Konzert von Heinz Rudolf Kunze in Bad Hersfeld: Die Magie der Sprache

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Der rockende Dichter und Denker: Heinz-Rudolf Kunze überzeugte mit seinem Solo-Programm in der Bad Hersfelder Martinskirche.

Bad Hersfeld. Eine Kirche, ein Klavier, eine Gitarre – und Heinz Rudolf Kunze. Mehr braucht es am Samstagabend in Bad Hersfeld nicht für einen ganz speziellen Abend.

Einen Abend, an dessen Ende die 250 Besucher in der proppevollen Evangelischen Martinskirche stehend applaudieren. Knapp zweieinhalb Stunden Kunze solo – allen, denen Sprache in der Blütezeit der Kurznachrichten und Emojis noch etwas bedeutet, muss das runtergehen wie Öl.

„Einstimmig“ ist als besonderes Soloprogramm angekündigt. „Er, eine Gitarre und ein Klavier – sonst nichts“, steht auf den Plakaten. Und es ist etwas Besonderes. Schon allein deshalb, weil Kunze erstmals in seiner 35-jährigen Karriere allein auf der Bühne steht. Er, der selbsternannte rockende Dichter und Denker, spielt mehr als 20 Lieder und nimmt das Publikum mit auf eine anspruchsvolle Zeitreise quer durch 35 Alben. Und bei seinen scharf pointierten Sprechtexten, in denen es um Biografisches, Politisches und Gott und die Welt an sich geht, nimmt der wohl politischste aller deutschen Liedermacher, kein Blatt vor den Mund. Kunze eben.

So trägt es kabarettistische Züge, wenn Kunze anregt, allen Schlagerfans sofort Wahlrecht und Fahrerlaubnis zu entziehen. „Überhaupt Schlager, diese Beulenpest von Tönen.“ Wenn er von Lehrern erzählt, die Kinder mit ihrer eigenen Dämlichkeit infizieren, weil es für kein besseres Studium gereicht habe. Oder aber vom millionenschweren Scheich, der dem 15-jährigen Selbstmord-Attentäter mit dem Sprengstoffgürtel rät: „Reiß’ dich zusammen, auch wenn es dich zerreißt.“

Den Spiegel vorgehalten

Das ist böse. Aber diesem Kunze will man nicht böse sein. Allen und jedem hält der 59-Jährige den Spiegel vor – und, breit grinsend, auch sich selbst. Die moderne Kinderpsychologie“, trägt Kunze ganz zu Beginn vor, „kennt zwei Voraussetzungen für ausgeprägte Kreativität: viele Ortswechsel in jungen Jahren und Probleme mit der Mutter. Beides war bei mir der Fall.“

Und wie kreativ ist dieser Kunze. Nicht nur musikalisch. „Du wirst nie zuhause sein, wenn du keinen Gast, keine Freunde hast“, heißt es schon in Aller Herren Länder (1999), das in diesen Tagen aktueller denn je daherkommt. „Kommt das Glück nicht in die Reihe, musst du aus der Reihe tanzen“, singt er in „Das Paradies ist hier“, der Single seines aktuellen Albums Deutschland. „Tanzbare Philosophie“, nennt er das Stück selbstironisch lächelnd.

Ergreifend und kraftvoll sind die ruhigen Momente mit den Balladen „Leg’ nicht auf“, „Der schwere Mut“ oder „Alles gelogen“. Den Kunze-Song „Dein ist mein ganzes Herz“, singt die Kirche sanft im Chor. Bei der gemeinsamen Suche nach der mysteriösen Mabel im Zugabenteil bleibt genug Zeit für rhythmisches Klatschen, ehe sich Kunze mit einer weiteren Dame, Lola, verabschiedet und seiner eigenen Wege geht. Dazu gehört auch, dass er mit „Leib und Seele“, einen seiner größten Hits, nur ganz kurz hat anklingen lassen.

Von Sascha Herrmann

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