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Jubelnder Beifall für Musical „Goethe!“ in der Stiftsruine

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Von: Christine Zacharias

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Lotte (Iréna Flury) Und Goethe (Philipp Büttner) lesen aus dem Werther-Manuskript.
Die Kraft der Dichtung: Lotte (Iréna Flury) Und Goethe (Philipp Büttner) lesen aus dem Werther-Manuskript. © Steffen Sennewald

Minutenlangen jubelnden Beifall im Stehen gab es für die Wiederaufnahme des Musicals „Goethe!“ bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Bad Hersfeld – Wer bei Goethe an langatmige Deutschstunden denkt oder in Ehrfurcht erstarrt ob der Großartigkeit des deutschen Dichterfürsten, der wird hier eines Besseren belehrt. Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen nun schon im zweiten Jahr in der Inszenierung von Gil Mehmert einen durch und durch unkonventionellen Goethe, einen jungen Mann, der keine Lust auf ein trockenes Studium hat, aber sehr viel Begeisterung aufbringt für romantische Begegnungen und für die Schönheit der Natur, der ebenso gut fluchen kann wie in wohlgesetzten Worten Verse schmieden.

Verkörpert wird der Dichter von Philipp Büttner und der hat im Vergleich zum Vorjahr nichts von seinem Feuer verloren. Wenn er mit seinem Vater diskutiert, „einfach leben“ zu dürfen, wenn er mit Goethes Dichtkunst die junge Lotte betört oder schließlich mit sich ringt, ob er sich umbringen oder weiterleben soll, das ist großes Theater, scheinbar mühelos gesungen mit klangvoller und tragender Stimme. Dafür hat Büttner zurecht im vergangenen Jahr den Zuschauerpreis erhalten.

Sein Goethe steht im Zentrum des temporeichen Musicals, das mit bombastischen Orchesterklängen, komponiert von Martin Lingnau, scheinbar atemlos von Lied zu Lied eilt (musikalische Leitung Christoph Wohlleben) und dem geneigten Publikum kaum Zeit zum Verschnaufen lässt. Allerdings ist das Publikum sehr geneigt, applaudiert freudig nach jedem von Frank Ramond geschriebenen Song und springt mit dem Schlussakkord zu minutenlangem, jubelnden Beifall im Stehen auf.

Lotte wird in diesem Jahr von Iréna Flury verkörpert. Sie fügt sich nahtlos ein in die Inszenierung, ihre Lotte ist allerdings reifer und selbstbewusster als die Darstellung der Vorgängerin Abla Alaoui. Stimmlich muss sie sich noch freisingen. Gerade in den Höhen klingt sie sehr angestrengt.

Wilhelm Jerusalem (Jonas Hein)  mit Rotschopf Margarete (Karen Müller)
Wilhelm Jerusalem (Jonas Hein) ist verzweifelt. Seine geliebte Margarete (Karen Müller) ist schon verheiratet. © Steffen Sennewald

Ebenfalls neu im Ensemble an zentraler Stelle ist Jonas Hein, der Goethes Freund Wilhelm Jerusalem darstellt und das mit beeindruckender Stimme und anrührender Ausdruckskraft, als er an seiner vergeblichen Liebe zu Rotschopf Margarete, frech gespielt von Karen Müller, verzweifelt.

Ein erfreuliches Wiedersehen und Wiederhören gibt es zudem mit Christof Messner als Kestner, Rob Pelzer als Goethes Vater, Detlef Leistenschneider als Lottes Vater, Mischa Mang als Mephisto und Inga Krischke als Anne. Leider weniger erfreulich ist dagegen, dass auch die Szene, in der die Jagd auf Wild mit der Eroberung von Frauen gleichgesetzt wird, wieder mit dabei ist. Schließlich ist „Goethe!“ kein überkommener historischer Schinken, sondern ein modernes Musical, da hätte man sich so eine sexistische Darstellung wahrlich sparen können.

Faszinierend ist die tänzerische Leistung des Ensembles. Die Choreografie von Kim Duddy ist rasant und originell. Jeder Schritt, jede Bewegung hat einen zusätzlichen Kick und zeugt von größter Präzision. Die Kostüme hat Claudio Pohle als eine opulente Mischung von historisch und modern entworfen. Auch das Bühnenbild von Jens Kilian bezaubert mit scherenschnittartigen Bildern und einer großen Bühne in der Mitte, die je nach Bedarf weitere Ebenen und Schauplätze ermöglicht. Leider wird nur der vordere Teil der Bühne genutzt. Trotzdem ist „Goethe!“ auf jeden Fall sehenswert, auch zum zweiten Mal. (Christine Zacharias)

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