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Interview mit Ilja Richter über Disco-Glückseligkeit und neue Zeiten

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Interview am Lieblingsplatz: Ilja Richter im Gespräch mit Kai A. Struthoff auf der Tribüne in der Stiftsruine.
Interview am Lieblingsplatz: Ilja Richter im Gespräch mit Kai A. Struthoff auf der Tribüne in der Stiftsruine. © Steffen Sennewald

Licht aus, Spot an: Ilja Richter ist wieder in Bad Hersfeld. Heute Abend steht er noch mal gemeinsam mit Hannelore Hoger auf der Probenbühne im Park, am 28. August führt er durch die Abschlussgala der Bad Hersfelder Festspiele.

Herr Richter, nach Ihrem Auftritt in „Black Rider“ 1998 und dem Engagement als Doolittle in „My Fair Lady“ 2016, waren Sie auch im „Anderen Sommer“ mit Ihren Lieblingsliedern hier und kehren auch dieses Jahr zurück. Bad Hersfeld scheint Ihnen zu gefallen, warum?

Ich fühle mich hier sehr wohl, obwohl natürlich große zeitliche Abschnitte zwischen meinen Engagements in Bad Hersfeld liegen. Das ist hier aber schon ein Lieblingsplatz von mir. Aber Freilichtspielen ist für mich – egal wo es stattfindet – etwas ganz normales. Freilicht ist die älteste und natürlichste Form des Theaterspielens seit den alten Griechen

Bei der Abschlussgala geht es um Komponisten, die ihre Heimat verlassen mussten. Sie selbst haben jüdische Wurzeln, haben mit ihrer Familie die DDR verlassen, waren in West-Deutschland und dann in West-Berlin. Schafft das für Sie eine persönliche Verbindung zu den vertriebenen Komponisten?

Ich habe ja schon als Baby die DDR verlassen und bin ganz klar in West-Berlin sozialisiert worden. Aber für meine Eltern war es tatsächlich prägend in eine neue Heimat aufzubrechen. Mein Vater war Kommunist und deshalb auch im KZ. Meine Mutter war Jüdin. Ich glaube schon, dass ich mich deshalb mit den vertriebenen Komponisten gut identifizieren kann. Für mich gehören diese Themen und Erfahrungen wie selbstverständlich zu meinem Leben. Was nicht selbstverständlich ist, das ist die Tatsache, dass ich eine Veranstaltung moderiere. Denn meine Moderatorenzeit ist lange vorbei.

Aber für Menschen meiner Generation bleiben Sie der „Licht aus-Spot an-Ilja Richter“. Nervt Sie diese ewige Reminiszenz an die Disco-Zeit eigentlich?

Der Begriff Reminiszenz ist mir zu groß. Das ist es nicht. Für mich ist diese Episode abgeschlossen, was bleibt, ist die Erinnerung, die ich damit in die Köpfe von vielen Menschen gepflanzt habe. Im Herbst kommt ein Buch von mir auf den Markt, das heißt „Nehmen Sie es persönlich“. Darin hätte ich natürlich an diese Disco-Seligkeiten anknüpfen können. Aber ich bin kein Nostalgiker und auch kein Musikfachmann oder Pop-Spezialist. Deshalb schreibe ich vielmehr über Menschen, die mich prägten. Und vielleicht wird es Sie wundern: Wer oder was mich prägte, hat fast gar nichts mit den Disco-Zeiten zu tun.

Künstlerisch haben Sie sich nie auf bestimmte Genres festlegen lassen. Als was fühlen Sie sich selbst am ehesten: Als Schauspieler, Sänger, Entertainer, Schriftsteller, Moderator?

Ein Schriftsteller bin ich schon deshalb nicht, weil ein Schriftsteller ja davon lebt, regelmäßig Bücher zu veröffentlichen. Ich bin eher ein Autor. Ich fühle mich auch nicht als Schauspieler, sondern ich BIN Schauspieler. Aber ich bin kein Sänger, nur weil ich im Musicals ab und an singe, und auch kein Tänzer, weil ich zuweilen tanze. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor den einzelnen Professionen. Trotzdem bedine ich aber alle diese Genres sehr wohl.

Neben Günter Pfitzmann, Harald Juhnke, Brigitte Mira und Dieter Hallervorden gehören sie zu den typischen West-Berliner Schauspielern ...

Ich würde sagen, nein. Ich bin keiner von diesen typischen West-Berliner Schauspielern. Ich hatte mit dieser bräsigen, West-Berliner-Gemütlichkeit nichts zu tun. Auch nicht mit dem Anspruch, Weltstadt zu sein, die wir, wenn überhaupt, erst jetzt sind. Ich fand all das immer extrem spießig und gähnend langweilig. Trotzdem mag oder mochte ich jeden der eben genannten Kollegen – als Mensch. Aber ich habe mich immer, natürlich in liebevoller Form, über diese typischen West-Berliner lustig gemacht.

Viele dieser typischen West-Berliner fremdeln mit diesem neuen Berlin ...

Der Berliner fühlt sich ja nie wohl. Wer sich jetzt in Sentimentalität ergeht und behauptet, dass früher alles schöner war, ist für mich nicht repräsentativ. Für mich gilt immer noch das geflügelte Wort aus den 1920 Jahren: „Berlin ist nicht, Berlin wird.“ Natürlich wird Berlin auch nie fertig. Berlin war jedenfalls im Guten wie im Schlechten nie so spannend wie jetzt – zumindest in der Zeit in der ich lebe.

„Lebe wohl und liebe mich! Goethe und die Vulpius“ mit Nina Hoger und Ilja Richter, heute Abend auf der Probenbühne im Kurpark, 20 Uhr, Eintritt: 24 Euro.

Zur Person

Ilja Richter (69) begann seine Bühnenlaufbahn bereits mit neun Jahren. Einem breiten Publikum wurde er in den siebziger Jahren durch 143 „ZDF DISCO“-Shows und 13 „Wörthersee“ - Kinofilme bekannt. Ab seinem dreißigsten Lebensjahr wandte er sich vorwiegend dem Theater zu. Wie vielseitig er ist, zeigt sich in seiner breit gefächerten Tätigkeit als Sprecher für Radio, Synchron und Hörbücher, Autor, Regisseur, in Fernsehfilmen, Serien und auch in Filmrollen. Zuletzt war er vor allem in seinen Solo-Bühnenprogrammen zu erleben. Richter lebt in Berlin. (red/kai)

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