Hauptproblem ist Einsamkeit

Suchtklinik Wigbertshöhe stellt erhöhten Therapiebedarf durch Coronapandemie fest

Neuen Lebensmut gefunden: Therapeut Jean-Christoph Schwager (links) von der Median-Klinik Wigbertshöhe (links) im Gespräch mit Wolfgang O. der gegen seine Süchte kämpft.
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Neuen Lebensmut gefunden: Therapeut Jean-Christoph Schwager (links) von der Median-Klinik Wigbertshöhe im Gespräch mit Wolfgang O., der gegen seine Süchte kämpft.

Gerade in Zeiten von Corona suchen immer mehr Ältere Hilfe gegen ihre Suchterkrankung in der Suchtfachklinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld.

Immer mehr Menschen, gerade auch aus der Altersgruppe 50+, suchen Hilfe gegen ihre Suchterkrankung in der Suchtfachklinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld. Die Corona-Pandemie verstärkt die Probleme der Suchtkranken.

Bad Hersfeld – Existenzängste, Einsamkeit, Langeweile, das Gefühl nutzlos zu sein und nicht mehr gebraucht zu werden – gerade in Zeiten von Corona greifen immer mehr Ältere zur Flasche, nehmen verstärkt Medikamente oder verlieren sich in den Tiefen des Internets mit seinen Glücksspielangeboten.

Das zeigt sich auch in der Median-Klinik Wigbertshöhe in Bad Herfeld, die als Suchtfachklinik Menschen mit der Diagnose Alkoholabhängigkeit, Glücksspielsucht oder Medikamentenabhängigkeit in stationärer Therapie behandelt. Die Fallzahlen der Hilfe suchenden älteren Patienten seien jedenfalls im Jahr 2020 und zu Beginn des Jahres 2021 deutlich angestiegen, berichtet Therapeut Jean-Christoph Schwager.

Schwager verweist auf den „global drug survey“ aus dem Jahr 2020, bei dem insgesamt mehr als 58 000 Personen in Deutschland, und weiteren neun Ländern befragt wurden. 43 Prozent gaben an, häufiger Alkohol zu trinken, und 38 Prozent berichteten davon, mehr Alkohol konsumiert zu haben als in der Zeit vor der Corona-Pandemie.

Da viele Suchtberatungsstellen seit Beginn der Pandemie nur ein eingeschränktes Beratungsangebot aufrecht erhielten und auch Selbsthilfegruppen sich nicht wie gewohnt treffen könnten, sei das Therapieangebot der stationären Entwöhnungsbehandlung umso wichtiger, betont Schwager.

Mit einem strengen Hygienekonzept sei es bisher gelungen, ohne eine Infektion mit dem Corona-Virus durch die Pandemie zu kommen, erklärt Chefärztin Dr. Sabine Gaspar. Das sei umso wichtiger, weil viele der Patienten infolge des langen Suchtmittelmissbrauchs an zusätzlichen Krankheiten litten.

In der Klinik Wigbertshöhe werden Menschen aller Altersgruppen behandelt. Der jüngste Patient war zu Therapiebeginn 17 Jahre alt, die älteste Patienten 82 Jahre. Ein Schwerpunkt ist jedoch ein spezielles Angebot für Suchtkranke, die älter als 50 Jahre sind. In Gruppen- und einzeltherapeutischen Angeboten geht es darum, neue Lebensfreude und Lebensmut zu entwickeln und Perspektiven aufzubauen. Dazu gehört unter anderem ein auf ältere Patienten abgestimmtes Freizeittraining, erklärt Sabine Gaspar.

Da jedoch viele Aktivitäten und Treffen in Vereinen und Gruppen derzeit nicht möglich sind, sei für viele Patienten ein Hauptproblem die Einsamkeit, die sie nach der Entlassung wieder erwartet, weiß Schwager. Er setzt deshalb unter anderem auf eine Vernetzung der Teilnehmer aus seiner Therapiegruppe. Gerade bei den Älteren scheiterten Online-Kontakte aber entweder an technischen Problemen oder der fehlenden Ausstattung.

Nicht jeder könne sich einen neuen Laptop leisten oder wisse, wie er zu bedienen sei, Die Klinik biete deshalb zum Beispiel Schulungen für den Umgang mit neuen Medien an.

Patient Wolfgang O. berichtet von seinen Erfahrungen 

Einer dieser Patienten aus der Altersgruppe 50+, die in der Median-Klinik Wigbertshöhe behandelt werden, ist Wolfgang O.. Er kommt aus Oberbayern und ist bereits zum zweiten Mal zu einer Suchtbehandlung in Bad Hersfeld. Er bestätigt den Eindruck, dass die Zahl der älteren Suchtpatienten immer größer wird.

Bei ihm begann die Sucht sehr früh. Er sei ohne Vater aufgewachsen und habe sich mit 13 Jahren einer Gruppe angeschlossen, bei der Alkohol, Drogen und Medikamente an der Tagesordnung gewesen seien. „18 Jahre war ich schlimm auf Drogen“, erzählt Wolfgang O. In dieser Zeit seien einige seiner Freunde gestorben. „Es war klar, dass wenn ich nicht aufhöre, irgendwann mein Leben aufhört“, sagt O.

Er entschloss sich zu einer Therapie, war sechs Monate in Daun in der Eifel. „Das hat mir die Augen geöffnet“, betont Wolfgang O.. Er begann ein neues Leben in einer neuen Stadt, weit genug entfernt, von den alten Freunden. Er fasste beruflich Fuß, lernte seine Frau kennen, heiratete und lebte 25 Jahre „trocken, clean und rauchfrei“, also ohne Alkohol, Drogen und Zigaretten. „Ich hatte eine Familie, eine Aufgabe und bin beruflich gut vorangekommen“, erzählt er.

Im Jahr 2010 wurde dann ein bösartiger Gehirntumor entdeckt. Der konnte zwar operiert werden, doch war Wolfgang O. danach zu 50 Prozent schwerbehindert. „Kürzertreten ist nichts für mich“, sagt O., also versuchte er seinen Job als Vertriebsberater im Außendienst wie gewohnt weiterzumachen.

Das ging nicht lange gut. Sein Körper reagierte auf die permanente Überforderung mit einem Burnout. Er verließ die Firma, wurde mit Mitte 50 arbeitslos. Nicht mehr gebraucht zu werden, nichts mehr zu tun zu haben, setzte Wolfgang O. sehr zu. Und auch seine Ehe begann zu kriseln, als er auf einmal die ganze Zeit zu Hause war – unzufrieden mit sich selbst.

Wolfgang O. wurde rückfällig: „Ich wollte mich betäuben, wusste nichts mit mir anzufangen“, erzählt er. Nun wurden auch körperliche Beschwerden offenkundig, die er jahrelang übergangen hatte. „Mir war klar, dass ich Hilfe suchen musste“, sagt O.. 2017 kam er zur ersten Therapie in die Suchtfachklinik Wigbertshöhe. „Das hat mir gutgetan. Danach war ich drei Jahre lang clean“, erzählt Wolfgang O.

Das grundlegende Problem, das Gefühl nutzlos zu sein und nicht zu wissen, was er mit seinem Leben anfangen sollte, war jedoch immer noch da und verstärkte sich mit der Corona-Pandemie.

„Ich wurde sehr unglücklich und depressiv“. sagt Wolfgang O.. Die fehlenden Kontakte, die hinter Masken versteckten Gesichter, die Sorge, er oder ein nahestehender Mensch könne sich anstecken, die Unberechenbarkeit des Virus – all das belastete ihn so, dass er wieder anfing zu trinken. Dazu kam die Trennung von seiner Frau.

„Ich habe immer wieder daran gedacht, wie ich mich umbringen könnte“, gesteht O.. Eine Möglichkeit war, sich einfach totzusaufen. Er verlor seinen Führerschein, weil er angetrunken unterwegs war und hatte einen schweren Fahrradunfall – ebenfalls im Suff. „Ich hatte mich aufgegeben“, sagt Wolfgang O.. Die Ärzte rieten ihm zu einer erneuten Therapie und schließlich war er bereit, noch einmal Hilfe zu suchen. Bewusst entschied er sich erneut für die Median-Klinik Wigbertshöhe, weil es ihm hier schon 2017 gut gefallen hatte. Seit knapp 18 Wochen ist er jetzt clean, trocken und rauchfrei.

Inzwischen hat er sich seiner Familie wieder angenähert und konkrete Pläne für die Zeit nach seinem Aufenthalt in Bad Hersfeld gemacht. Er will sich darum bemühen, dass er seinen Führerschein wieder bekommt, er will sich um einen alten Onkel und um seine betagte Mutter kümmern – „Denen habe ich mein Wort gegeben!“ – und irgendwann auch wieder reisen. Vielleicht, so hofft er, gelingt es ja auch, in Kroatien ein kleines Haus zu kaufen und herzurichten – als Winterquartier für sich und als Urlaubsdomizil für Kinder und Enkel und um eine Aufgabe zu haben.

Wolfgang O. ist zuversichtilich, dass er es schaffen kann, suchtmittelfrei zu leben. Er will sich diesmal um eine Nachsorge bemühen, um jemanden zu haben, der helfen kann, wenn die Hoffnungslosigkeit wiederkommt. Wolfgang O. weiß aber auch, dass viele seiner Mitpatienten in die Einsamkeit zurückkehren. (Christine Zacharias)

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