„Der schönste Beruf der Welt“

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg droht ein Mangel an Tierärzten

Die Tierärztinnen Antje Fey-Spengler (links im Bild) und Maike Finok von der Tierarztpraxis Hof Wehneberg in Bad Hersfeld mit einem tierischen Patienten.
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Sind fast Tag und Nacht für ihre tierischen Patienten da: Die Tierärztinnen Antje Fey-Spengler (links im Bild) und Maike Finok von der Tierarztpraxis Hof Wehneberg in Bad Hersfeld.

Vor drei Jahren hat die Landestierärztekammer Hessen vor einem Mangel an Tierärzten für Groß- und Nutztiere gewarnt. Im Kreis Hersfeld-Rotenburg hat sich die Lage seitdem nicht verbessert.

Hersfeld-Rotenburg - Thomas Berge, der Fachdienstleiter Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Landkreis geht deshalb weiterhin davon aus, dass die tiermedizinische Versorgung im Bereich Groß- und Nutztiere (ohne Pferde) gefährdet ist, wenn sich der Trend in den kommenden vier bis fünf Jahren weiter verschärft. „Der Mangel wird uns drohen“, befürchtet Berge. In anderen Landkreisen bestehe das Problem bereits.

Aktuell gebe es noch rund 20 Tierärzte beziehungsweise Tierärztinnen, die landwirtschaftliche Nutztiere im Kreis Hersfeld-Rotenburg betreuen, der Großteil komme jedoch aus Nachbarkreisen und von weiter her. Von Jahr zu Jahr vergrößern sich laut Berge die Gebiete, in denen Praxen ihre Kunden haben, was längere Anfahrtswege zur Folge habe. Das sei nicht nur in Notfällen, wie sie bei Kuhgeburten oft vorkämen, problematisch, sondern mache auch die Arbeit nicht gerade attraktiver. Schon jetzt interessiere sich nur ein geringer Teil der inzwischen überwiegend weiblichen Tiermedizinstudenten für Nutz- und Großtiere in der Landwirtschaft. Eine Lösung sieht Berge in der Platzvergabe, wenn diese nicht allein vom Abi-Schnitt abhänge.

Allerdings müsse man mit Blick auf eine drohende Versorgungslücke auch den Strukturwandel in der Landwirtschaft bedenken – mit weniger, dafür größeren Betrieben, in denen heute jeder Vollerwerbslandwirt selbst Spritzen zur Nachbehandlung geben könne. Bei Schweinen und Geflügel gebe es darüber hinaus seltener Notfälle und oft hätten diese Spezialtierärzte von weit her.

Einen Mangel gibt es auch bei den Kleintieren noch nicht, jedoch stoßen viele Tierärzte dort ebenso an ihre Grenzen. Das Personal sei knapp und seit Coronabeginn würden vermehrt Haustiere angeschafft.

Nicht nur die Wege zu erkrankten Kühen werden länger, auch für Herrchen und Frauchen kann der Weg zum nächsten Tierarzt mitunter ein weiter sein, wenn es dem Hund, der Katze oder dem Kaninchen nicht gut geht.

Oft fehlen Nachfolger

Sabrina Hendel-Werner, Tierärztin und Inhaberin der Praxis am Dreienberg in Friedewald, behandelt Kleintiere aus dem gesamten Werratal, aber auch aus Bebra, Ronshausen, Nentershausen und Bad Hersfeld. „Der Grundbedarf ist gedeckt, aber oft fehlen Nachfolger“, sagt die 38-Jährige, die sich 2019 selbstständig gemacht und den Sitz eines Kollegen übernommen hat. Zu ihrem Team gehört eine weitere Ärztin und eine dritte wäre durchaus erwünscht. „Aber für kleine Praxen auf dem Land ist es besonders schwer, gut ausgebildetes Personal zu finden“, hat sie festgestellt.

Das bestätigt auch Antje Fey-Spengler, Inhaberin der Tierarztpraxis Hof Wehneberg in Bad Hersfeld, in der mittlerweile ebenfalls mehrere Tierärztinnen praktizieren. Rund 200 Stellenangeboten stehen fünf Gesuche gegenüber zeigt sie in einem Fachmagazin. Dass Einzelkämpfer in der Branche selten geworden seien, liege indes nicht nur am fordernden Arbeitsalltag mit Nacht- und Wochenendiensten und mehr Kunden, schätzt sie. Mit steigenden Ansprüchen und dem heutigen Stellenwert von Haustieren, würden auch immer modernere Geräte in den Praxen erwartet und diese seien sehr teuer.

Von einem Praktikermangel spricht Dr. Dennis Lang von der Kleintierpraxis Kirchheim, die er gemeinsam mit Dr. Susanne Schuster betreibt. Beide haben ebenfalls noch eine angestellte Kollegin. „Es gibt genug Tierärzte, aber nur wenige gehen in die Praxis“, so Lang. „Die Arbeitszeiten muss man mögen.“ Um die Notdienste aufrecht erhalten und auf mehrere Schultern verteilen zu können, hat er vor einigen Jahren einen „Notdienst-Ring“ ins Leben gerufen, in dem auch Hendel-Werner organisiert ist. Was Lang ärgert, ist, dass viele Tierkliniken mittlerweile keine Notdienste mehr anböten. Das sei mit der Berufsordnung eigentlich nicht vereinbar, doch es gebe Schlupflöcher. Die nächsten Tierkliniken gibt es in Fulda, Kauffungen und Gießen.

Notdienstgebühr in Höhe von 50 Euro

Seit Mitte Februar 2020 gilt übrigens eine Notdienstgebühr in Höhe von 50 Euro, außerdem können zu Notdienstzeiten höhere Gebühren für tierärztliche Leistungen abgerechnet werden. Das soll laut Lang zwar in erster Linie eine bessere Bezahlung der Mitarbeiter ermöglichen, wirke sich aber auch auf die Inanspruchnahme der Notdienste aus, wie auch andere Kollegen festgestellt haben. Der eine oder andere überlege etwa bei einem Zeckenbiss oder Durchfall zweimal, ob er am späten Abend noch den Tierarzt aufsucht oder erst am nächsten Morgen. Das gelte allerdings nur für diejenigen, die aufs Geld schauen müssten, so Lang.

Was die eigentliche Arbeit zunehmend erschwere, sei darüber hinaus die Bürokratie. „Der Aufwand wird jedes Jahr mehr“, sagt der Tierarzt, der mittlerweile einer von wenigen Männern in dem Beruf im Umkreis sei. Aufnahmestopp herrscht derzeit in der Tierarztpraxis Brandau in Alheim-Baumbach, das heißt, es werden keine „Neukunden“ vor allem von außerhalb mehr angenommen. Man spüre deutlich, dass in Rotenburg zuletzt zwei Praxen geschlossen hätten. Zudem hätten sich seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Menschen Haustiere zugelegt. Das bestätigen so auch die anderen befragten Tierärzte.

Tierärztin Silvia Nattermüller vor ihrem Auto mit Medikamenten und medizinischen Geräten.

Silvia Nattermüller aus Niedergude ist eine von wenigen Landtierärztinnen. Die 45-Jährige behandelt vorwiegend Rinder, vereinzelt auch Schweine, Schafe und Ziegen. Kollegen, mit denen sie sich beim Not- oder Nachtdienst abwechseln könnte, habe sie nicht, und auch Urlaub sei ohne Vertretung schwierig. „Die Betriebe werden weniger, aber die Wege weiter“, bekräftig sie die Aussagen von Dr. Thomas Berge, dem Leiter des Fachdienstes Veterinärwesen beim Landkreis. Dass einige ältere Kollegen kurz vor dem Ruhestand stünden, mache die Situation nicht besser.

Laut Landestierärztekammer sind aktuell 15 praktizierende Tierärzte im Kreis gemeldet, konkretere Angaben etwa zum Durchschnittsalter oder zur Spezialisierung gibt es dort jedoch nicht. Die Bundestierärztekammer verfügt über mehr Daten, jedoch nur auf Länderebene, nicht auf Kreisebene.

Für Dennis Lang aus Kirchheim ist sein Job trotz aller Widrigkeiten „der schönste der Welt“, ähnlich äußert sich Silvia Nattermüller. Und auch die anderen eint die Leidenschaft für ihren Beruf. Sabrina Hendel-Werner wusste schon mit sieben Jahren, dass sie Tierärztin werden will. Antje Fey-Spengler wurde der Beruf sprichwörtlich in die Wiege gelegt, und zumindest bei ihr scheint auch die Nachfolge gesichtert, denn ihre Tochter ist ebenfalls Tierärztin. (Nadine Meier-Maaz)

369 Tierärzte und 586 Tierärztinnen in Hessen

Insgesamt 955 niedergelassene Tierärzte gab es Ende 2020 laut der Bundestierärztekammer in Hessen, davon waren 586 weiblich. Im Jahr 2002 war das Verhältnis noch ein anderes. Damals waren von 781 Tierärzten 339 weiblich. Der Großteil der niedergelassenen Veterinäre behandelt Kleintiere. 607 von 955 waren es zuletzt. 100 waren auf Pferde spezialisiert, 20 auf Nutztiere. Ein Jahr zuvor gab es noch 26 Nutztierärzte, 2010 waren es sogar noch 53. Gestiegen ist indes die Zahl der Gemeinschaftspraxen – 2010 gab es 154, 2020 dann 170. (nm)

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