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Joachim Dähn und Gerhard Deiseroth: „Lärmschutz bleibt zu oft außen vor“

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Das Foto zeigt Dr. Joachim Dähn (links) und Gerhard Deiseroth im Schilde-Park.
Setzen sich für mehr Lärmschutz in Bad Hersfeld beziehungsweise im Kreis Hersfeld-Rotenburg ein: Dr. Joachim Dähn (links) und Gerhard Deiseroth. Das Foto zeigt beide im vergleichsweise stillen Schilde-Park. © Kai A. Struthoff

Unter dem Motto „Hört sich gut an“ findet am 27. April zum 25. Mal der „Tag gegen Lärm“ statt. Das sagen zwei Lärmschützer aus dem Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg - Mit Dr. Joachim Dähn vom Lärmschutzbeirat in Bad Hersfeld und Gerhard Deiseroth vom kreisweit aktiven „Bündnis gegen Bahnlärm“ sprach Kai A. Struthoff.

Seit 25 Jahren gibt es den Tag gegen den Lärm, leiser ist es aber dadurch nicht geworden. Fühlen Sie sich als Lärmschützer ausreichend ernstgenommen?

Dr. Joachim Dähn: Dazu gibt es zwei Sichtweisen: Was hat sich auf der Gesetzgebungsseite verändert? Und was hat sich hier vor Ort verändert? In Bad Hersfeld hat sich viel verändert, denn der Schwerverkehr, gerade auch innerorts, hat stark zugenommen. Gesetzlich hat sich aber wenig verändert. Dabei besteht schon seit Jahren die Forderung der Weltgesundheitsorganisation nach Lärmschutz mit bestimmten Richtwerten. Aber sie werden nach wie vor nicht erreicht, und die gesetzlichen Vorgaben aus Berlin und Brüssel sind längst veraltet.
Gerhard Deiseroth: In meinem Bereich, dem Eisenbahn-Lärmschutz, fühle ich mich nicht ernst genommen, sondern zuweilen sogar verarscht. Nehmen wir zum Beispiel das Schienenlärmschutzgesetz, das die Emissionen von alten Güterzügen durch Flüsterbremsen halbieren sollte. Eigentlich hätten längst alle Waggons umgerüstet sein müssen, doch es fahren immer noch Züge mit alten Bremsen. Auf jeden Fall zeigen die Messergebnisse an der Messstation bei Friedlos, dass zu viele Züge nicht leiser geworden sind und immer noch Maximalpegel von 100 dB(A) erreicht werden. Das Gesetz verlangt auch gar nicht, dass der Lärm halbiert wird, sondern nur, dass die sogenannten Flüsterbremsen nachgerüstet werden.

Trotzdem protestiert die Bevölkerung nicht lautstark gegen die Zunahme des Lärms. Warum nicht?

Deiseroth: Wer nicht extrem von Lärm betroffen ist, interessiert sich nicht sehr für dieses Thema. Gefühlsmäßig ist das auch für jeden anders. Was für manchen noch erträglich ist, das ist für andere sehr schlimm.

Kann es sein, dass wir Deutschen, verglichen etwa mit südeuropäischen Ländern, besonders empfindlich sind ?

Dähn: Das ist tatsächlich ganz unterschiedlich: Den einen stört die Fliege an der Wand, der andere geht zum Rockkonzert. Was aber sicher alle stört, ist Lärm in der Nacht – also sogenannte Lärmspitzen. Ein Dauerlärm wird eher toleriert als nächtliche Geräusche, die einen aus dem Schlaf reißen und die auf Dauer dann auch krank machen.

In Bad Hersfeld gibt es seit 2016 den Lärmschutzbeirat. Was haben Sie seither erreicht?

Dähn: Leider ist seither nicht viel passiert. Ich war ja am Anfang dabei, habe aber nach einem Jahr den Vorsitz niedergelegt, weil die Resonanz in den städtischen Gremien gering war. Deshalb habe ich meine Aktivität auf die Bürgerinitiative Lärmschutz A 4 beschränkt. Seitdem der neue Klimaschutzbeauftragte für Bad Hersfeld, Michael Mai, im Amt ist, verspüren wir Lärmschützer eine neue Dynamik. Lärm ist ja ein Teil der Umweltbelastungen. Die Stadt hat sich selbst das Ziel der Klimaneutralität gesetzt, und dazu gehört auch der Verkehr – und damit auch der Lärm.
Deiseroth: So wie die Arbeit bislang angelegt war, konnte sie auch nicht zu einem Erfolg führen. Der Beirat arbeitete für sich und selbst bei wichtigen Entscheidungen wurden die Lärmschützer nicht gehört, sondern außen vorgelassen.

Zurzeit jubeln die meisten Gemeinden im Kreis, weil die neue ICE-Schnellbahntrasse wie von vielen gewünscht durch Bad Hersfeld läuft. Das bedeutet aber auch mehr Bahnverkehr und mehr Lärm. Freuen Sie sich also auch?

Dähn: Ja, ich freue mich auch über diese Entscheidung. Denn durch diese Neubaustrecke ab Tunnelausfahrt Johannesberg haben wir in diesem Bereich die Möglichkeit, Lärmschutz nach den höchsten Maßstäben zu bekommen – aber eben nur in diesem Bereich. Allerdings erwarten wir auch durch die Wegnahme des Personenverkehrs von der Altstrecke dort die Zunahme des Güterzugverkehrs um bis zu 40 Prozent. Und die Güterzüge sind eben immer noch zu laut. Dafür ist der Bund verantwortlich, denn bei den Berechnungsgrundlagen zum Lärmschutz werden die Lärmspitzen leider nicht angemessen berücksichtig werden. Dabei könnten auch Güterzüge inzwischen längst so leise unterwegs sein wie ein ICE.

Kann man da denn nichts machen?

Dähn: Doch. Es gibt das Instrument der sogenannten Parlamentarischen Befassung, mit der man auch über-gesetzlichen Lärmschutz erwirken kann. Dazu führen wir bereits Gespräche mit dem Landrat, denn hier muss der ganze Landkreis gemeinsam einen Forderungskatalog aufstellen und diesen dann über den Verkehrsausschuss in den Bundestag einbringen. Dabei wollen wir alle Kommunen von Haunetal bis Bebra und noch darüber hinaus mit ins Boot nehmen.
Deiseroth: Ich finde den Ausbau der ICE-Trasse mit Halt in Bad Hersfeld grundsätzlich auch gut. Entscheidend wird sein, welchen Lärmschutz Bad Hersfeld tatsächlich bekommt. Mit einer einfachen hohen Schallschutzwand wird es nicht getan sein. Es gibt Überlegungen von der Einhausung der Strecke bis zur Tieferlegung des Bahnhofs. Bezüglicher der Tieferlegung des Bahnhofs bin ich sehr skeptisch, da die Bahnstrecke und die B 27 nur wenige Meter über dem Normalwasserstand der Fulda liegen, und die Hochwassergefahr sehr groß ist. Außerdem will die DB bei der vorgestellten Vorzugsvariante hinter dem Betriebsgelände von Fehr-Knettenbrech die Neubaustrecke ausfädeln und die B 27, das Fuldatal und die Fulda queren. Da sicherlich eine kreuzungsfreie Querung der B 27 vorgesehen ist, müsste der Gleiskörper an der Ausfädelungsstelle auf fünf Meter Höhe angehoben sein. Dies dürfte schwierig bis unmöglich sein.

Das zweite große Thema für Bad Hersfeld und die Region ist der Ausbau der A 4. Wird denn wenigstens dabei der Lärmschutz ausreichend beachtet?

Dähn: Nein. Trotz vieler Eingaben unserer Bürgerinitiativen und Expertisen von Fachleuten. Es gibt auch nach den geplanten Ausbaumaßnahmen noch mindestens 50 Häuser am Johannesberg und 30 in der Eichhofsiedlung, deren Bewohner nachts Lärm über der Emissionsgrenze erleiden müssen. Wir hatten deshalb sogar eine Einhausung gefordert, die aber sehr viel teurer geworden wäre. Nun wird es wenigstens bis zu zehn Meter hohe Lärmschutzwände geben. Diese Wände sind undurchsichtig, hässlich und in billigster Ausführung. Direkt dahinter wohnen möchte man eigentlich nicht. Leider hat die Stadt Bad Hersfeld diesen Prozess in der Anfangsphase der Planungen schon verschlafen. Immerhin haben wir durchgehend Flüsterasphalt durchsetzen können.

Aber auch nicht überall?

Dähn: In Wirklichkeit haben wir eine Drei-Klassen-Gesellschaft beim Lärmschutz: Die Autobahnabfahrt und die umliegenden Bereiche haben gar keinen Lärmschutz, der Helfersgrund hat einen abgespeckten Lärmschutz und im Bereich Johannesberg-Eichhof gibt es bessere, aber immer noch unzureichende Vorkehrungen. Das wollen wir aber so nicht hinnehmen und werden deshalb nicht lockerlassen – zum Beispiel im Landtagswahlkampf 2023.

Fahrzeuglärm gibt es aber nicht nur auf der Autobahn?

Dähn: Den größten Zuwachs beim Verkehrslärm registrieren wir derzeit vor allem beim Schwerverkehr, hier gibt es eine enorme Zunahme. Bis 2030 prognostiziert der Verkehrswegeplan eine Zunahme des Schwerverkehrs um 40 Prozent ...

Und es entstehen neue Logistik-Center, etwa in Ludwigsau, die die Lage noch verschärfen?

Dähn: Vermutlich, aber das müsste nicht so sein, wenn die Gemeinde Ludwigsau bereits im Vorfeld des Ausbaues des Gewerbeparks mit mehr Nachdruck einen Gleisanschluss für den Gewerbepark in Mecklar/Meckbach gefordert hätte. Dafür gibt es zurzeit hohe Fördermittel. Auch auf eine Verlegung der B 27 im Zuge des Ausbaues des Gewerbeparks und der jetzt geplanten ICE-Neubautrasse habe ich den Bürgermeister bereits mehrfach angesprochen – bisher ohne Erfolg. Dabei wissen wir ja auch durch Ihre Zeitungsartikel, wie groß der Unmut seit Jahrzehnten in Ludwigsau über den vielen Verkehr mit Lärm und Dreck ist.
Deiseroth: Ich warne allerdings davor, sich das so einfach vorzustellen. Ein Gleisanschluss für Mecklar/Meckbach führt durch das Hochwassergebiet und müsste vermutlich über weite Strecken auf Stelzen laufen. Wer soll das bezahlen? Ich würde mir vielmehr wünschen, dass wir aus der Pandemie und dem Ukraine-Krieg die Erkenntnis gewinnen, dass Güter nicht viele tausend Kilometer durch die Welt gekarrt werden müssen, bevor ein fertiges Produkt entsteht.

Zur Person

Dr. Joachim Dähn wurde 1948 geboren. Nach dem Abitur in Bad Hersfeld und vier Jahren bei der Bundesmarine hat er Zahnmedizin in Marburg studiert und hat danach von 1979 bis 2014 in seiner eigenen Zahnarztpraxis in Bad Hersfeld gearbeitet. Dähn ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.

Gerhard Deiseroth ist 70 Jahre alt und lebt in Bad Hersfeld. Der Diplom-Verwaltungswirt war von 1967 bis 2014 beim Landkreis beschäftigt, zuletzt als Verwaltungsbeamter. Deiseroth ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkel.

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