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„Das Festspiel-Fieber brennt diesmal noch stärker“

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Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, vor der Stiftsruine.
Er will im Theater auch über unsere gemeinsamen Werte reden: Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, vor der Stiftsruine. © Steffen Sennewald

Seit zwei Wochen laufen die Proben für die 71. Bad Hersfelder Festspiele. Über die neue Spielzeit sprach Kai A. Struthoff mit Festspiel-Intendant Joern Hinkel.

Herr Hinkel, wie schwierig war es angesichts der immer noch bestehenden Corona-Unwägbarkeiten, Festspiele zu planen?

Mir war immer klar, dass wir in diesem Jahr wieder Festspiele machen: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Trotzdem ist der Spielplan immer noch etwas reduzierter, als in der Zeit vor Corona. Vor allem merken wir überall, dass unsere Branche im Umbruch ist, was das Personal angeht. Viele Schauspieler, die früher frei gearbeitet haben, suchen eine feste Anstellung. Generell ist es sehr schwer geworden, Fachpersonal für die künstlerischen und technischen Gewerke zu finden, wie beispielsweise für Bühne, Licht, Ton, Maske oder Kostüm. Manche haben sogar einen ganz anderen Beruf gewählt. Wir hatten deshalb sowohl auf als auch hinter der Bühne erhebliche Probleme, Mitwirkende zu finden.

Haben Sie deshalb erst so spät die Namen von Darstellern bekannt gegeben?

Es war eine große Herausforderung, die richtigen Schauspieler für die richtige Rolle zu finden. Sehr viele Darsteller sind nach der Corona-Durststrecke jetzt im Film- und Fernsehgeschäft zu finden. Obwohl diese Angebote meist finanziell lukrativer sind, kommen auch in diesem Jahr wieder viele Schauspieler nach Bad Hersfeld, weil sie genau hier sein wollen. Es macht ihnen Spaß, an diesem Ort, an diesem Stück und mit diesem Team zu arbeiten. Durch Corona hat sich zwar viel geändert, aber das Festspielfieber brennt weiter – es hat sich vielleicht sogar noch verstärkt.

Wie wichtig war es für Sie, wieder namhafte, bekannte Schauspieler für die Festspiele zu engagieren?

Prominente, renommierte Schauspieler sind wichtig, um Menschen aus ganz Deutschland nach Bad Hersfeld zu holen. Unsere Festspiele sind bekannt dafür, dass die Zuschauer ein außergewöhnliches Ensemble zu sehen bekommen, und so wird es auch in diesem Sommer sein. Nach den ersten zwei Probenwochen kann ich sagen, dass ich selten mit einem so homogenen Ensemble gearbeitet habe wie in diesem Jahr. Ich freue mich, dass wir mit Richy Müller, Walter Plathe, Jürgen Hartmann, Mathias Schlung und Anouschka Renzi eben auch prominente Namen bieten können. Das Medieninteresse beim Probenbeginn spricht jedenfalls dafür, dass die Mischung wieder stimmt – und es kommen auch noch ein paar Namen hinzu, die wir noch gar nicht bekannt gegeben haben.

Sowohl beim Musical „Goethe!“ als auch beim „Club der toten Dichter“ hat es Umbesetzungen gegeben. Ist das normal oder auch eine Corona-Folge?

Es ist einerseits schon normal, hat aber der Corona-Pandemie auch mit der immer chaotischeren Planung in allen Bereichen des Kulturbetriebes zu tun. Projekte werden kurzfristig angesetzt, weil viele verschoben und abgesagt wurden. So hatten manche Darsteller zum Beispiel noch alte, vertragliche Verpflichtungen, die erst jetzt nachgeholt werden.

Wenn ein Drittel des Ensembles neu dazu kommt, fängt man dann nicht wieder von vorn an?

Das ist bei jeder Produktion etwas anders, aber wir fangen keinesfalls bei Null an. Der Rahmen steht, aber jeder Darsteller bringt neue Impulse und eine neue Persönlichkeit. Wir legen ja auch Wert darauf, dass hier nicht nur austauschbare „Gesichts- und Stimmverleiher“ auf der Bühne stehen, sondern Persönlichkeiten mit ihrer einmaligen, unverwechselbaren Ausstrahlung. Das wird zwangsläufig und Gott sei Dank dazu führen, dass die Stücke diesmal ein bisschen anders sind. Ein zweiter Besuch lohnt sich also ...

Sie haben sich in diesem Jahr dafür entschieden, Victor Hugos „Notre Dame“ zu inszenieren. Was reizt Sie an diesem Stück?

Dieses Stück passt perfekt in die Stiftsruine. Es ist es ein Plädoyer gegen Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit und ein Appell für mehr Toleranz und Mitgefühl für Menschen am Rande der Gesellschaft. All das ist auch heute hoch aktuell.

Nach „Shakespeare in Love“ und dem „Club“ bringen Sie nun ein weiteres Stück, das die allermeisten von uns als Film kennen. Ist das Zufall oder setzen Sie auf den Wiedererkennungseffekt?

„Notre Dame“ ist ein großes Stück Weltliteratur. Wir orientieren uns stark an der Romanvorlage. Den Film hatte ich gar nicht so sehr im Blick. Auch sprachlich bleiben wir dicht am Original. Victor Hugos Sprache ist expressionistisch und zuweilen drastisch. Wir haben versucht, sie in ihrer Derbheit, aber auch in ihrer Poesie zu übertragen. Natürlich hat mich bei meiner Entscheidung für das Stück auch das furchtbare Feuer in „Notre Dame“ im April 2019 beeinflusst, das uns allen noch sehr präsent ist.

Sie sagen, Victor Hugo ist ein großes Stück Weltliteratur. Trotzdem fragen sich viele Festspiel-Freunde, wann es denn mal wieder einen „richtigen Klassiker“ gibt ...

... den bekommen sie im nächsten Jahr. Das wird dann ein Stück sein, das wieder der klassischen Dramen-Literatur zuzuordnen ist. (Schmunzelt) Ich kenne es schon ...

Bei Dieter Wedel gab es in der Stiftsruine erstmals Filmeinspieler, auch bei „Peer Gynt“ wurde mit Technik gespielt. Nun kommt das „Mapping“. Was erwartet uns?

Der ein oder andere wird diese Technik schon an manchen historischen Schauplätzen gesehen haben. Dazu wird das Gebäude abfotografiert und ein 3-D-Modell davon erstellt, eine Art Karte im Computer. Mithilfe dieser Karte kann der Computer den realen Raum verändern. Projektoren werfen die neuen Bilder, die genau an die Architektur angepasst sind, an die historischen Wände, auf denen nun Fenster entstehen können oder Säulen herauswachsen oder – wie in unserem Fall – die ganze Mauer plötzlich einstürzt. Ich habe mich dafür entschieden, weil wir es im Roman mit einem Kirchengebäude zu tun haben, das angegriffen wird. Von Victor Hugo wird es dabei wie ein atmender Organismus dargestellt.

Braucht es immer technischen „Schnick-Schnack“, reicht normales Schauspiel nicht mehr aus?

Schauspiel allein reicht natürlich aus. Es geht ja im Theater darum, Fantasieräume in der Vorstellungskraft des Zuschauers zu ermöglichen. Das ist der große Unterschied zwischen dem Theater und dem Film. Je mehr wir die Fantasie bevormunden und alles zuballern, desto näher sind wir am Film. Trotzdem kann man mit technischen Mitteln Fantasieräume öffnen. Man könnte ja auch Theater ohne Scheinwerfer am helllichten Tag auf dem Marktplatz spielen. Aber eine neue Technik lässt auch neue Erzählformen zu und wird die Magie der Ruine auf neue Art zur Geltung bringen.

Sie haben beim Probenbeginn Bert Brecht zitiert: „Wir leben in finsteren Zeiten“ und gesagt, es sei jetzt die wichtigste Aufgabe der Kunst, die Werte der Demokratie zu verteidigen. Überschätzen Sie damit nicht die Macht der Kultur?

Ich sage ja nicht, dass wir mit Theater die Welt verändern können. Aber wo sonst wird heute noch über Werte gesprochen? In der Kirche. Aber wie viele Menschen hören da noch zu? In der Politik, durchaus. Das ist auch richtig und wichtig. In der Erziehung? In der Schule? Das Theater war jedenfalls immer ein Ort, wo unsere Werte Thema waren. Theater will ja nicht nur die Fantasie beflügeln und unterhalten, sondern auch zum Nachdenken und zum Reflektieren über sich selbst und den Sinn des Lebens anregen. Das ist für mich sogar die Kernaufgabe des Theaters. (Kai A. Struthoff)

Intendant Joern Hinkel

Joern Hinkel wurde am 22. September 1970 in Berlin geboren. Er studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding und inszenierte zahlreiche Opern, Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. 1995 wurde er Lehrbeauftragter für Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie. Seit dem Jahr 2000 arbeitete er mit Regisseur Dieter Wedel zusammen, mit dem er auch nach Bad Hersfeld kam. Seit Wedels Rücktritt Ende Januar 2018 ist Joern Hinkel Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Hier inszenierte er von Anfang an auch eigene Stücke, so etwa „Der Prozess“ im Sommer 2018 oder „Der Club der toten Dichter“ 2021. Mit dem Verein Sommernachtsträumer fördert Hinkel Kinder und Jugendliche in Bad Hersfeld und der Region. Joern Hinkel ist Vater eines Sohnes und lebt in Berlin und Bad Hersfeld.  kai

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