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Heute geht es ums Neu-Erfinden: Dekan Frank Hofmann über Reformation und Halloween

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Von: Laura Hellwig

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Vor dem Dekanatsbüro: Der Lutherweg, ein Pilgerweg, verläuft auch durch Bad Hersfeld. Über die Errungenschaften der Reformationszeit spricht Dr. Frank Hofmann im Interview.
Vor dem Dekanatsbüro: Der Lutherweg, ein Pilgerweg, verläuft auch durch Bad Hersfeld. Über die Errungenschaften der Reformationszeit spricht Dr. Frank Hofmann im Interview. © Laura Hellwig

Über die Errungenschaften der Reformationszeit spricht Dr. Frank Hofmann, Dekan des evangelischen Kirchenkreises Hersfeld-Rotenburg im Montagsinterview.

Hersfeld-Rotenburg – Heute, am 31. Oktober, ist der 505. Jahrestag der Reformation. Außerdem erfreut sich das Fest Halloween seit einigen Jahren auch in unserer Region immer größerer Beliebtheit bei Kindern und Jugendlichen. Über die Hintergründe der beiden Feste sprach Laura Hellwig mit Dekan Dr. Frank Hofmann.

Herr Hofmann, heute ist Reformationstag und Halloween. Wie gestalten Sie diesen Tag?

Ich gehe ganz normal zur Arbeit und habe alle möglichen Termine. Am Abend bin ich zusammen mit Kollegen in Seifertshausen im Reformationsgottesdienst für den Kooperationsraum Rotenburg-Alheim.

Warum ist der Reformationstag in Hessen eigentlich kein Feiertag, in Thüringen aber zum Beispiel schon?

Ich vermute, Thüringen hat sich dazu entschlossen, die regional-geschichtlichen Gesichtspunkte zu würdigen, auch wenn sie nicht direkt etwas mit dem 31. Oktober zu tun haben. In Thüringen liegt der Geburts- und Sterbeort von Luther und prägend ist auch die Wartburg-Zeit 1521/22.

Vor 505 Jahren soll Martin Luther seine 95 Thesen an der Kirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Wo in unserem Alltag können wir heute noch die Folgen davon wahrnehmen?

Dass sich das Reformationsgedenken auf den 31. Oktober fixiert, ist eine spätere Entwicklung. Was von der Ablass-Diskussion heute noch zu spüren ist, das dürfte minimal sein. Die entscheidenden Faktoren sind für mich die Dinge, die in der Reformationsgeschichte später folgten. Zu nennen ist hier etwa die Bibelübersetzung, die einen wesentlichen Beitrag zur Vereinheitlichung der deutschen Sprache geleistet hat. Im großen Zusammenhang, im Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit, ist dann auch die Entdeckung des Individuums als religiöses Subjekt, also die reformatorische Kritik am hierarchischen Denken der mittelalterlichen Kirche, bedeutend. Das sind geistesgeschichtliche Entwicklungen aus der Reformation, die für mich prägend sind.

Bei all den Krisen, die heute unser Leben bestimmen, braucht es da mal wieder einen Vorreiter, wie Luther es war?

Dieses Bild des kleinen Mönchs, der mit Hammerschlägen an der Kirchentür die mittelalterliche Welt zum Einstürzen bringt, ist ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts. Das war für Luther nicht selbstverständlich. Ich glaube, im Rückblick ist die Gestalt Luthers schon eine Führergestalt. Dass er aber ein großer Teamworker war und vieles im gemeinsamen Diskurs der Wittenberger Universität entstanden ist, ist heute nicht so klar. Leute, die heute eine Führergestalt für sich beanspruchen, gibt es ja genügend. Aber sind solche Menschen wie Trump oder Putin die, die wir haben wollen? Was solche Führergestalten heute angeht, bin ich skeptisch. Die Frage ist eher die: Was stärkt den Einzelnen, was sind die eigenen Kraftquellen, die eigene Spiritualität, und was erwächst daraus für das Gemeinsame. Ich würde eher in diese Richtung gehen und nicht auf irgendwelche Führergestalten vertrauen.

Ist es nach über 500 Jahren wieder mal Zeit für eine Reformation?

Man sollte sich fragen, welche Gestalt eine Kirche in einer ausdifferenzierten Gesellschaft hat. Organisatorisch sind wir noch tief in früheren Jahrhunderten verwurzelt: Es gibt einen einzigen Ort für jeden und alles, von Taufe bis Beerdigung. Seit Jahren ist aber klar, dass die Menschen so nicht mehr ticken. Das Prinzip, dass es ein Angebot gibt, das für alle passt, funktioniert schon lange nicht mehr. Also ja, eine Reformation braucht es immer. Angetrieben durch die Pandemie geht es heute aber um das Neu-Erfinden. Zum Beispiel neue Formate für den traditionellen Sonntags-Gottesdienst oder Amtshandlungen wie die Taufe finden. Da braucht es auch mal Mut zum Risiko, etwas auszuprobieren, das vor die Wand fährt.

Reformationstag und Halloween fallen auf denselben Tag. Wo sehen Sie verbindende Elemente zwischen den beiden Fest-Tagen?

Natürlich kann man die Geschichte des Festes betrachten und in der Historie nach Spuren suchen. Hinter Halloween steckt eine Legende, die mit dem katholischen Allerseelen-Fest zusammenhängt. Da kann man sicher etwas konstruieren. In Deutschland hat das Halloween-Fest Anfang der 1990er Jahre Fuß gefasst, als im Zuge des Irak-Kriegs die Karnevalsumzüge ausgefallen sind. Um die vollen Lager mit Süßwaren und Kostümen leer zu machen und Profit zu generieren, ist man auf den Halloween-Zug aufgesprungen.

Finden Sie, dass Halloween eine Konkurrenz-Veranstaltung zum Reformationstag ist?

Bei den Festen handelt es sich um unterschiedliche Zielgruppen, deshalb denke ich eher nicht.

Halloween wird vor allem auch durch Kommerz, durch Kürbis- und Grusel-Deko, vorangetrieben. Wie stehen Sie dazu, haben Sie auch einen geschnitzten Kürbis vor der Haustür?

(lacht) Nein, ich habe Kürbisse nur in der Küche, um sie fürs Essen zuzubereiten. Das Schnitzen von Kürbissen ist vermutlich jahreszeitlich bedingt. Als Kinder haben wir das früher mit Dickwurz gemacht, das baut heute nur niemand mehr an. Gruseln und Verkleiden sind eben bei Kindern beliebt. Und was sich kommerzialisieren lässt, wird kommerzialisiert. Das bedient einfach die Grundbedürfnisse von gewissen Zielgruppen.

Zum Abschluss: Süßes oder Saures?

Für Süßigkeiten bin ich zu haben (lacht).

Interview: Laura Hellwig

Zur Person

Dr. Frank Hofmann (57) hat in Oberursel und Tübingen evangelische Theologie studiert. Seit 2020 ist Hofmann Dekan des Kirchenkreises Hersfeld-Rotenburg. Vor der Fusion war er – ab 2014 – Dekan des Kirchenkreises Hersfeld. Hofmann ist außerdem als Gemeinde- und Organisationsberater sowie Coach am „Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision (IPOS) der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau tätig. Er lebt mit seiner Ehefrau im Bad Hersfelder Stadtteil Johannesberg und hat zwei erwachsene Kinder. 

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