Gespräche auf einer Bank 

Interview mit Bischof Hein: Zeit nehmen für wichtige Dinge

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Zuhören, was Menschen bewegt: Bischof Dr. Martin Hein sprach im Montagsinterview über das, was man als Bischof braucht, über wichtige Aufgaben der Kirche und den nahenden Ruhestand.  

Bad Hersfeld. Zwei Stunden lang hat sich Dr. Martin Hein, der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, am Freitag Zeit genommen, um mit Menschen in Bad Hersfeld ins Gespräch zu kommen.

Er unterstützte damit eine Aktion der evangelischen Kirchengemeinden, die während der Sommermonate ein niedrigschwelliges Gesprächsangebot machen. Immer freitags von 10 bis 12 Uhr sitzt ein Pfarrer oder Kirchenvorstandsmitglied auf einer Bank in der Fußgängerzone und hat Zeit für Gespräche. Kaffee oder Wasser gibt’s auch. Anschließend beantwortete Martin Hein einige Fragen von Redakteurin Christine Zacharias.

Herr Dr. Hein, wie oft haben Sie Gelegenheit, den Menschen so nah zu kommen, wie auf der Bank in der Fußgängerzone?

Bischof Dr. Martin Hein: Ich predige sehr regelmäßig sonntags in Kirchen der Landeskirche, oft bei Gemeindefesten oder Jubiläen, und im Anschluss daran bleibe ich meistens länger da. Das hilft schon, den Kontakt zu halten. So eine Form von Begegnung ist natürlich eher die Ausnahme. Deswegen habe ich das auch heute als ausgesprochen angenehm empfunden, wenn man sich für Gespräche Zeit nimmt. Es ist notwendig, zu hören, was Menschen bewegt Aber ansonsten bin ich als Bischof in anderen Zusammenhängen tätig, die nicht unbedingt basisnah sind.

Wie groß erleben Sie umgekehrt das Bedürfnis der Menschen, mit Vertretern der Kirche über Gott und die Welt, offene Fragen und persönliche Anliegen zu sprechen?

Martin Hein: Sobald die Leute wissen, dass ich Bischof, dass ich Pfarrer bin, ist dieser Vertrauensvorschuss so groß, dass viele beginnen, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen oder auch ihre Probleme mit Kirche, denn die gibt’s ja nun auch. Ich pflege einen offenen Austausch, mir schreiben viele Menschen, auch über E-Mail. Ich beantworte alles. Denn ich glaube, es ist die große Chance unseres Berufs, dass wir keine Hürden aufbauen.

Auch die evangelische Kirche hat Probleme mit Mitgliederschwund und leeren Gottesdiensten. Welchen Stellenwert hat Kirche in der heutigen Gesellschaft noch?

Martin Hein: Der Rückgang der Gemeindegliederzahlen ist nicht allein auf Austritte zurückzuführen, aber unbestritten: Wir werden weniger. Das können wir gar nicht leugnen. Aber wer das Evangelium entdeckt, merkt, welche Bedeutung es hat. Ich glaube, wir tun gut daran, nach wie vor auf die Gestaltung von attraktiven Gottesdiensten Wert zu legen. Und dass die Kirchen prinzipiell leerer werden, beobachte ich nicht. Das ist ein Vorurteil, das immer mal wieder überprüft werden muss.

Das Evangelium von Jesus Christus hat es in einer Zeit, in der wir stärker nach dem fragen, was uns selbst nützt, schwieriger. Aber es stiftet immer Sinn und Orientierung. Und es gibt genügend Lebenssituationen, wo das gefragt ist.

Viele Menschen sind erschrocken und ratlos, wenn sie die immer stärker werdende verbale und tätliche Gewalt beobachten. Jüngstes Beispiel sind die Vorkommnisse in Chemnitz. Was kann die Kirche tun, um einigend und befriedend zu wirken?

Martin Hein: Uns liegt daran, das Evangelium von Christus als eine Friedensbotschaft darzustellen. Das ist es auch. Und es bedeutet, dass man einander auch trotz unterschiedlicher Botschaften erst einmal akzeptieren muss. Hate-Speeches und die Verbreitung von Fake News sind inzwischen derart aus dem Ruder gelaufen, dass es notwendig ist, klar zu sagen: „So geht es nicht weiter in unserer Gesellschaft. Wir zerfallen in Einzelzeile.“ Die Kirche hat die Aufgabe, als Gemeinschaft von Christen auf die Solidarität in unserer Gesellschaft hinzuwirken. Was sich zurzeit in Chemnitz, aber auch anderswo zeigt, erschreckt mich. Es macht mir deutlich, wie dünn das Netz ist, das uns als Gesellschaft zusammenhält. Hier sind Kirchen, aber auch andere Organisationen, die den Gemeinsinn fördern, gefragt, deutlich Position zu beziehen.

Dazu gehört aber auch, dass der Staat ein Rechtsstaat bleibt und nicht bestimmte Bereiche kampflos aufgibt. Immer dort, wo der Rechtsstaat sich zurückzieht, hinterlässt er kein Vakuum, sondern das wird sofort gefüllt. Das ist nicht nur in Chemnitz so zu beobachten.

Sie nähern sich dem Ruhestand, ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird bereits gesucht. Welche Eigenschaften sollte ein neuer Bischof oder eine Bischöfin haben?

Martin Hein: Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sagen, was ich für notwendig halte: Zum einen sollte man sich Zeit nehmen für das eigene geistliche Leben und Zeit, sich tatsächlich mit einzelnen Vorgängen genau zu beschäftigen. Das braucht Geduld. Man muss viele Gespräch führen und muss, meine ich, auch strukturieren können. Es ist ganz wichtig, dass man gerne Pfarrerin oder Pfarrer gewesen ist, also weiß, wovon man redet..

Mit dem Ende des Berufslebens beginnt ja für einige ein neuer Lebensabschnitt, dem sie mit Freude entgegensehen und den sie mit bisher zu kurz gekommenen Aktivitäten oder neuen Hobbys füllen wollen. Andere fallen in ein Loch. Wie wollen Sie an den Ruhestand, der in gut einem Jahr beginnt, herangehen?

Martin Hein: Da bin ich noch am Lernen, weil ich derzeit noch mitten im Berufsleben stehe. Aber es hat für mich natürlich Folgen: Ich muss umziehen und eine neue Wohnung mieten. Gegenwärtig fällt mir noch nichts ein, wo ich sagen würde, das will ich jetzt unbedingt machen. Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, was die Zeit hinterher an wirklich Neuem bringen soll. Ich bin eigentlich immer ganz gut gefahren damit, dass ich Dinge nicht zu schnell festgelegt habe. Ich lasse sie auf mich zukommen – mit viel Gottvertrauen.

Zur Person 

Dr. Martin Hein wurde 1954 in Wuppertal geboren und studierte nach dem Schulbesuch in Hanau und Frankfurt zunächst Jura in Frankfurt und Erlangen. Dann wechselte er zur Theologie. Nach dem Studium war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Reformationsgeschichtlichen Forschungsstelle in Erlangen tätig, wo er auch promovierte. 1982 ging er zum Vikariat nach Oberzwehren, danach war er Gemeindepfarrer in Grebenstein. Weitere Stationen waren Studienleiter beim Evangelischen Predigerseminar in Hogfeismar und Dekan des Kirchenkreises Kassel Mitte, bevor er im Jahr 2000 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck wurde. Kurz zuvor vollendete er seine Habilitation. Hein ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Hein ist in ökumenischen Gremien aktiv und seit 2014 Mitglied des Deutschen Ethikrats. 

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