Reformationsjubiläen im Wandel der Zeiten

Jeder Epoche ihren Luther: Eine Analyse 500 Jahre nach dem Besuch in Hersfeld

Ein Umzug bestehend aus 139 Traktoren zog sich im April 2017 durch den gesamten Kirchenkreis. Erinnert wurde an den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Auf einem der Wagen wurde an Luthers berühmte Tischgespräche erinnert.
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Ein Umzug bestehend aus 139 Traktoren zog sich im April 2017 durch den gesamten Kirchenkreis. Erinnert wurde an den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Auf einem der Wagen wurde an Luthers berühmte Tischgespräche erinnert.

Vor 500 Jahren machte der Reformator Martin Luther auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms auch in Hersfeld Station. Sein Besuch wirkt auch hier bis heute nach.

Bad Hersfeld – Jede Epoche bekommt das Reformationsfest, das sie verdient. Das zeigt sich auch jetzt – trotz der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie – deutlich: Die Veranstaltungen, die in Worms stattgefunden haben, waren als „Events“ mit großer Leuchtkraft und Öffentlichkeitswirkung angelegt. Auch bei uns in der Region spielt der Reformator eine wichtige Rolle und das liegt nicht nur am Luther-Pilgerweg.

Der Fantasie sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt, je markttauglicher, desto besser. Und dazu der allgemeine Tenor, der sich in vielen Reden und Büchern widerspiegelt: Luther gilt vielfach als Vorkämpfer der Moderne, der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte, auch wenn bei genauerer Lektüre klar wird, dass diese Sicht auf den Reformator eine grobe Vereinfachung ist.

Dass die Jubiläumsfeiern mehr mit der jeweiligen Gegenwart als mit den historischen Ereignissen zu tun haben, zeigt sich auch bei der Betrachtung der früheren Luther-Jubiläen deutlich. So wurde die Feier des Reformationsjubiläums 1917 durch den Ersten Weltkrieg bestimmt, dessen Auswirkungen gerade zu dieser Zeit auch an der „Heimatfront“ deutlich zu spüren waren.

Martin Luther wurde den Deutschen als „deutscher“ Held und Vorbild für Kampfgeist präsentiert. Man erhoffte sich eine ermutigende Wirkung des Jubiläums auf die kriegsmüden Deutschen. 1933 wurde der 450. Geburtstag Luthers als „Deutscher Luthertag“ vor dem Hintergrund der Hoffnung auf einen volkskirchlichen Aufbruch gefeiert. Man erhoffte sich die „Vollendung der Reformation im Dritten Reich“, Luther und Hitler wurden als Brüder im völkischen Geist inszeniert. Das spiegelte sich auch in den Berichten der Hersfelder Zeitung zu den Feierlichkeiten im November 1933 wider: Martin Luther wird in den Reden zur Festveranstaltung, die unter anderem von Pfarrer Drüner und Pfarrer Freudenstein gehalten wurden, als „Kämpfer für Jesus Christus“ beschrieben, „der der Jugend das deutsche Lied und das deutsche Wort gegeben habe“.

Wie Martin Luther von den Nationalsozialisten und der damals entstehenden Bewegung der „Deutschen Christen“ instrumentalisiert wurde, zeigt sich gerade an der wiederholten Beschwörung des kämpferischen Charakters des Reformators, aber auch in der verstärkten Wahrnehmung der antijüdischen Schriften Luthers während des Dritten Reiches.

Im Jahr 2017, in dem sich der Thesenanschlag an die Tür der Wittenberger Schlosskirche zum 500. Mal jährte, liegt erst vier Jahre zurück. Auch damals wurde Martin Luther ausgiebig gefeiert. Aber der Tenor war ein völlig anderer als 1933: Luther wurde als Vorkämpfer für Moderne, für Freiheit, Zivilgesellschaft und Demokratie gefeiert.

Doch auch diese Sicht sagt sehr viel mehr über die Gegenwart des Jubiläumsjahres als über die geschichtlichen Ereignisse. Sicher haben sich die Entwicklungen, die Luther mit seinen Forderungen zur Kirchenreform angestoßen hat, als bahnbrechend und wegweisend erwiesen, aber es bleibt die Frage, ob man dem Reformator und den damaligen Ereignissen mit diesen Zuschreibungen tatsächlich gerecht werden kann. „Luther-Momente“ und „Luther-Erlebnisse“ standen 2017 im Mittelpunkt des Interesses – hier ist nicht zuletzt die kirchenkreisweite Großaktion „Pilgern mit Traktoren“ im Gedächtnis geblieben.

Auch das diesjährige Jubiläum, die Erinnerung an den 500. Jahrestag des Wormser Reichstages und damit auch an den Besuch Luthers in Hersfeld, sagt vermutlich weniger über die Zeit aus, an die erinnert werden soll, sondern viel mehr über unsere Gegenwart. Jede Epoche bekommt das Reformationsjubiläum, das sie verdient, und feiert damit eher die eigenen Werte als das Ereignis der Reformation selbst und seinen theologischen Gehalt. (Ute Janssen)

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