60 Jahre Anwerbeabkommen

In der vierten Generation: Türken tief in Bad Hersfeld verwurzelt

Türken aus vier Generationen auf dem roten Sofa der HZ: Eren Cenik und Müslüm Kurt (hinten von links), Gülnida Unal und Özgül Berkay (vorne von links).
+
Türken aus vier Generationen auf dem roten Sofa der HZ: Eren Cenik und Müslüm Kurt (hinten von links), Gülnida Unal und Özgül Berkay (vorne von links).

Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählen Türken aus vier Generationen über ihre Erfahrungen.

Bad Hersfeld – Müslüm Kurt war 22 Jahre, als er im Jahr 1968 nach Deutschland kam und er war sehr aufgeregt, erinnert er sich. Immerhin war er nicht allein. Sein Bruder lebte schon in Oberaula und arbeitete im Betonwerk Völker. Weil dort noch Arbeitskräfte gesucht wurden, holte er den jüngeren Bruder, Mutter und Geschwister nach. Drei Tage war Kurt mit dem Zug unterwegs.

Der Mann, der blieb

Das erste halbe Jahr sei schwierig gewesen, so ganz ohne Deutschkenntnisse, erzählt Kurt. Doch er sei gut aufgenommen worden und habe sehr gute Kollegen gehabt, sagt er. „Fünf oder sechs Freunde waren wie Geschwister für mich.“ Ablehnung oder Rassismus habe er nie erfahren, betont der inzwischen 75-jährige Rentner.

Dennoch blieb er nur ein paar Jahre in Oberaula. Bei Hoechst in Bad Hersfeld boten sich bessere Perspektiven für ihn, also wechselte er die Stelle, nachdem er einen Aufnahmetest bestanden hatte.

Wie fast alle türkischen Gastarbeiter hatte auch Müslüm Kurt vor, in Deutschland gut Geld zu verdienen und dann wieder in die Türkei zurückzugehen. „Doch wir haben festgestellt, dass es in Deutschland besser ist. Deshalb sind wir geblieben.“ Wie die meisten jungen, ledigen Arbeitskräfte holte Kurt seine Frau aus der Türkei nach Deutschland. In der Familie habe das richtig Stress gegeben. Wozu er denn seine Frau mitnehmen wolle, er käme doch bald wieder nach Hause, sei er gefragt worden. Doch Müslüm Kurt setzte sich durch und lebt noch immer mit seiner Frau in Bad Hersfeld.Viele Frauen seien aber wieder in die Türkei zurückgekehrt, während der Mann in Deutschland blieb und Geld verdiente, weiß Kurt.

Im Laufe der Jahre sei fast das ganze anatolische Dorf, aus dem er stammt, nach Deutschland ausgewandert. In Zentranatolien gebe es in jeder Familie Bezüge nach Deutschland, ergänzt Aysegül Tas-Dogan, die das Treffen organisiert hat.Der Kontakt in die alte Heimat ist nie abgerissen. Einmal im Jahr fährt Kurt, wenn es möglich ist, in die Türkei. Dort hat er ein Haus in Antalya. „Dort bleiben wir aber nicht so lange. Wir wollen immer wieder zurück nach Deutschland“, sagt er. Fühlt er sich inzwischen mehr als Deutscher oder mehr als Türke? Müslüm Kurt muss nicht lange nachdenken: „Als Deutscher“, sagt er.

Das Gastarbeiterkind

Özgül Berkay fühlt sich in beiden Kulturen zuhause. Sie wurde 1973 als Tochter eines Gastarbeiters in Stadtallendorf geboren. Ihr Vater sei 1966 nach Deutschland gekommen, erzählt sie. Dessen Familie sei nach dem Tod des Vaters praktisch mittellos gewesen. Da habe der einzige Sohn nach Deutschland gehen und Geld verdienen müssen. In ihrer Familie sei es immer Thema gewesen, wieder in die Türkei zurückzugehen. Der Kauf eines Grundstücks oder Hauses habe lange die Gespräche bestimmt. „Inzwischen verkaufen viele Türken ihre Immobilien in der Türkei, um das Geld in Deutschland zu investieren“, erzählt sie. Wenn Özgül Berkay an ihre Jugend in Stadtallendorf denkt, erinnert sie sich nicht an Ablehnung, weil sie anders war, als die deutschen Jugendlichen. Das ihre Freundinnen mehr Freiheiten hatten als sie, hat sie problemlos hingenommen. Grundsätzlich seien ihre Eltern aber nicht besonders streng gewesen, betont Berkay. Sie hätten sogar einen deutschen Ehemann akzeptiert, auch wenn sie sich einen Türken als Partner für ihre Tochter wünschten.

Bei einem Besuch in der Türkei lernte Özgül Berkay dann den Mann fürs Leben kennten und machte ihm schnell klar, dass für sie nur eine gemeinsame Zukunft in Deutschland in Frage komme. Als Vorteil empfindet sie, dass es damals noch Türkischunterricht in den Schulen gab. „Ich bin zweisprachig aufgewachsen“, sagt sie. Ihre Kinder sprächen dagegen viel besser deutsch als türkisch. Gekocht wird bei Berkays sowohl türkisch als auch deutsch. Gerade ihre Kinder liebten deutsches Essen, erzählt Berkay.

Mit einer gewissen Sorge beobachtet sie, wie auch Tas-Dogan, dass sich das Leben der Türken in Deutschland in den vergangenen Jahren verändert hat. Der Einfluss des türkischen Staates und der Religion werde stärker, es gebe weniger Offenheit und Toleranz.

Die erste Generation der Türken in Deutschland habe nur wenige Informationen aus der alten Heimat erhalten und sich auch beim Fernsehen an deutschen Programmen orientiert. „Die großen Showmaster wie Peter Frankenfeld, Rudi Carell oder Thomas Gottschalk haben meine Eltern bewundert“, erzählt Berkay. Eine Viertelstunde türkisches Fernsehen pro Woche sei aber für sie ein Höhepunkt gewesen. Heute könne dagegen jeder rund um die Uhr türkische Programme empfangen.

Für Özgül Berkay stellte sich irgendwann in ihrer Jugend die Frage nach ihrer Identität. Wollte sie als Türkin oder Deutsche leben? Sie entschied sich, zurück in die Türkei zu gehen, lebte dort zwei Jahre in einem Internat für Kinder von Heimkehrern. Schließlich zog die ganze Familie wieder in die Türkei, nachdem sie all ihr Hab und Gut in Deutschland verkauft hatte. „Das ging nicht lange gut,“ erinnert sich Berkay. Das Leben auf Dauer in der Türkei sei dann doch nicht so gut gewesen, wie es sich während kurzer Aufenthalte darstellte. Defizite, zum Beispiel bei der medizinischen Versorgung, erhielten größeres Gewicht. Nach zwei Jahren zog die ganze Familie wieder nach Deutschland und fing noch einmal von vorne an.

Die Vorstellung von einem besseren Leben in der Türkei hätten ganz viele türkischstämmige Jugendliche, sagt Aysegül Tas-Dogan. Auch sie selbst habe das eine Zeit lang gedacht und beobachte das auch bei ihren Kindern, die sie immer wieder ermutigt, beide Welten kritisch zu hinterfragen.

Die Gymnasiastin

Das hat Gülnida Unal getan. Die 13-Jährige gehört zur vierten Generation von Türken in Deutschland. Ihr Urgroßvater ist damals eingewandert. Sie fährt gerne in die Türkei, empfindet sie als Heimat und hat sich einige Zeit lang gewünscht, dauerhaft dort zu leben. Doch beim letzten Besuch fielen ihr Umweltprobleme auf, der viele Müll, der in der Natur liegt, der schlechte Zustand der Straßen. Das weckte dann doch Zweifel daran, ob dort alles so gut ist, wie sie dachte.

Dass auch das Leben in Deutschland nicht ohne Probleme ist, hat Gülnida Unal ebenfalls schon mehrfach erfahren. Vermeintlich um Schüler aus türkischen Familien vor Überforderung zu schützen, werden sie oft mit Blick auf ihre schulische Laufbahn schlechter eingestuft, als es ihren Leistungen entspricht. Gülnida hat das in der vierten Klasse erlebt, als sie nur eine Realschulempfehlung bekam, obwohl sie fast durchweg gute Noten hatte. Ihre Eltern hätten dann darauf bestanden, dass sie den Gymnasialzweig besucht und da komme sie bisher gut zurecht, erzählt die 13-Jährige.

Der Heimatverbundene

Diese Erfahrung hat auch Eren Cenik gemacht, dessen Großvater in den 1960ern nach Deutschland kam. Er hat auch Lehrkräfte erlebt, die ihn bewusst benachteiligt haben, weil er Türke ist.Inzwischen ist der 33-Jährige Radiologe und überlegt nun, wo er in Zukunft leben und arbeiten will, wo er die besten Lebensbedingungen hat. Die Türkei ist eine Option für ihn, obwohl er sehr an Bad Hersfeld hängt und die Stadt als seine Heimat empfindet.

Große Konflikte hat auch er nie erlebt. Vor allem im Sportverein sei er selbstverständlich Teil der Mannschaft gewesen, erinnert er sich. Er hat aber erlebt, dass er öfter ohne Anlass von der Polizei kontrolliert wurde als andere junge Männer, die nicht offensichtlich südländisch aussehen.Bei einer Sache sind sich übrigens alle Gesprächspartner einig: Die Familie hat für Türken, auch für die Jugendlichen, einen enorm hohen Stellenwert, viel höher, als sie das bei Deutschen erleben. Und so werden auch strengere Regeln eher akzeptiert, als das bei deutschen Jugendlichen der Fall ist.

Heute bilden Menschen mit türkischer Herkunft eine der größten ethnischen Minderheiten in Deutschland. Das Zusammenleben, auch da sind sich alle einig, kann nur funktionieren mit Toleranz und Akzeptanz der jeweiligen Vorstellungen und wenn man miteinander redet anstatt übereinander. Dass das in jüngster Zeit weniger passiert, nehmen viele Deutsche und Türken mit Bedauern wahr.

1961: Anwerbeabkommen mit der Türkei

Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei wurde am 30. Oktober 1961 in Bad Godesberg unterzeichnet und regelte den Zuzug von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland. Vergleichbare Abkommen gab es vorher bereits mit Italien, Spanien und Griechenland und später auch mit anderen Ländern. Die angeworbenen Arbeiter wurden in Deutschland als „Gastarbeiter“ bezeichnet. Bis zum Anwerbestopp 1973 reisten insgesamt 867 000 türkische Gastarbeiter in die Bundesrepublik Deutschland, rund 500 000 kehrten wieder zurück in die Türkei. Der starke wirtschaftliche Aufschwung und gleichzeitig der Verlust von Millionen jungen Männern durch den Zweiten Weltkrieg hatte in den 1950er Jahren zu einem massiven Arbeitskräftemangel in Deutschland geführt, dem durch die Anwerbung von Arbeitskräften aus anderen Ländern begegnet wurde.
(Quelle: Bundeszentrale für politische Aufklärung/Wikipedia)

(Christine Zacharias)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.