Interview mit dem Radiologen

Johannes Flicker: „Die Technik ersetzt den Arzt“

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Befund Kalkschulter: Der Radiologe Dr. Johannes Flicker an seinem Arbeitsplatz in seiner Praxis in der Breitenstraße in Bad Hersfeld. Auf dem Bildschirm die Röntgenaufnahme eines Schultergelenks.

Über die sogenannte Telemedizin sprach Kai A. Struthoff mit dem Radiologen Dr. Johannes Flicker.

Ein abgedunkelter Raum. Hinter der Jalousie dringt gedämpft der Verkehrslärm der Breitenstraße herein. Ein Schreibtisch, zwei große Monitore, aber kein Patient in Sicht: Das ist der Arbeitsplatz von Dr. Johannes Flicker. Am Bildschirm befundet der Radiologe Querschnittbilder, die Computertomografen (CTs) in seiner Praxis aufnehmen. Über die sogenannte Telemedizin sprach Kai A. Struthoff mit dem Arzt.

Dr. Flicker, Sie sind der Pionier der Teleradiologie, der Telemedizin, hier bei uns im Kreis. Was versteht man darunter genau?

Das heißt nichts anderes, als dass Daten von Patienten via Telefon, Internet und Datenleitungen an andere Kollegen weitergegeben werden, die sich dann mit dem Fall beschäftigen. Es können sich auch mehrere Kollegen zusammenschalten und gemeinsam eine Diagnose stellen. Dadurch kann man eine breite Basis von Spezialisten für einen Fall konsultieren.

Eignet sich diese Art der „Ferndiagnose“ für alle Krankheitsbilder?

Absolut, nein! Wenn ein Patient Brustschmerzen hat, dann kann ich zwar das EKG begutachten, aber dennoch bleiben viele Fragen, die der Arzt direkt vor Ort mit dem Patienten klären muss. Die Telemedizin bezieht sich nur auf Fälle, in denen das Krankheitsbild klar ist, man aber noch genauere Informationen braucht. Für Akutfälle muss der Arzt aber immer noch vor Ort sein.

... denn zur medizinischen Diagnose gehören neben dem Hören und Sehen ja auch das Fühlen und zuweilen auch das Riechen?

Genau, deshalb wird die Telemedizin den Arzt auch nicht völlig ersetzen können. Sie kann aber durch die Konsultation von mehreren Experten, genauere Diagnosen stellen. Auch angesichts des zu erwartenden Ärztemangels kann die Telemedizin Engpässe überbrücken helfen.

In Ländern wie Skandinavien, Australien oder den USA ist die Telemedizin allein schon wegen der räumlichen Distanzen weiter verbreitet. Wie sieht es bei uns im Kreis aus?

Hier im Landkreis bin ich tatsächlich bislang der einzige Telemediziner. Das fing damit an, dass ich den normalen Röntgenfilm – schon aus Kostengründen – durch die CD abgelöst habe. Das wurde lange nicht von allen Kollegen akzeptiert. Außerdem habe ich die Daten der Patienten direkt in den OP überspielt. Ähnlich ist es übrigens mit dem EKG, das es früher nur als Papierstreifen gab. Heute gibt es digitalisierte Daten, die ich weiterschicken und anderen zur Verfügung stellen kann.

Dafür braucht es schnelle Datenleitungen. In einigen Teilen des Kreises gibt es kaum Handyempfang ...

Das ist ein Problem, anfangs sind uns dauernd die Datenleitungen abgestürzt. Zurzeit ist die Lage wenigstens zwischen Rotenburg, Bebra und Bad Hersfeld stabil. Wir haben drei Profi-Leitungen zwischen den drei Krankenhäusern und der Praxis hier. Die werden immer stabiler, weil der Ausbau der Netze voranschreitet. Wenn ich meine Daten aber einem Hausarzt in Wildeck oder Sontra zur Verfügung stellen will, gibt es oft noch Probleme.

Schon bei der Einführung der Patientenkarte wurde viel über Datensicherheit diskutiert. Auch bei der Übertragung von Patientendaten besteht doch die Gefahr des Datenklaus durch Hacker?

Wobei weder die Röntgenbilder noch die Befunde für Datendiebe sonderlich interessant sein dürften. Denen geht es mehr um personenbezogene Daten wie Name, Geburtsdatum oder Anschrift, eventuell auch um Krankheitsbilder für den Arbeitgeber. Trotzdem ist die Abschottung nach außen für uns sehr wichtig. Wir investieren viel in spezielle Datenserver und Virenscanner, die alle unsere Computer ständig überwachen. Trotzdem kann man den Datenschutz auch übertreiben und damit dann den Fortschritt zum Nutzen des Patienten verhindern.

Wie sieht dieser Fortschritt langfristig aus?

Meine Wunschvorstellung ist, dass wir irgendwann im ganzen Landkreis eine einheitliche Plattform für Bilder und Patientendaten haben, auf die alle drei Krankenhäuser und auch die niedergelassenen Ärzte zugreifen können. Das würde viel Zeit und viele kostspielige Mehrfachuntersuchungen sparen.

Wie realistisch ist es, dass irgendwann die, beispielsweise von einer Gemeindeschwester bediente, Webcam und eine Datenleitung zum Spezialisten die Hausärzte ersetzen?

Ersetzen bestimmt nicht, aber in den nächsten fünf bis acht Jahren wird sich das System ändern müssen, weil altersbedingt dann bis zu 55 Prozent der Ärzte fehlen werden. Lange Hausbesuche könnten dann durch telemedizinische Diagnosen abgelöst werden. Darin liegt auch die große Chance der Telemedizin, die dann bei nicht ganz so schwierigen Fällen den Hausbesuch ersetzen kann.

Spielen wir Science-Fiction: Können Sie sich vorstellen, dass Patienten von einem Medizinroboter operiert werden, der von einem Arzt in einer anderen Stadt gesteuert wird?

Das gibt es schon! Zum bespiel im Bereich der Hüftoperationen. Aber man hat festgestellt, dass der Roboter diese Hüften noch nicht so präzise und genau einbauen kann, wie der Mensch. Aber leichte Standard-OPs werden davon irgendwann abgelöst werden. Dann wird der Arzt nur noch eingreifen, wenn ihm der Roboter Probleme meldet. Die Technik wird mit der Zeit in weiten Bereichen der Medizin den Menschen ersetzen.

Zur Person

Dr. Johannes Flicker wurde 1958 in Ludwigshafen geboren, er hat in Köln studiert und ist ausgebildeter Diplom-Sportlehrer, Internist und Radiologe. Er hat in der Kardiologie promoviert und ist außerdem Notarzt. Weitere berufliche Stationen waren nach der Uni-Klinik Köln, das Großklinikum Ludwigshafen und das Klinikum Bad Hersfeld, wo er leitender Oberarzt war. Seit 2002 ist Dr. Flicker selbstständig und hat drei Praxen am HKZ und dem Kreiskrankenhaus in Rotenburg sowie in der Breitenstraße in Bad Hersfeld. Dr. Flicker ist verheiratet und hat eine Tochter. Als Ausgleich zur Arbeit in abgedunkelten Räumen vor dem Computerbildschirm dient ihm das Rudern, wo er in seiner Altersklasse in internationalen Wettkämpfen erfolgreich ist.

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