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„Kampflos gehe ich nicht“: Arno Seelen über den Einzelhandel in Bad Hersfeld

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Sie wollen nicht kampflos aufgeben: Arno Seelen und Brigitte Seelen von ihrer Boutique „Légère woman“ am Linggplatz. Die beiden Geschäftsleute sorgen sich um die Zukunft der Bad Hersfelder Innenstadt.
Sie wollen nicht kampflos aufgeben: Arno Seelen und Brigitte Seelen von ihrer Boutique „Légère woman“ am Linggplatz. Die beiden Geschäftsleute sorgen sich um die Zukunft der Bad Hersfelder Innenstadt. © Kai A. Struthoff

Er will nicht kampflos aufgeben: Geschäftsmann Arno Seelen spricht im Montagsinterview über die Situation des Einzelhandels in Bad Hersfeld.

Bad Hersfeld – Zwei Jahre Corona, die steigende Inflation, explodierende Energiepreise und die allgemein gedrückte Stimmung machen sich auch in den Einkaufsstraßen bemerkbar. Nicht nur in Bad Hersfeld stehen immer mehr Geschäfte leer. Auch der alteingesessene Kaufmann Arno Seelen hatte überlegt, seine Boutique „Légère woman“ am Linggplatz zu schließen. Warum er doch weitermacht, erzählte er Kai A. Struthoff.

Herr Seelen, Ihre Boutique „Légère woman“ ist eines der wenigen eigentümer-geführten Geschäfte neben vielen Filialisten in der Innenstadt. Warum wollten Sie schließen?

Alle stationären kleinen Einzelhändler überlegen in der heutigen Zeit, ob es noch sinnvoll ist, weiterzumachen. Uns belastet schon lange die Konkurrenz durch den Onlinehandel, dazu kam die Pandemie, und wir haben zunehmend Schwierigkeiten, Personal zu finden. Dazu kommt die Unsicherheit: Wie geht es weiter mit dem Unkraine-Krieg. Man merkt, dass die Kunden bei Käufen zurückhaltend sind, weil sie erst mal die nächste Energierechnung abwarten wollen. Dem Einzelhandel fehlt zurzeit einfach die Zukunftsperspektive, das Licht am Ende des Tunnels.

Trotzdem machen Sie nun doch weiter. Warum?

Für mich als alten Hersfelder hat das auch viel mit Herzblut zu tun. Deshalb haben wir nach einer Übergangslösung gesucht, die wir mit Unterstützung der Vermieterin auch gefunden haben – wofür ich dankbar bin. Eigentlich wäre unser Mietvertrag zum Ende des Jahres ausgelaufen. Die Vermieterin kommt uns nun bei der Miete entgegen, und wir haben eine Option auf vorerst weitere zwölf Monate, statt uns gleich für fünf Jahre zu verpflichten. Auch unsere Personalprobleme konnten wir lösen. Bis Ende 2023 sehen wir hoffentlich alles klarer, sodass wir es jetzt einfach weiterversuchen. Kampflos das Feld räumen ist für mich – und viele meiner Kollegen – jedenfalls keine Option.

Die designierte Bürgermeisterin Anke Hofmann will einen Stadtmanager einstellen, um den Einzelhandel besser an die Stadt anzubinden. Ist das der richtige Weg?

Um dem Einzelhandel zu helfen, brauchen wir einen großen, runden Tisch an dem natürlich die Hauseigentümer sitzen, dazu eben der Stadtmanager, und auch das städtische Stadtmarketing, der Stadtmarketingverein und die Stadtpolitik. Die Zusammenarbeit mit dem städtischen Fachbereich Stadtmarketing ist schon jetzt sehr gut, dabei ist vor allem Markus Heide sehr aktiv und auch sehr gut. Aber die Thematik Leerstand ist viel umfassender. Ohne ein Entgegenkommen der Hauseigentümer geht es einfach nicht. Denn auch die großen Handelsketten sind nicht so leicht für Bad Hersfeld zu gewinnen.

Reicht das allein aus?

Nein, ich finde, auch die Bundesregierung ist hier geforderet. Früher wurden ja auch die Hotels unterstützt und mussten nur sieben Prozent Umsatzsteuer bezahlen. Das wäre auch eine gute Hilfe für den kleinen stationären Einzelhandel. Dabei könnte man ja problemlos Umsatzgrenzen festlegen, damit beispielsweise die großen Handelsketten oder der Onlinehandel weiter normal besteuert werden können. Jedenfalls sollte auch die große Politik in Berlin ein Interesse daran haben, dass wir lebendige Innenstädte auch im ländlichen Raum haben.

Der Fachbereich Stadtmarketing hat in der Corona-Zeit viele Events mit Musik und Show organisiert, um Menschen in die Stadt zu locken. Hilft das tatsächlich den Einzelhändlern?

Auf alle Fälle erhöht es die Frequenz. Das tut der Stadt gut und ist allemal besser, als wenn alles leer ist, so wie jetzt hier auf dem Linggplatz. Manche Leute gucken dann erst mal und kommen in der Woche danach noch mal, um einzukaufen. Bei diesen Veranstaltungen sollten wir auf jeden Fall bleiben, denn sie machen sich bezahlt.

Sie haben den leeren Linggplatz kritisiert, wo sonst zu dieser Jahreszeit der Weihnachtsmarkt war. Nun sind alle Besucher ganz begeistert vom neuen Standort im Stiftsbezirk. Sie offenbar nicht?

Natürlich sind die Kulisse und das Ambiente im Stiftsbezirk einmalig und auch sehr schön. Für die Besucher ist das ein Träumchen, für die Händler in der Innenstadt aber nicht. Denn der Weihnachtsmarkt beginnt erst am Abend und vor allem am Wochenende zu leben, wenn die Geschäfte in der Stadt geschlossen haben. Es ist schwierig, gegen diesen Weihnachtsmarkt zu sein, weil er so gut ankommt. Aber für Handel und Gastronomie wäre ein Weihnachtsmarkt zentral gelegen mitten in der Stadt besser. Vielleicht gelingt es uns ja, den Weihnachtsmarkt zu einer überregional-bekannten Marke zu machen, damit mehr Besucher und dann auch mehr Händler kommen. Der Linggplatz muss wieder mehr bespielt werden. Man muss prüfen, inwieweit dies realisierbar ist.

Eine über-regional bekannte Marke sind unsere Festspiele. Wie wichtig ist das Theaterfestival für den örtlichen Einzelhandel?

Die Festspiele, das Lullusfest und die zwei Wochen vor Weihnachten sind die umsatzstärksten für den Einzelhandel. Bei den Festspielen ist es allerdings nicht mehr so wie früher, als die Stücke noch en bloc gespielt wurden. Damals kamen viele Zuschauer gleich für mehrere Tage, haben hier übernachtet und hatten eben auch Zeit zum Einkaufen. Aber immer noch ist das Geld für die Festspiele im Sinne der Umwegrentabilität gut investiert.

Sie haben die neue Bürgermeisterin im Wahlkampf unterstützt. Anke Hofmann will den Bereich des Stadtmarketings neu aufstellen. Welche Erwartungen haben Sie?

Frau Hofmann hatte dem Stadtmarketingverein angekündigt, dass sie eine neue Stelle für einen echten Marketingspezialisten schaffen will, um von dort alle Aktivitäten zu bündeln und zu steuern. Jetzt gilt es, dafür eine geeignete Person zu finden. Wir haben in diesem Bereich in der Vergangenheit viel Zeit verschenkt ...

Früher trug diese Stelle den Titel Kurdirektor, und der Posten war immer ein Schleudersitz. Ist diese Position nicht mit zu vielen Aufgaben und Erwartungen überfrachtet?

Das kann schon sein. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Frau Hofmann eine Neustrukturierung anstrebt. Der oder diejenige muss qualifiziert sein, ein gutes Netzwerk und eine gewisse Beinfreiheit haben. Zur Ergänzung, Unterstützung und Abrundung gibt es in der Stadt ja schon sehr gute Mitarbeiter.

Im Bürgermeisterwahlkampf waren sich ja alle Kandidaten einig, dass sich Bad Hersfelder unter Wert verkauft und zurückfällt, während die Nachbarstädte Bebra und Rotenburg stark aufholen. Sehen Sie das auch so?

Das ist leider die Realität. Die Aktivitäten unserer Nachbarn sind inzwischen viel zielgerichteter. Und Fulda ist uns längst meilenweit davongelaufen. Es gibt aber durchaus junge Leute, die nach ihrer Ausbildung in die Stadt zurückkommen und die Region voranbringen wollen. Aber auch für jüngere Menschen muss die Stadt attraktiv gemacht werden. Wir haben unter anderem mit der Schilde-Halle und der Stadthalle viele Veranstaltungsorte. Bad Hersfeld hat viel zu bieten. Mir fällt dazu immer ein Wort des Hessentagsbeauftragten ein: Staatsminister Axel Wintermeyer hatte damals gesagt: Bad Hersfeld ist ein Kleinod, was seines gleichen sucht, nur keiner weiß es ... Es gibt viel zu tun, packen wir es alle an!

Zur Person

Arno Seelen (70) ist ein „ahler Herschfeller“, der innerhalb der Stadtmauern von Hersfeld geboren wurde. Er hat Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Steuerrecht studiert. Gemeinsam mit Brigitte Seelen betreibt er die Boutique „Légère woman“. Die beiden haben eine gemeinsame erwachsene Tochter. Lange Jahre spielte Arno Seelen als Torwart für die SG Hessen-Hersfeld. 

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