Eine Nomadin mit Mission 

Hersfelder Festspiele: Schauspielerin Leena Alam kämpft in Afghanistan für Frauenrechte

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Eine geheimnisvolle Frau mit viel Mut und einem großen Herzen: Die afghanische Schauspielerin Leena Alam.

Bad Hersfeld. In ihrer Heimat Afghanistan kämpft die Schauspielerin Leena Alam für die Rechte von Frauen und Kindern. Bei den Festspielen spielt sie in Peer Gynt mit.

In ihrer afghanischen Heimat ist sie ein Star. Sie wird verehrt und gehasst. Denn die Schauspielerin Leena Alam bricht Tabus und kämpft für die Rechte von Frauen und Kindern. Bei den Bad Hersfelder Festspielen steht sie in der Rolle der Solveig in der Peer Gynt-Inszenierung von Robert Schuster auf der Bühne.

Heimat ist für Leena Alam nur ein Wort. Sie hat ein Haus in Kabul. Ihr Mann und ihr kleiner Sohn leben aber bei ihrer Schwester in Kalifornien. Leena Alam selbst ist viel unterwegs in der Welt. Zurzeit steht sie bei den Bad Hersfelder Festspielen auf der Bühne in der Stiftsruine. „Ich bin von nirgendwo“, sagt sie, „ich bin eine Nomadin“. Ihre Heimat wurde ihr früh entrissen. Das war 1989, als in Afghanistan Bomben explodierten und gekämpft wurde. Damals endete ihre Kindheit.

Leena Alam ist eine geheimnisvolle Frau. Sie will nicht sagen, wo sie geboren wurde oder wie alt sie ist. Denn Afghanistan ist tief gespalten. Es gibt viele Ethnien, Mehrheiten und Minderheiten, Sprachen, Religionen und vor allem Konflikte in dem Land am Hindukusch. „Aber ich will für alle Menschen in Afghanistan sprechen“, sagt sie wie zur Entschuldigung ihrer Verschwiegenheit.

Eine verlorene Kindheit 

Leena Alam stammt aus dem Nordwesten. Ihre Muttersprache ist Farsi. So viel verrät sie. Ihr Vater ist Ingenieur, ein gebildeter Mann, der in den USA studiert hat. Die Familie gehört zur Mittelklasse. Leena hat vier Schwestern und einen Bruder. Die Mutter ist früh gestorben, der Vater hat wieder geheiratet. Die Familie führt ein unbeschwertes Leben – bis die Bomben fallen.

„Mein Vater wollte nicht gehen, er liebt sein Land.“ Aber dann entschließt er sich doch, seine Familie im Ausland in Sicherheit zu bringen. „Wir haben Afghanistan nicht aus politischen Gründen verlassen, sondern allein aus Angst um unser Leben“, stellt Leena rückblickend klar. Die Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder gehen zu Verwandten nach Frankreich, Leena und ihre andere Schwester erhalten Visa für Indien. Die Mädchen sind da noch minderjährig.

Erst viel später darf auch der Vater ausreisen, über Tschechien in die USA. Die jüngste Tochter lässt er schweren Herzens bei der Oma zurück. Elf lange Jahre soll es dauern, bis die ganze Familie in Kalifornien endlich wieder vereint ist. Ein typisch afghanisches Schicksal.

Leben zwischen den Kulturen

Den „Clash of cultures“ verkrafte Leena gut. „Ich bin ohnehin eher in mich gekehrt.“ Mit dem „American Way of Life“ und den viel besungenen California Girls kommt sie klar, obwohl sie selbst den Körperkult Kaliforniens ablehnt.

 „Im Bikini habe ich mich nie wohlgefühlt, ich sehe Schönheit nicht in Körpern, sondern in den Augen, Herzen und Seelen“.

Trotzdem wird Leena Alam Model. Ihre Familie, vor allem ihre Schwestern, reden ihr gut zu, ein alter Freund bezahlt ihre Ausbildung an der renommierten Modelschule von John Casablanca, dem Gründer der Agentur Elite Models, in San Francisco. Außerdem tanzt sie. Leena liebt die anmutigen, indischen Tänze. Sie gewinnt Preise, wird bekannter. Es folgen erste Filmrollen in kleineren Produktionen von Exil-Afghanen. Schließlich klopft auch die amerikanische Filmindustrie an die Tür. Doch Leena lehnt ab. Sie mag keine Rollen, in denen sie viel Haut zeigen muss. „Ich hatte meine Chance in Amerika, aber ich wollte sie nicht. Vielleicht war es mir vorbestimmt, in Afghanistan Filme zu drehen.“

Leena Alam erzählt sehr emotional. Sie holt weit aus, beschreibt genau und untermalt ihre Worte mit den Händen, die dabei nie zur Ruhe kommen. Doch selbst wenn sie lächelt, bleibt da ein Rest von Melancholie in ihren Augen.

Leben im Land der Taliban

Sie liest viel über ihre verlorene Heimat. Noch während des Taliban-Regimes reist sie nach Kabul. Sie wohnt bei einem Onkel. „Ich erinnerte mich an einen stolzen, gebildeten Mann, einen Mathematiklehrer. Doch jetzt war mein Onkel ein verhärmter Greis mit langem Bart. Er lebte mit seiner Frau und den Kindern in einem Raum und verkaufte Kartoffeln auf dem Markt“, erinnert sich Leena Alam an ihren ersten Besuch.

In Kabul ist alles zerstört. „Die Stadt fühlte sich an wie ein großes, dunkles Grab, kein Strom, kein Licht, wenig Essen, nur die Taliban in ihren Datsun-Trucks.“ Leena ist verstört, wird krank. Und doch drängt sie ihren Onkel mit ihr zum Hinrichtungsgrund zu gehen, dorthin, wo die Taliban Hände abhacken und Menschen aufhängen. Sie will das Grauen, von dem die Welt nur vom Hören-Sagen weiß, mit eigenen Augen sehen – obwohl es sie krank macht.

Leena erlebt den grausamen religiösen Eifer der Taliban. Sie wird von den selbst ernannten Sittenwächtern verfolgt und entkommt ihren nur knapp. Sie muss miterleben, wie ein alter Mann der Minderheit der Hazara brutal verprügelt wird, sieht sogar geschundene Kinder. Doch anstatt wegzulaufen, beschließt Leena zu kämpfen. „Diese Erfahrungen haben mich erst recht bestärkt, nach Afghanistan zurückzukehren. Ich war wütend und beschämt. Warum bin ich so privilegiert? Was macht mich zu etwas Besserem als alle anderen Frauen und Kinder in diesem Land?“, fragt sie und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

Selbstmordanschlag im Jahr 2014 überlebt

Im Jahr 2007 löst Leena Alam ihr amerikanisches Bankkonto auf, verkauft alles und zieht endgültig nach Afghanistan. Seit 2001 tobt der Krieg gegen den Terror. Das Taliban-Regime ist inzwischen gestürzt worden. Hamid Karzai ist in den ersten freien Wahlen als Präsident bestimmt worden.

Leena Alam dreht Aufsehen – und Missfallen – erregende Filme. Mit Vorliebe spielt sie starke, emanzipierte Frauen, die die Tabus der konservativen afghanischen Männergesellschaft brechen. Und sie nutzt ihre Popularität, um auch jenseits der Leinwand, die weitverbreitete Gewalt gegen Frauen und ihre Unterdrückung anzuprangern. Viele bewundern sie dafür, doch sie erhält auch Todesdrohungen.

Am 11. Dezember 2014 überlebt Leena Alam einen Selbstmordanschlag. Ein 17-jähriger Afghane sprengt sich im französischen Kulturzentrum in Kabul in die Luft. Diese Geschichte wird in dem Dokumentarfilm „True Warriors“ mit Leena Alam erzählt, der auch in deutschen Kinos läuft. Er ist von den deutschen Regisseuren Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seibel, die selbst eine Zeit lang in Kabul gelebt haben.

Vier Jahre nach dem Selbstmordanschlag schreibt Leena Alam auf Facebook: "Vier Jahre nach der Explosion in der Nähe des französischen Kulturzentrums in Kabul sind wir stärker und entschlossener denn je! Sie dachten, sie könnten uns und unsere Hoffnungen und Träume, unsere Kunst und Überzeugungen töten. Aber womit sie nicht gerechnet haben ist, dass ihr brutaler Angriff uns nur noch näher zusammengebracht und uns noch stärker gemacht hat."

Sorge über ungewisse Zukunft

Die zunehmende Gewalt in Afghanistan macht Leena Alam Sorgen. Sie ist inzwischen mit einem Afghanen verheiratet. Beide haben einen kleinen Sohn. Als vor einem Jahr vor der Deutschen Botschaft in Kabul eine Bombe detoniert und 160 Menschen in den Tod reißt, wird ihr klar: „Ich habe nicht das Recht, meinen Sohn diesen Gefahren auszusetzen. Ich will ihn nicht opfern für meine Überzeugungen.“ Leena zieht mit Mann und Sohn zu ihrer Schwester nach Kalifornien. Hier ist ihr Sohn in Sicherheit. Der Vater ist bei ihm, während sie in Bad Hersfeld auf der Bühne steht und weiter für die Frauen in ihrer Heimat kämpft.

Leena Alam ist eine Wanderin zwischen den Welten. Rein rechtlich besitzt sie zwei Staatsbürgerschaften. „Der Mehrheit der Afghanen bin ich aber nicht afghanisch genug, weil ich Schauspielerin bin, mein Haar nicht bedecke und meinen Körper nicht genug verhülle. Aber ich bin auch nicht weiß genug für den Westen.“ Leena Alam ist eine Frau ohne Heimat, aber sie hat ein großes Herz. Sie ist eine Nomadin mit einer Mission.

Leena Alam im Interview: „Meine Sprache ist die Kunst“

Kai A. Struthoff traf Leena Alam im Bad Hersfelder Kurpark zum Interview:

Frau Alam, Sie kommen aus Afghanistan, spielen im Stück eines norwegischen Autors in einer romanischen Kirchenruine in einer hessischen Kleinstadt. Fühlen Sie sich nicht verloren zwischen den Welten?

Zierliche Frau mit sehr viel Mut: Die afghanische Schauspielerin Leena Alam im Kurpark von Bad Hersfeld.

Leena Alam: Nein, es ist wunderbar. Ich habe schon mit vielen großartigen Künstlern gearbeitet, aber dieser Peer Gynt ist eine der außergewöhnlichsten und wertvollsten Erfahrung meines Lebens. Ich bin Regisseur Robert Schuster so dankbar, dass er dieses Risiko eingegangen ist, mich zu besetzen. Er hat ein Tabu gebrochen, denn normalerweise sieht man keine afghanischen Schauspieler in solchen Klassikern.

In Deutschland sind Sie noch nicht so bekannt, obwohl Ihr jüngster Film „True Warrior“ auch hier in Kinos läuft. Wie begegnen Ihnen die Menschen?

Alam: Die meisten sind sehr interessiert daran, von mir zu hören, wie es um die politische Lage und vor allem die Lage der Frauen in Afghanistan bestellt ist. Alle Menschen sind sehr freundlich und offen.

Das ist schön, denn Sie kommen ja mitten in einer turbulenten Zeit zu uns. Es gibt hier auch viele afghanische Flüchtlingen, und die sind nicht bei jedem willkommen.

Alam: Afghanistan hat 40 Jahre unter Kriegen gelitten. Es fehlt an Bildung, an Gesundheitsvorsorge, aber vor allem fehlt es an Sicherheit. Deshalb flüchten so viele Menschen. Warum würde jemand sonst seine Heimat verlassen? Ich habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen. Sie wollen nur in Frieden leben. Nur ein Beispiel: Einige Tage vor der Premiere hat mir ein Familienmitglied noch alles Gute gewünscht. Nur Stunden später ist er bei einem Selbstmordanschlag in Dschalalabad getötet worden. Davon berichten die Medien hier nicht einmal mehr. Wer aus Afghanistan flieht, hat Angst um sein Leben.

Aber verstehen Sie nicht auch, dass viele Menschen wütend sind, wenn eben jene afghanischen Flüchtlinge hier Straftaten begehen und, wie im Fall der Freiburger Studentin Maria, sogar junge Frauen vergewaltigen und töten?

Alam: Natürlich verstehe ich die Wut, und ich trauere mit den Angehörigen. Ich habe mein halbes Leben lang meine Stimme gegen Gewalt, vor allem gegen Frauen erhoben. Auch wenn diese jungen Männer selbst schlimme Erfahrungen gemacht haben sollten: Ihre Taten sind durch nichts zu entschuldigen und zu rechtfertigen.

Liegt dieses Verhalten am allgemeinen Frauenbild in derart männerdominierten Gesellschaften wie in Afghanistan?

Alam: Es ist schlimm, das zu sagen, aber zumindest in der afghanischen Gesellschaft sind Frauen Menschen zweiter Klasse. Aber kein Mann, egal von wo er kommt, hat das Recht, einer Frau seinen Willen aufzuzwingen. In Deutschland ist die Gesellschaft offener. Frauen tragen kurze Röcke, enge Hosen, kein Kopftuch. Manche afghanische Männer missverstehen das als Einladung. Aber das ist natürlich völlig falsch und kann nicht toleriert werden.

Aber es sind doch nicht alle Männer so, weder in Afghanistan noch hier?

Alam: In jeder Gesellschaft gibt es gute und schlechte Menschen. Aber leider behandeln Männer in Afghanistan Frauen meistens nicht wie gleichberechtigte. In westlichen Gesellschaften fällt ein solches Verhalten mehr auf als in Afghanistan. Acht von zehn Frauen in Afghanistan sind mindestens einmal in ihrem Leben missbraucht worden – entweder körperlich, sexuell, emotional oder verbal.

Können denn Ihre Filme dieses Frauenbild verändern?

Alam: Sie schaffen vielleicht ein anderes Bewusstsein für die Probleme. Viele Frauen identifizieren sich mit den Rollen, die ich spiele. Sogar manche Männer und Jungen schreiben mir, dass es ihren Müttern ähnlich ergangen sei. Aber ich bekomme auch viel Kritik, denn ich breche Tabus in einem sehr konservativen Land. Die Mullahs sprechen Fatwas gegen mich aus, ich bekomme Mord- oder Bombendrohungen, unser Filmset wird zerstört. Vielleicht verändern meine Filme auch gar nichts. Aber für mich sind sie das einzige Mittel, mich zu artikulieren. Denn meine Sprache ist die Kunst.

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und selbst die einzelnen Ethnien bekriegen sich untereinander. Wie realistisch ist es, dass dieses Land jemals vereint und befriedet wird?

Alam: Ich glaube daran, denn nur, wenn sich alle vereinen, kann das gelingen. Doch die Warlords und die lokalen Anführer und Politiker verfolgen ihre eigenen Ziele. Nur wenn alle mit einer Stimme sprechen, kann die Einheit gelingen.

Stört aber nicht die Präsenz von ausländischen Truppen, speziell der US-Soldaten diesen Einigungsprozess?

Alam: Ich fürchte, wenn die ausländischen Truppen abziehen, würde sich die Lage verschlechtern. So wie damals nach dem Abzug der Russen im Jahr 1989. Aber auch in Afghanistan wünschen sich viele den Abzug der ausländischen Soldaten. Dennoch habe ich Angst davor, was ohne die Truppenpräsenz passieren würde.

Haben Sie noch Hoffnung für Afghanistans Zukunft?

Alam: (denkt lange nach, ringt dann mit den Worten) Ich wünschte, ich könnte darauf eine hoffnungsvolle Antwort geben. Aber ich will nicht lügen. Die Sicherheitslage wird immer schlimmer. Ich hatte gehofft, dass es mit der neuen Regierung unter Aschraf Ghani besser würde. Aber es gibt immer noch so viel Korruption, Chaos, es geht einfach nicht voran. Immer noch werden Frauen am helllichten Tage geschändet und ermordet von hunderten von Männer, mitten im Botschaftsviertel. Und niemand schreitet ein. Deshalb hoffe ich, – als Frau, als Mensch – dass gerade die Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte Verständnis für die Lage der Menschen in meiner Heimat haben.

Peer Gynt läuft noch bis zu 1. September

Bei den Bad Hersfelder Festspielen spielt Leena Alam die Rolle der Solveig in Robert Schusters viel diskutierter Inszenierung von Henrik Ibsens Peer Gynt. Sie ist eine geheimnisvolle Fremde und die große Liebe von Peer Gynt, dem sie durch Höhen und Tiefen die Treue hält. Im Stück singt Leena Alam „Solveigs Lied“ auf Farsi. Peer Gynt wird noch bis zum 1. September in Bad Hersfeld aufgeführt. Es gibt noch Karten. Karten und Infos: www. bad-hersfelder-festspiele.de

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