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Henner Göbel erinnert an osteuropäische Opfer des zweiten Weltkriegs

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Von: Nadine Meier-Maaz

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Henner Göbel auf dem Hauptfriedhof in Bad Hersfeld, wo sich etwas versteckt Gräber ehemaliger Zwangsarbeiter aus Osteuropa und ein vermutlich ukrainisches Denkmal befinden.
Sichtbare Zeichen des Zweiten Weltkriegs: Henner Göbel auf dem Hauptfriedhof in Bad Hersfeld, wo sich etwas versteckt Gräber ehemaliger Zwangsarbeiter aus Osteuropa und ein vermutlich ukrainisches Denkmal befinden. © Nadine Meier-Maaz

Der Krieg in der Ukraine bewegt auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg die Menschen. Henner Göbel aus Bad Hersfeld erinnert an unbekannte Gräber osteuropäischer Kriegsopfer auf dem Friedhof.

Bad Hersfeld – Der Ukraine-Krieg und seine möglichen weitreichenden Folgen auch für andere Länder Europas und der Welt bereiten aktuell auch Henner Göbel aus Bad Hersfeld Sorge. Der 87-Jährige weist in diesem Zusammenhang zudem auf fast 70 Grabstellen osteuropäischer Zwangsarbeiter hin, die auf dem Bad Hersfelder Hauptfriedhof zu finden sind, aber wohl nur noch wenigen Menschen bekannt, wie er glaubt.

Göbel kennt nicht nur den Friedhof sprichwörtlich wie seine Westentasche, schließlich waren schon sein Großvater und sein Vater dort als Friedhofsgärtner für die Grabpflege zuständig, und auch er selbst, der den Betrieb für Friedhofsgärtnerei, Grabpflege und Floristik später übernahm, war von 1955 bis 1997 dort beschäftigt und lebt seit jeher quasi nebenan.

Der heute 87-Jährige beschäftigt sich darüber hinaus seit vielen Jahren auch mit den Kriegsereignissen und den Auswirkungen in Bad Hersfeld, und hat dazu unter anderem mehrere Artikel für die Zeitungsbeilage „Mein Heimatland“ verfasst. 1945, als die Amerikaner in der Stadt einmarschierten, war er zehn Jahre alt.

Erinnern kann er sich daran dennoch sehr gut. Ebenso wie an andere Gegebenheiten damals. „Als Kinder haben wir oft auf dem Friedhof gespielt, und zwar Krieg, wobei einer immer der Russe sein musste“, erzählt Göbel, was er heute als „verrückt“ bezeichnet.

Grabsteine der Osteuropäer liegen versteckt

Etwa 70 Grabfelder osteuropäischer Verstorbener finden sich auf dem oberen Teil des Ehrenfriedhofs zwischen der historischen Kapelle und den Soldatengräbern Richtung Meisebacher Straße. Göbel spricht von sogenannten Displaced Persons, kurz: DPs. Also solche bezeichnet wurden Ende des Zweiten Weltkriegs Menschen, die sich hier nach der Befreiung durch die Alliierten fern der Heimat befanden.

Meist waren dies Zwangsarbeiter, darunter aber auch Überlebende der Konzentrationslager sowie politische Gefangene und Kriegsgefangene – nicht nur, aber vornehmlich aus osteuropäischen Staaten. „Einige sind damals gestorben, denn nicht wenige waren unterernährt und medizinisch schlecht versorgt“, berichtet Göbel. Teils seien die Verstorbenen zuvor auch im Lager Pfaffenwald bei Bad Hersfeld gewesen.

Dass die Grabstellen der Osteuropäer schon damals recht versteckt lagen, könnte daran liegen, dass sie als unwichtig galten. „Die sogenannten slawischen Völker wurden damals als rassisch minderwertig angesehen“, sagt Göbel und schüttelt dabei den Kopf, um sein Unverständnis auszudrücken.

Im besagten Teil des Bad Hersfelder Hauptfriedhofs liegen Ukrainer neben Russen, auch Litauer und Polen, Tschechen und Jugoslawen wurden dort bestattet, wie die Inschriften auf den Tafeln angeben. Es sind überwiegend junge Leute, Männer und Frauen, unter den Ukrainern ist laut Inschrift auch eine Frau samt einem erst wenige Wochen alten Baby. Einige Verstorbene sind aber auch unbekannt und manche Namensangaben sind mit dem Zusatz „vermutlich“ versehen.

Denkmal auf dem Friedhof wirft Fragen auf

Inmitten der Gräber befindet sich außerdem ein kaum zu übersehendes knapp drei Meter hohes Denkmal, das jedoch auch ein Grabstein gewesen sein könnte – und dessen Inschrift kaum mehr zu lesen ist. Davor ist gut sichtbar eine Steinplatte mit einem Symbol platziert, wie es derzeit auf vielen Bildern aus der Ukraine zu sehen ist, die Trysub, eine Art Dreizack, wie im ukrainischen Wappen.

So ganz genau weiß aktuell niemand, wann das Denkmal und der auffällige Grabstein aufgestellt wurden und von wem genau. Henner Göbel meint, dass es auf die Initiative einer ukrainischen Gemeinschaft innerhalb des Lagers zurückgehe und ein ortsansässiger Steinmetz es angefertigt habe, sicher ist das aber nicht. „Die Ukrainer wollten sich damals schon von den Russen abgrenzen, nicht als Russen bezeichnet werden und ein eigenes Volk sein“, sagt Göbel.

Ein furchtbares Elend sei der Krieg jedenfalls damals gewesen. Entsprechend besorgt betrachtet Göbel nun die aktuellen Entwicklungen. „Alles ist möglich“, fürchtet er, hegt aber ebenso die Hoffnung, dass, wenn sich die Weltgemeinschaft fast geschlossen gegen die Invasion wende, sich auch das russische Volk noch gegen Putin wende. „Wir sollten das Beste hoffen und auf das Schlimmste gefasst sein“, lautet Göbels Lebensmotto.

Rätsel um ukrainischen Grabstein

Was genau es mit dem knapp drei Meter hohen offenbar ukrainischen Denkmal auf sich hat, das inmitten der Grabfelder osteuropäischer „DPs“ auf dem Bad Hersfelder Friedhof emporragt, wann, von wem und auf wessen Kosten es einst aufgestellt wurde und ob es überhaupt als Denkmal gedacht war, oder vielmehr ein normaler, aber besonders auffällig gestalteter Grabstein ist, das scheint derzeit niemand so genau zu wissen.

Zumindest ist man weder bei der Stadt noch beim Landesverband Hessen des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge in den vergangenen Tagen fündig geworden, was Informationen darüber betrifft. Im Stadtarchiv gibt es allerdings ein Schwarz-Weiß-Foto, das laut Aufschrift im Juli 1949 aufgenommen wurde und die damals noch deutlich anders aussehenden Gräber samt dem hohen Stein und dem Wappen davor zeigt.

Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt die Gräber im Jahr 1949.
Dieses Bild aus dem Stadtarchiv ist laut Aufschrift vom 16. Juli 1949, Fotograf Alfred Hopf. © Stadtarchiv Bad Hersfeld/Alfred Hopf

Interesse geweckt hat die Anfrage unserer Zeitung zu möglichen Informationen aber auch bei Viola Krause, Landesgeschäftsführerin der Kriegsgräberfürsorge. Sie hat eine günstige Gelegenheit genutzt und sich sogar gleich vor Ort ein Bild gemacht. Aus der kaum noch erkennbaren Inschrift hat sie die Satzteile „Hier ruhen Ukrainer, 1939-1945, Opfer des Krieges“ entziffert. Ob es sich tatsächlich um ein Denkmal handele oder einen Grabstein, das ließe sich aktuell aber nicht mit Sicherheit sagen.

Sie bestätigt indes, dass sich Zwangsarbeitergräber oft bewusst versteckt in hinteren Teilen von Friedhöfen befunden hätten, und ihr ist aufgefallen, dass es auf dem Bad Hersfelder Friedhof keine direkte Zuwegung mehr vom Soldatenfriedhof hoch zu den Zwangsarbeitergräbern gibt. Dass es früher eine Verbindung gab, daran erinnert sich auch Henner Göbel noch. Der Volksbund ist für Kriegsgräber im Inland eigentlich nicht direkt zuständig. „Allerdings beraten wir die verantwortlichen Kommunen, sofern wir darum gebeten werden“, erklärt Krause. „Bei offenkundigen Sanierungsfällen sollten und werden wir in der Regel einbezogen, insbesondere dann, wenn ein Antrag auf Bezuschussung beim zuständigen Regierungspräsidium gestellt wird.“ Die Regierungspräsidien sind für die Zuweisung der Pflegepauschale laut Gräbergesetz zuständig. „Wir selbst setzen uns immer dann mit den verantwortlichen Kommunen in Verbindung, wenn wir bei einem unserer Ortstermine Mängel an den Anlagen und Gräbern feststellen oder uns konkrete Beschwerden zum Zustand erreichen, sei es durch Förderer, aufmerksame Bürger oder Presseartikel“, so die Landesgeschäftsführerin. (Nadine Meier-Maaz)

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