruine gemeinsam in „Gut gegen Nordwind“ auf der Bühne gestanden haben.

Bad Hersfeld – Ein Tipp-Fehler in der E-Mail-Adresse bringt Emma „Emmi“ Rothner und Leo Leike in den Weiten des Internets zusammen. Dabei leben die beiden in einer Stadt. Eigentlich wollte Emmi nur ein Magazin abbestellen, aber der unverhoffte Mail-Kontakt zum Sprachpsychologen Leo wird schnell zu einer Internetromanze, wie sie in diesen seltsamen Corona-Zeitalter 2.0 vielleicht gar nicht so selten ist.

Über Wochen und Monate bleiben die Beiden in Kontakt und gewähren sich dabei nach und nach intime Einblicke in ihr Seelenleben. Aus „Mutmaßungen über das Gegenüber“ wird von Mail zu Mail schließlich Liebe im virtuellen Raum. „Schreiben ist wie Küssen ohne Lippen“ stellen Emmi – charmant und sehr sexy verkörpert von Ann-Cathrin Sudhoff – und Leo – liebenswert-glaubhaft in seiner Einsamkeit gespielt von Ralf Bauer – fest. Für Emmi sind ihre Familie, die zwei angeheirateten Kinder und der deutlich ältere, verständnisvolle Ehemann ihre „Festung“, Leo indes die von ihr offenbar doch vermisste „Außenwelt“. Und er, der noch die Trennung von seiner Marlene verarbeitet, „bastelt sich aus ihren Texten meine eigene Emmi“. Und doch ahnt er, dass diese „Fantasie-Emmi“ im Augenblick des Zusammenseins sofort sterben würde.

Vielleicht auch deshalb treffen sich Emmi und Leo nicht. Trotz der räumlichen Distanz knistert es aber zwischen den beiden ganz gehörig. Man merkt den Schauspielern an, dass sie das Stück nach dem Erfolgsroman von Daniel Glatthauer in den vergangenen acht Jahren schon unzählige Male gemeinsam auf die Bühne gebracht haben. Obwohl die Schauspieler – höchst Corona-konform – eigentlich immer mit dem Rücken zueinander agieren, ist da eine blinde Vertrautheit. „Ich bin für Sie wie Telefonsex ohne Sex“, schreibt Emmi ihrem Leo während sich beide vorstellen, wie sie wohl aussehen.

Es ist eine charmante Sommer-Romanze ohne Körperkontakt, die wie gemacht scheint für diesen „Anderen Sommer“ in der Bad Hersfelder Stiftsruine. Kein Wunder, dass die Romanvorlage zu dem Stück in 28 Sprachen übersetzt, 800 000 Mal verkauft, in mehr als 40 Theatern gespielt und auch verfilmt wurde.

Trotzdem bleibt dem Zuschauer am Ende nur die bittersüße Erkenntnis, dass Leo und Emmi „das nicht leben können, was sie schreiben – denn es bleibt keine Steigerung mehr für uns“. Dabei hätte man sich Happy-End sich am Ende eines heißen Theaternachmittags in der Stiftsruine so gewünscht.

Trotzdem gab es minutenlangen, hochverdienten Applaus und stehende Ovationen für Ann-Cathrin Sudhoff und Ralf Bauer. Und uns bleibt die Hoffnung auf ein glückliches Ende in der Fortsetzung des Romans „Alle sieben Wellen“ – vielleicht im kommenden Jahr. (Kai A. Struthoff)

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