1. Startseite
  2. Lokales
  3. Rotenburg / Bebra
  4. Bad Hersfeld

Jedes Kleid für Premierenstück „Notre Dame“ bei den Bad Hersfelder Festspielen hat eine Botschaft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nadine Meier-Maaz

Kommentare

Kostümbildnerin Daniela Selig (links) und Kerstin Micheel, die Leiterin der Kostümabteilung der Bad Hersfelder Festspiele zeigen ein prachtvolles Kostüm mit lilafarbenen Rüschen.
Lack und Organza für den Adel: In der Kostümabteilung der Bad Hersfelder Festspiele wird schon seit Wochen fleißig gearbeitet. Für dieses Kostüm aus „Notre Dame“ haben Daniela Selig (links) und Kerstin Micheel Lack und Organza verwendet. Es soll unter anderem Verschwendungssucht symbolisieren. © Nadine Meier-Maaz

Kostüme bei den Bad Hersfelder Festspielen müssen nicht einfach nur gut aussehen, sie vermitteln auch eine Botschaft. Und die soll man auch in der letzten Reihe erkennen.

Bad Hersfeld – Zarter Tüll mit opulenten Rüschen, umhüllt von festem glattem Lackstoff: Ein Blick auf das Kostüm, das eine Adlige in Joern Hinkels „Notre Dame“ tragen wird, verrät schon einiges, macht aber ebenso neugierig und lässt Raum für Interpretation.

Denn das Stück ist – wie auch der Roman von Victor Hugo – zwischen Mittelalter und Renaissance angesiedelt, einer Zeit des Umbruchs. Die Kostüme indes scheinen wie aus einer eigenen Welt. „Sie sind bewusst zeitlos“, erklärt die für die Entwürfe verantwortliche Kostümbildnerin Daniela Selig. „Sie vereinen historische Elemente mit der Gegenwart und der Zukunft.“ Gleichzeitig symbolisieren die verschiedenen Kostüme die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten wie Adel, Bettler und Kirchenvertreter.

Das farbenfrohe Kostüm aus mintfarbenem Lack und lilafarbenem Organza wird eine Adlige – gespielt von Luca Lehnert – tragen. Dabei sollen die großen Rüschen aus Tüllstoff, die geradezu zu explodieren scheinen, und der Lackmantel eine gewisse Künstlichkeit widerspiegeln, Verschwendungssucht und den Übermut des Reichtums symbolisieren. Die Bettler hingegen werden eher in dunklen, gedeckten Farben gewandet sein.

130 Kostüme

Insgesamt werden für „Notre Dame“ rund 130 Kostüme – oder „Kostümstellungen“, wie die Leiterin der Kostümabteilung der Bad Hersfelder Festspiele, Kerstin Micheel, sagt – benötigt. Denn sowohl die Profi- als auch die Laien-Darsteller schlüpfen zum Teil in mehrere Rollen. Einige Kostüme stammen aus dem Fundus, manche wurden neu gekauft und andere extra angefertigt. Auch das Lack-Tüll-Kostüm ist eine selbst genähte Eigenkreation.

Die ersten Ideen und das grundlegende Konzept hat Daniela Selig vor rund drei Monaten gemeinsam mit Regisseur Joern Hinkel diskutiert und erarbeitet, um anschließend die ersten Entwürfe zu entwickeln, die danach üblicherweise erneut besprochen werden. Dann kommt auch Kerstin Micheel dazu, und gemeinsam wird zum Beispiel die Materialauswahl getroffen. Dabei sind nicht nur Optik und Wirkung wichtig, die verwendeten Materialen müssen auch bühnen- und in diesem Fall freilufttauglich sein. „Die Kostüme sollen schließlich am Ende der Saison noch genauso gut aussehen wie bei der Premiere“, betonen die Expertinnen. Seide und Federn beispielsweise sind sehr empfindlich und schwer zu trocknen, weshalb sie, wenn überhaupt, nur selten genutzt würden. Darüber hinaus gilt es, das Budget einzuhalten.

Sobald die Bestellungen getätigt sind, erstellen die Gewandmeisterinnen der Kostümabteilung die Schnitte, die dann von den Schneiderinnen in der Werkstatt umgesetzt, sprich genäht werden. Bestenfalls sind die Maße der jeweiligen Darsteller dafür schon bekannt.

Kostüm muss auch auf den hinteren Plätzen wirken

Arbeitsgrundlage ist immer der Entwurf von Daniela Selig. Bei der ersten Anprobe sind neben Selig und Micheel, auch die Gewandmeisterinnen und Assistentinnen dabei. „Theaterarbeit ist immer Teamarbeit“, sagt Micheel, und Änderungen seien eher die Regel als die Ausnahme. Besteht ein Kostüm die erste Probe nicht, wird nachgearbeitet. Denn: „Ein Kostüm kann von Nahem noch so toll aussehen, es muss eben auch auf den hinteren Plätzen wirken.“ Aus diesem Grund haben die Organza-Rüschen helle Kanten bekommen.

Für schnelle Umzüge während der Aufführung sind Klettverschlüsse praktischer als Knöpfe. Mitunter werden einzelne Teile eines Kostüms auch gleich für mehrere Gewänder genutzt. „Es gibt immer eine Lösung, man muss sie nur gemeinsam finden“, berichtet Kerstin Micheel und lacht. Bis ein Kostüm tatsächlich fertig ist, geht es also durch viele Hände. Der Arbeitsaufwand pro Kostüm lässt sich deshalb nur schwer beziffern und ist sehr unterschiedlich.

Kerstin Micheel leitet die Kostümabteilung bereits seit einigen Jahren, Daniela Selig ist zum ersten Mal bei den Bad Hersfelder Festspielen im Einsatz und bis zur Premiere vor Ort. Sie ist seit 2001 als freie Bühnen- und Kostümbildnerin für Theater- und Filmproduktionen tätig und lebt in Berlin, kommt jedoch ursprünglich aus Frankfurt am Main. Wie sie zu ihrem Beruf gekommen ist? „Das hat sich so ergeben“, sagt sie schmunzelnd. „Meine Mutter war Schneiderin und ich war an Mode interessiert.“ Nach einer Hospitanz am Theater hat Selig Kostümbild in Hamburg und Bühnenbild in Berlin studiert. (Nadine Meier-Maaz)

Auch interessant

Kommentare