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Interview im Riesenrad mit Lolls-Urgestein Reinhard Rauche

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Ein ganzes Leben für Lolls: Reinhard Rauche ist für sein 45-jähriges Engagement für das Lullusfest mit der Bürgermedaille von Bad Hersfeld und dem Feuermeister in Platin ausgezeichnet worden.
Ein ganzes Leben für Lolls: Reinhard Rauche ist für sein 45-jähriges Engagement für das Lullusfest mit der Bürgermedaille von Bad Hersfeld und dem Feuermeister in Platin ausgezeichnet worden. © Kai A. Struthoff

In unserer Interview-Reihe „Eine Fahrt im Riesenrad mit ...“ sprach Kai A. Struthoff diesmal mit Lolls-Urgestein Reinhard Rauche, der kürzlich für seine Verdienste um das Lullusfest ausgezeichnet wurde.

Herr Rauche, erklären Sie einem Hergeloffenen wie mir doch bitte, warum die Herschfeller bei ihrem Heimatfest derart aus dem Häuschen geraten?

Beim Lullusfest werden Modernes und Traditionelles vereint. Wir haben hier das älteste Volksfest in Deutschland mit vielen Bräuchen, die sich im Laufe der Zeit zwar etwas verändert haben, aber grundsätzlich doch bewahrt bleiben. Wir versuchen deshalb auch, schon ganz früh die Jugend für dieses Fest zu begeistern, damit der Lolls-Virus auch weiter besteht.

Eine dieser Traditionen ist der für mich etwas merkwürdige Schlachtruf: Enner, Zwoon, Draii – Bruder Lolls. Wo kommt der her?

Ich kenne keine Herleitung, sondern habe das schon als Kind so von meinen Vorfahren gelernt, die ja alle aus Hersfeld stammen. Das wurde von Generation zu Generation so weitergeben. Nur das blöde Wort „Attacke“ hat man früher nicht gekannt. Für mich ist das zu sehr ein Ausdruck aus dem Krieg – und den mag ich nicht. Deshalb geht es bei mir immer mit „Enner“ los ...

Gibt es für Sie ein prägendes, erstes Lollserlebnis?

Als Kind bin ich mit meinem Lollsgeld immer auf den Markt an die Ping-Pong-Bude gegangen, wo man mit kleinen Bällen warf und damit etwas gewinnen konnte – zum Beispiel so kleine Presskristall-Vasen und Zierteller. Die habe ich unter meinem Bett versteckt und zu Weihnachten schön verpackt meiner Mutter geschenkt. Als ich dann etwas größer war, hat mir meine Mutter gesagt, dass sie sich darüber eigentlich mehr geärgert als gefreut hat, weil es ihr nicht gelungen ist, mir mehr Geschmack beizubringen, und weil ich sie offenbar für dumm halte, denn natürlich hatte sie im Laufe des Novembers und Dezembers beim Saubermachen unter meinem Bett die Geschenke längst entdeckt.

Sie haben sich 45 Jahre mit außergewöhnlichem Einsatz für das Lullusfest engagiert. Wie kam es dazu?

Der frühere Bürgermeister Boehmer hatte mich 1977 gefragt, ob ich nicht in der Lullusfest-Kommission mitarbeiten möchte. Das war für mich eine große Ehre, weil ich dieses Fest, an dem ich immer so gehangen habe und das ich nie verpasst habe, mitgestalten konnte. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht.

Welche Impulse und Neuerungen konnten Sie in diesem Amt einführen?

Ich glaube die wichtigste Veränderung ist, dass das Feuer nicht mehr am Donnerstag, sondern erst am Sonntag ausgemacht wird. Dafür habe ich gekämpft, denn viele Traditionalisten wollten an der alten Regelung festhalten. Weil aber so viele Menschen von auswärts zum Lullusfest wieder nach Hause kommen, und das eben auch oft am Wochenende, wollte ich, dass dann auch für sie noch das Fierche brennt. 1986 zur 1250-Jahrfeier haben wir das zum Ersten mal so gemacht.

Sie sind am Sonntag mit der Bürgermedaille und dem „Feuermeister in Platin“ ausgezeichnet worden. Letztere gab es bislang noch gar nicht ...

(lacht) Ich selbst habe mir die Anstecknadel „Feuermeister in Gold“ ausgedacht und auch auf eigene Kosten anfertigen lassen. Schausteller-Pfarrer Volker Drewes ist einer der ersten, der sie erhalten hat. Auch Schausteller und Sponsoren wurden damit ausgezeichnet. In diesem Jahr hatte ich auch jemanden vorgeschlagen, aber im Lullusfestverein sagte man mir, wir müssten das diesmal ausfallen lassen. Denn die hatten längst mich dafür ausgeguckt. Für mich ist das eine ganz besondere Ehre, denn dieses Geschenk kommt von den Schaustellern und dem Lullusfestverein gemeinsam. Ich war völlig überrascht, das ist für mich das größte Geschenk, was man mir machen konnte ...

Sie hatten vor zwei Jahren ziemlich deutliche Kritik an der Absage des Lullusfestes durch Magistrat und Stadtverwaltung geübt und dafür viel Zuspruch bekommen. Jetzt haben Sie sich für diese Kritik entschuldigt. Warum?

Ganz einfach: Ich finde, man muss auch mal einen Schlussstrich ziehen. Die Arbeit muss doch weitergehen und wir müssen dabei zusammenstehen. Nach meiner Kritik war ziemliche Funkstille mit der Verwaltung, weil man dort meine Worte zu hart fand. Ich wollte mit meiner Entschuldigung die gute Lolls-Gemeinschaft wieder herstellen.

Es gab früher mal Überlegungen, das Lullusfest aus der Stadt heraus zum Aqua-Fit zu verlegen, um dort mehr Platz auch für größere Fahrgeschäfte zu haben. Was halten Sie davon?

Das wäre der Tod des Lullusfestes. Es gab tatsächlich mal diese Überlegungen, als geplant war, ein unterirdisches Parkhaus unter dem Marktplatz zu bauen. Damals ging es aber nur um eine zeitweise Verlegung. Trotzdem wäre das nicht gut, denn das Lullusfest lebt von dieser Enge mitten im Herzen der Stadt. (lacht) Die Ärsche reiben sich hier aneinander. Auch die Schausteller sind von dieser Atmosphäre begeistert. Der echte Hersfelder geht zu Lolls ja eigentlich täglich mindestens einmal auf den Markt.

Wir haben von Frau Dr. Ramus wissenschaftlich belegt gehört, dass das Lullusfest tatsächlich das älteste Volksfest in Deutschland ist. Glauben Sie, dass man hier auch, sagen wir erstmal in 100 Jahren, noch Lolls feiern wird?

Die Menschen wollen auch in einer großen Gemeinschaft feiern. Aber der Schaustellerberuf wird immer schwieriger. Das macht mir Sorgen. Die Kosten laufen den Schaustellern weg, aber sie können das nicht alles an die Besucher weitergeben. Sicherlich wird sich deshalb auch beim Lullusfest einiges ändern. Aber ich glaube schon, dass das Lullusfest Bestand haben wird, solange es so Verrückte gibt wie mich, die dafür brennen.

Zur Person

Reinhard Rauche (79) stammt aus einer alteingesessenen Hersfelder Familie. Sein Vater war Chefredakteur der Hersfelder Zeitung. Rauche ist Großhandelskaufmann und war jahrelang Werbeleiter der Spar-Zentrale. 1980 gründete Rauche den Kreisanzeiger, den er gemeinsam mit seiner Frau aufbaute. Rauche ist seit „53 Jahren mit derselben Frau verheiratet und immer noch glücklich“. Gemeinsam haben sie zwei erwachsene Töchter. (kai)

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